zur Navigation springen

Tiefen Hirnstimulation : Parkinson-Patient aus Itzehoe: „Es ist alles wieder da“

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Der Itzehoer fühlt sich nach der THS-Behandlung wie ein neuer Mensch – und empfiehlt den Eingriff auch anderen Betroffenen.

von
erstellt am 05.Dez.2016 | 16:57 Uhr

Itzehoe/Kiel | Nach anderthalb Stunden Gespräch meldet sich die Blase. „Ich muss ganz dringend auf Toilette“, sagt der 65-Jährige und eilt durch sein Haus. Kurz darauf kommt er zurück und fragt: „Haben Sie gesehen, wie ich gelaufen bin?“ Er strahlt, denn sein Tempo ist keineswegs selbstverständlich. Der Itzehoer hat die Parkinson-Krankheit. Seine Beweglichkeit war bereits stark eingeschränkt, dann kam eine Operation Anfang Oktober. Seit der Tiefen Hirnstimulation (THS) ist er ein neuer Mensch.

Als seine rechte Hand vor zehn Jahren leicht zitterte, dachte sich der Itzehoer – viele kennen ihn, deshalb möchte er anonym bleiben – nicht viel dabei. Das Zittern blieb, mehrere Untersuchung beim Neurologen folgten. „Dann kam die Hammer-Diagnose Parkinson.“ Zunächst sorgten Medikamente dafür, dass er die Krankheit fast vergaß und niemand etwas bemerkte. Aber schon nach vier bis fünf Jahren habe er nachts gemerkt, wie er mit Trippelschritten unterwegs gewesen sei, sagt der 65-Jährige. Überbewegungen kamen hinzu, „sehr unangenehm, vor allem, wenn man berufstätig ist“. In diesem Jahr sei es plötzlich noch deutlich schlechter geworden. Sein Fazit: „Die Medikamente waren kein verlässlicher Partner mehr.“

Was nun? Der Itzehoer wusste von THS, die seit Ende der 90er angewandt und mittlerweile fest etablierte Behandlungsmethode ist, und las in der Zeitung von einem Vortrag zu dem Thema. Er ging hin, und bald darauf wurde die Operation in Kiel vorbereitet. Ein 20-köpfiges Team habe sie vorgenommen, Neurochirurgen platzierten Elektroden im Gehirn und einen Schrittmacher in der Brust, Neurologen begleiteten den Eingriff und prüften fortlaufend, ob sich die Beweglichkeit des Patienten verbesserte. Dieser ist zunächst in Narkose, dann aber bei vollem Bewusstsein, während durch die örtlich betäubte Kopfhaut an zwei Stellen in das Gehirn gebohrt wird. Dieses sei nicht schmerzempfindlich, die Prozedur sei unangenehm, aber auszuhalten, sagt der 65-Jährige. Man müsse schon seinen Mut zusammennehmen – doch er will an Parkinson-Kranke appellieren, sich zu trauen: „Es lohnt sich allemal!“

Vor allem, wenn es rechtzeitig passiert. Viele kämen erst auf THS, wenn der Leidensdruck zu groß sei – oft zu spät. Doch auch jüngere Patienten profitieren erheblich, das zeigten umfangreiche Studien mit Beteiligung der Kieler Uni-Klinik: „Fast ausnahmslos haben sich alle Parameter der Beweglichkeit verbessert“, so Professor Dr. Günther Deuschl, Chef der Neurologie am Uni-Klinikum.

Das kann der Itzehoer nur dick unterstreichen: Es gehe ihm „sehr, sehr, sehr gut“, er habe mit bisher vorbildlichem Verlauf sehr viel Glück gehabt. Über eine Art Fernbedienung kann er in Absprache mit den Ärzten das Gerät in seiner Brust und damit die Impulse selbst steuern. Das Einsetzen geht mit vier bis fünf Stunden deutlich schneller als bei früheren Geräten, und der 65-Jährige beteiligt sich damit an einer weltweiten Studie. Zum Ende der Ladezeit in einigen Jahren muss es ausgetauscht werden, dann vermutlich gegen ein von außen wiederaufladbares Gerät.

Noch befindet er sich auf der Skala der möglichen Impulse sehr weit unten und kann sagen: „Es ist alles wieder da.“ Die Beweglichkeit ist ebenso zurück wie die Aktivität. Gartenarbeit und Lieblingssport kann er wieder betreiben, Theater, Reisen – alles ist möglich. „Die Lebensqualität wird dramatisch verbessert“, sagt der Itzehoer. Dies gilt auch, weil die Menge der Medikamente und damit der Nebenwirkungen drastisch reduziert werden konnte – das sei ein Hauptziel.

Am Ende führe natürlich kein Weg am vorgezeichneten Ende bei Parkinson vorbei, aber die Zeit wird nicht nur verlängert, sondern auch mit viel mehr Leben gefüllt. Der 65-Jährige formuliert es lächelnd so: „Die nächsten 20 Jahre können geplant werden. Das ist wirklich ein tolles Gefühl.“


Die ruhende Parkinson-Selbsthilfegruppe will der Itzehoer wieder aktivieren. Informationen gibt es bei der Kontaktstelle Kibis unter Telefon 04821/600133.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen