zur Navigation springen
Norddeutsche Rundschau

16. August 2017 | 15:27 Uhr

Packender Reigen als Auffrischung zum Abi

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

„Komm. Bleib noch. Geh.“ Gelesen haben dieses Hin- und Herpendeln zwischen Nähe und Distanz alle Abiturienten des Landes. Für sie ist Arthur Schnitzlers „Reigen“ (1903) eines der vier verbindlichen Zentralthemen für den Deutschunterricht in der Oberstufe.

Das Umarmen für den angestrebten Sexualakt und umgehende Wegstoßen, wenn die Bedürfnisse erfüllt sind, hautnah mitzuerleben, ist wesentlich beeindruckender. Zu sehen war, wie Paare auf Tuchfühlung kommen wollen, aber dennoch mit Worten auf Abstand gehen und umgekehrt.

Schnitzlers Szenenfolge, mit der das Landestheater im Theater Itzehoe gastierte, thematisiert mit zehn mehr oder weniger flüchtigen Begegnungen quer durch alle Schichten die Suche nach dem Glück, aber auch die Rolle der Standesunterschiede, der gesellschaftlichen Zwänge und Freiheiten.

Das einfache, teilweise diskret verhüllende Bühnenbild und kommentierende Musikeinspielungen zwischen den Szenen unterstreichen die Dramatik des Totentanzmotivs. Denn unter der aufgeheizt-sexualisierten Oberfläche schlummert bei Schnitzler die Verdrängung des nahenden Untergangs der alten Gesellschaftsordnung in der Weltkriegs¬pokalypse.

Max Claessens Inszenierung deutet diesen zeitenthobenen Subtext nur an, verweist auf AIDS statt Syphilis und zeigt den im Original stärker über die Zukunft philosophierenden Grafen nur als Karikatur seiner Zeit.

Dazu die Abiturienten: „Die Aufführung war viel packender und kurzweiliger, als ich erwartet habe“, „geniale Umsetzung“, „die Doppelmoral wurde gut deutlich, aber der Graf kam zu schlecht weg“, „tolles Bühnenbild“.

Für die Gymnasiasten aus Itzehoe, Glückstadt und Meldorf bot der Besuch im ausverkauften Theater eine gute Auffrischung des Stoffs, der ihnen nach den Osterferien in der schriftlichen Deutschprüfung abverlangt wird. Sie verfolgten konzentriert und amüsiert, wie die vergebliche Selbstsuche nur über den Beischlaf läuft, der zehn Mal raffiniert angedeutet wird. Bei Schnitzler umfasst er dezent jeweils nur drei Punkte, alles andere spielt sich im Kopf ab, was damals für den Skandal reichte.

Moderne Inszenierungen setzen meist stärkere und oft ironisch gebrochene Reize, um die Reizüberflutung zu kontern, so auch Claessen: Der „süße Junge“ (Christian Simon), der „das süße Mädel“ der Wiener Jahrhundertwende homoerotisch aktualisiert, kokettiert aufreizend mit dem Publikum. Das fanden einige zu bedrängend: „Ein bisschen übertrieben, aber ein toller Schauspieler.“

Karte
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen