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Packender Bericht mit Übermaß an Selbstdarstellung

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Als Extremsportlerin sieht sie sich nicht. Eigentlich sei sie eher untrainiert, könne nicht gut schwimmen und möge kein Wasser, konterte Janice Jakeit alle üblichen Erwartungen. Dennoch hat sie 2011 als erste Frau den Atlantik mit Muskelkraft im Ruderboot überquert. „Eigentlich bin ich auch keine gute Vorleserin“, sagte sie, als Karin Naethke vom Leselust-Vorstand Jakeits Buch „Tosende Stille“ (2014) vorstellte. Die Autorin präsentierte dieses im Spiegelsaal des Neuen Rathauses im Rahmen der traditionellen monatlichen Lesung, beschränkte sich aber überwiegend auf eine bebilderte Schilderung ihrer Extrem-Abenteuer.

Selbst das Rudern musste sie erst lernen, bevor sie die 6500 Kilometer von Portugal bis in die Karibik zurücklegte. Ihre Stärken: Logistik und Kontrolle. Und genügend Selbstbewusstsein, um auf „learning by doing“ zu vertrauen. So plante Jakeit ihre einsame Wasserreise quer durch die viel befahrenen Schiffsrouten der Ozeanriesen zwei Jahre lang in allen Einzelheiten, bevor sie in ihr mit eigener Hand umgebautes schmales Boot stieg. „Ich bin ein Kopfmensch, komme von den Naturwissenschaften.“ Sie engagiert sich mit der Organisation „OceanCare“ für ein wichtiges Umweltprojekt: Mit ihren Erfahrungen will sie auf die Lärmverschmutzung der Weltmeere durch seismische Flotten aufmerksam machen, die das Leben von Walen extrem gefährdet. „In der Dunkelheit des Meeres können sie sich nur über den Hörsinn orientieren und werden bald aussterben, wenn wir so weitermachen.“

Vor allem aber war Janice Jakeit auf der Flucht – vor ihrem in Routine erstarrten IT-Beruf, vor Beziehungen, einem bedrückenden Todesfall in der Familie, vor mangelndem Selbstwertgefühl, aber auch vor innerem Lärm, vor Tinnitus, Migräne und Depressionen, die in einem Zusammenbruch und Selbstmordgedanken mündeten. „Ich fühlte mich wie Kaffee ohne Tasse, mit starker Energie, aber formlos“, fasst sie ihre Erkenntnisse in sprachliche Bilder.

Die Zeit auf dem Wasser habe sie das Begreifen mit allen Sinnen gelehrt, im Unterschied zum nur theoretischen Verstehen. Nun weiß sie, dass Wille und Energie mehr zählt als Training: „Der Körper passt sich an.“ Sie hat sich auf das eigentlich völlig „verrückte Projekt“ ganz eingelassen und erstmals alles losgelassen, was ihr Leben davor ausmachte – im sicheren Bewusstsein: „Ich fange mit dem Atlantik an, dann fügt sich alles.“ Nun haben sich über das Schreiben und die Vorträge neue Wege für sie eröffnet, sieht sie ihre Überzeugung bestätigt. Auch Migräne, Depressionen und Tinnitus gehören der Vergangenheit an. Der Untertitel ihres Buches drückt die Hauptbotschaft aus: „Eine Frau rudert über den Atlantik und findet sich selbst.“

Dennoch ist ihr Projekt nicht gerade zum Nachmachen geeignet. Die zahlreichen Besucher im ausgebuchten Spiegelsaal atmeten öfter tief durch angesichts drastischer Bilder und diverser gefährlicher Situationen, die sie nur mit viel Glück überstanden hat. Nach der Rückkehr sei ihr alles wie das erste Mal erschienen, beschreibt Janice Jakeit die zurückgewonnene Sensibilität, die ihr das elementare Naturerlebnis beschert habe. Kommunikatives Gespür für ihr Publikum ließ die 38-Jährige, die aus dem Erzgebirge stammt und nun in Heidelberg lebt, bei ihrem Auftritt in Wilster allerdings vermissen. Sie war nicht bereit, ihre gut einstudierte Darbietung zu kürzen und erzählte zweieinhalb Stunden ohne Punkt und Komma. Dies ließ alle Fragen verstummen und enttäuschte einige Besucherinnen und Besucher, die lieber mehr vom Meer und seinen Bewohnern erfahren hätten und weniger vom doch sehr selbst verliebten Persönlichkeitstrip.

Man wünscht sich bei Selbstdarstellungstalenten, wie es Janice Jakeit zweifellos ist und wie auch ihr medialer Erfolg belegt, doch eine kritischere Moderation und auch straffere Gestaltung.
 

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erstellt am 20.Feb.2015 | 17:28 Uhr

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