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Norddeutsche Rundschau

18. Dezember 2017 | 17:56 Uhr

Ratgeber für malchin : Operation Aufbau Ost

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Wie der 9. November 1989 nicht nur die Welt, sondern auch das Leben eines Itzehoers veränderte.

shz.de von
erstellt am 09.Nov.2014 | 08:00 Uhr

Als sich die Welt verändert, ist Frank-Dieter Simon beim Volleyball. Wie jeden Donnerstag spielt er am 9. November 1989 mit seinen Kollegen, gönnt sich danach noch eine Pizza und ein Bier. „Erst als ich gegen halb elf zu Hause war und den Fernseher angestellt habe, wusste ich, dass da etwas Besonderes in der DDR passiert ist.“ Dann sitzt er die halbe Nacht vor dem Bildschirm. Damals vor 25 Jahren lässt es sich der heutige Leiter des Hauptamtes der Stadt nicht träumen, dass er schon ein Jahr später in einer Stadt namens Malchin in dem neu geschaffenen Bundesland Mecklenburg-Vorpommern mal das sein wird, was man einen Aufbauhelfer nennt.

Denn das Bild, was Simon damals von der DDR hat, ist geprägt aus einer Erfahrung aus dem Jahr 1986. Für einen Kollegen will Simon von einem Besuch in Ost-Berlin echte Havanna-Zigarren mitbringen. Doch er wird von Grenzern aufgehalten. Barsch fordern sie ihn auf, eine Quittung vorzulegen. „Die hatte ich aber nicht“, sagt Simon. Die Grenzer zwingen ihn, die aus dem Laden zu holen – erst dann darf er Stunden später in die Bundesrepublik zurück. Simon: „Danach war für mich klar: Einmal DDR und nie wieder.“

Doch als er 1989 und 1990 am Fernseher verfolgt, wie die DDR zusammenbricht, merkt er, dass er helfen kann, etwas Neues zu schaffen. Denn am 24. November 1989 klingelt bei der Stadt Itzehoe das Telefon. Am anderen Ende ist der Bürgermeister von Malchin, Joachim Werner, der eine Partnerschaft mit Itzehoe will. „Keine Ahnung, wie die auf uns gekommen sind“, sagt Simon. Die Itzehoer Politik ist jedenfalls begeistert, denn der Magistrat sucht zu diesem Zeitpunkt schon seit Monaten nach einer Partnerstadt in der DDR.

Schon im Dezember bricht eine vierköpfige Delegation aus Malchin Richtung Itzehoe auf – und landet mit ihrem Lada bei Eisglätte in einem Straßengraben in der Nähe von Bad Segeberg. „Die Stadt Itzehoe hat dann den Lada für 2278,29
D-Mark reparieren lassen“, sagt Simon, der den Beleg in den Akten gefunden hat. Es folgen einige Gespräche und bald eine Städtefreundschaft, die nicht nur aus Besuchen von Jugendgruppen und Lokalpolitikern besteht, sondern die in dieser historischen Sonderlage schnell konkret wird. „Wir kommen als Hilfesuchende“, steht als Überschrift über einem Artikel, der am 11. Dezember in der Norddeutschen Rundschau erscheint. Zunächst ist die Hilfe ein Kopierer, den die DDR-Bürger im Kofferraum ihres Ladas mit nach Hause nehmen. „Den brauchten sie wohl besonders dringend. Das war die erste Aufbauhilfe Ost“, sagt Simon.

Punktgenau am 9. November 1990 wird der Freundschaftsvertrag mit Malchin in Itzehoe unterzeichnet, kurz darauf findet sich Simon in Mecklenburg-Vorpommern wieder – nach einer fünfstündigen Autofahrt. „Ein Klischee war wirklich erfüllt – ich habe Malchin als sehr grau in Erinnerung“, sagt Simon. Der damalige Leiter des Sachgebiets EDV und Organisation will nicht als Besserwessi auftreten, sondern möchte den Ostdeutschen vermitteln, wie eine moderne Verwaltung in einer westdeutschen Kommune funktioniert. Er baut die EDV auf, zeigt den Kollegen, wie Lohnabrechnungen ablaufen. „Ich bin gut damit gefahren, nur Ratschläge zu geben – allerdings wurden auch die meisten davon umgesetzt“, sagt Simon.

Viel Personal der alten DDR-Verwaltung sei zu diesem Zeitpunkt schon ersetzt worden. „Und viele der Neuen hatten von Verwaltung wenig Ahnung.“ Immer mal wieder kommt es in den folgenden Jahren vor, dass jemand verschwindet. „Ich habe dann nicht genau nachgefragt, man konnte sich schon denken, warum die dort nicht mehr beschäftigt wurden“, sagt Simon, der über einige Besonderheiten staunt. „In den Schulen wurden zum Teil drei Hausmeister beschäftigt. Bei uns hat das einer gemacht. Mir wurde dann in Malchin nur gesagt: ,Wir müssen doch alle Arbeit haben.‘“

Ein paar Jahre später haben viele die nicht mehr. Weil die Staatsbetriebe geschlossen werden, steigt die Arbeitslosenquote in Malchin bis auf 20 Prozent. „Die Verwaltung musste plötzlich noch mehr den Blick auf das Sozialamt richten – das hat die Menschen dort sehr beschäftigt“, sagt Simon. Der Verwaltungsfachmann ist neben seinem Job in Itzehoe bis 1993 immer wieder für mehrere Wochen im Jahr in Malchin, ab 1994 werden die Besucher seltener. „Es lief einfach“, sagt Simon.

Der 9. November hat für die Menschen in Malchin wohl noch eine größere Bedeutung als für die der Steinburger Kreisstadt. Itzehoes Bürgervorsteher Heinz Köhnke wird dort morgen bei einem Festakt zu Gast sein, aber mindestens einer wird in Itzehoe an den Mauerfall vor 25 Jahren denken: Frank-Dieter Simon. Denn es ist nicht nur der Tag, an dem er Volleyball gespielt hat, sondern ein Tag, in dem eine ganz praktische Städtefreundschaft begann.

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