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Steinburg + 2030 : Ohne Emotionen keine Wirtschaft

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

6. Steinburger Zukunftskonferenz in Dägeling: Gehirnforscher verblüfft mit Erkenntnissen aus der Steinzeit. Akteure wollen Netzwerk-Arbeit intensivieren.

shz.de von
erstellt am 14.Nov.2014 | 05:00 Uhr

Fragt man einen Gehirnforscher, was gestern fast 300 Menschen in die Werkhalle von rekord Fenster und Türen in Dägeling getrieben hat, ist die Antwort auf den ersten Blick überraschend: Nicht der Verstand hat für die Teilnahme an der 6. Steinburger Zukunftskonferenz plädiert, es waren Emotionen. Zu diesem Ergebnis kommt jedenfalls Achim Fringes, Chef der neuomerchandising group GmbH & Co.KG. Dabei hat der Hauptredner der Veranstaltung nicht nur bemerkenswerte Erkenntnisse, sondern auch einen interessanten Lebensweg. Hauptschüler, Einzelhändler, reich geheiratet, erfolgloser Schriftsteller und jetzt Gehirnforscher. Als solcher konfrontierte er seine Zuhörer zunächst einmal mit der ernüchternden Mitteilung, dass unser Gehirn im Prinzip noch auf dem der Steinzeitmenschen beruht. Im digitalen Zeitalter müsste man das so formulieren: Es habe seit 200 000 Jahren kein Update mehr gegeben. Dann machte er aber auch deutlich, wie sehr Gefühle und Emotionen und eben nicht der Verstand unser Leben und Handeln prägen. „Wirtschaft ist eine Kunst, die ohne Emotionen aber nicht funktioniert.“ Letztlich seien es eben immer emotionale Beweggründe, die einen zu Entscheidungen treiben. Achim Fringes betonte aber auch die Bedeutung jedes einzelnen Mitarbeiters in einem Unternehmen. Im Umgang miteinander komme es entscheidend für Vertrauen und Wertschätzung an. Und: „Angst ist der Tod jeder Kreativität.“

Das Schlusswort des Referenten passte dann fast schon programmatisch zur Veranstaltung: „Die Zukunft kann man am besten gestalten, in dem man sie selbst gestaltet.“ Genau das haben auch die Akteure der Zukunftskonferenz wohl schon vor jetzt sieben Jahren erkannt. Und das Treffen gestern machte deutlich, dass eine Erfolgsgeschichte weitergeschrieben wurde. Die Teilnehmerzahl bewegte sich in neuer Rekordhöhe, darunter auch zahlreiche neue Gesichter. „Jeder von uns wollte in der Region etwas bewegen und einfach anpacken“, erinnerte Holcim-Werkleiter Morten Holpert an die Ursprünge der aus der Steinburger Wirtschaft heraus geborenen Initiative. Durch den Nachmittag und den Abend führte wieder Thiess Johannssen (Itzehoer Versicherungen). Er machte mit einem gezielten Hammerschlag hör- und sichtbar, worum es geht: Der Moderator zertrümmerte auf der Bühne eine einfache Glasscheibe. Beim zweiten Versuch mit einer Verbundglasscheibe war das Glas zwar auch kaputt, es hielt aber zusammen und bildete von seiner Trümmerstruktur her sogar eine Art Netzwerk.

Genau dieser Begriff stand gestern auch im Mittelpunkt. Wie können es alle Akteure schaffen, noch enger zusammenzukommen. Timm Richter von der Xing AG berichtete über den Einsatz sozialer Netzwerke. Wer das persönliche Gespräch vorzieht, konnte sich bei einem abschließenden Speed-Dating darin üben. Bunt durcheinander gewürfelt wurden die Zuhörer paarweise an lange Tischreihen gebeten. Hier sollte allerdings weniger geflirtet, als ganz konkret besprochen werden, wie man sich gegenseitig vielleicht nützlich sein kann.

Dass solche Netzwerke auf wirtschaftlicher Ebene höchst erfolgreich sein können, machte Hausherr Jochen Kitzmann deutlich. Mit anderen Fensterproduzenten hat er Europas größtes Fensternetzwerk ins Leben gerufen. Gemeinsames Ziel: Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit. Laut Kitzmann gehörte dazu allerdings auch ein langjähriger Aufbau von Vertrauen. Der 1919 gegründete Familienbetrieb erhofft sich allerdings, von dem Netzwerk mittel- und langfristig zu profitieren. Immerhin gebe es allein in Deutschland noch rund 300 Millionen Fenster, die nicht den heutigen Anforderungen genügten. Da rekord vorwiegend den privaten Bauherrn bedient, konkurriere das Unternehmen das Unternehmen allerdings eher mit Reisebüros als mit Mitbewerbern. Oft fallen private Investitionsentscheidungen nämlich zwischen einer Urlaubsreise und dem Einbau neuer Fenster.

„Netzwerke - wir wachsen zusammen“ hieß das Motto der diesjährigen Zukunftskonferenz. In vielen Wortbeiträgen und an vielen Beispielen wurde deutlich, dass das von der Wirtschaft initiierte Netzwerk schon bestens funktioniert. Ein gemeinsamer Schwerpunkt liegt auch darin, den Kreis Steinburg aus seinem Schattendasein in der Metropolregion herauszuholen. „Hier gibt es so viel Gutes, das muss man einfach hinausschreien“, formulierte es sh:z-Verlagshausleiterin Petra Remus. Und Stefan Schack von der Volksbank Itzehoe sieht die Region schon auf einem sehr guten Weg: „Das Glas ist jetzt nicht mehr halb leer, sondern zu drei Vierteln voll.“ Seine Botschaft an alle potentiellen Neubürger und ansiedlungswillige Unternehmer: „Hier gibt es viele und bezahlbare Flächen.“ Die Förderung der Bildungslandschaft hat sich dabei Mitakteur Professor Dr. Jürgen Teifke auf die Fahnen geheftet. Sein Rezept: „Einfach machen, es macht Spaß.“ Das kürzlich in Itzehoe erföffnete Bildungsbüro ist nur ein Ergebnis aus sechs Jahren Zukunftskonferenz.

„Unser Ziel war es, dass sich möglichst viele Menschen engagieren“, sagte IZET-Chef Professor Dr. Ralf Thiericke. Und das habe man geschafft. Nach der Schaffung des dafür erforderlichen Bewusstseins gehe es jetzt darum, dass möglichst viele Steinburger Akteure und Unternehmer den engen Schulterschluss üben. In punkto Kreativität, das beweist die Zukunftskonferenz alljährlich aufs Neue, sind da wohl kaum Grenzen gesetzt. Auch, wenn auch die Steinburger da offenbar nur mit den Denkfähigkeiten auf Steinzeit-Niveau agieren können. Im Zweifel, erinnert sei an Gehirnforscher Fringes, helfen da ja Emotionen weiter.

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