Ohne Dolmetscher geht oft gar nichts

Hilft, wenn die Verständigung fehlt: Hassan Bouryouss dolmetscht.
Hilft, wenn die Verständigung fehlt: Hassan Bouryouss dolmetscht.

Flüchtlinge: Hassan Bouryouss ist bei Verständigungsproblemen ein gefragter Mann

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02. Mai 2015, 14:23 Uhr

Einen Acht-Stunden-Tag kennt Hassan Bouryouss schon lange nicht mehr, den hatte der 37-jährige Brunsbütteler zuletzt als Kühlmeister in einer Marner Fischfabrik. Nachdem ihm die Gesundheit einen Streich gespielt hatte, sattelte der gebürtige Marokkaner um auf die Gastronomie. Von dort führten ihn seine Sprachkenntnisse ins Dolmetschen für Asylbewerber und Flüchtlinge. Längst ist daraus eine Vollzeitbeschäftigung geworden. Bouryouss spricht neben Deutsch auch Arabisch, Französisch und Berber. Seit 17 Jahren lebt er in Deutschland – die Liebe führte ihn an die Elbe, wo er mit Frau und zwei Kindern wohnt.

Mitunter sieht er seine Familie nur am Wochenende. Dolmetschen, sagt er, sei mehr als nur Gespräche übersetzen. Meist ist es die Diakonie, die seine Hilfe braucht, um mit Flüchtlingen sprechen zu können. Doch auch die Stadtverwaltung – Brunsbüttel betreut Flüchtlinge und Asylbewerber auch für die Ämter Marne-Nordsee und Burg-St. Michaelisdonn – setzt auf Hassan Bouryouss. Polizei, die Kreisverwaltungen in Heide und Itzehoe, mitunter auch Hamburger Behörden, ziehen ihn hinzu, um Sprachprobleme aus der Welt zu räumen.

Er weiß: „Ohne Dolmetscher geht gar nichts. Null.“ Ausweichen aufs Englische sei in der Regel nicht möglich – das spreche kaum einer, der aus seiner Heimat in den Krisengebieten im Nahmen Osten und dem Norden Afrikas geflüchtet sei. „Ich bin wie ein Vater, der immer dabei sein muss.“

Das führt zu den 37-Jährigen immer wieder in kuriose Situationen, in denen auch Feingefühl gefragt ist. Etwa, wenn er einen Patienten im Krankenhaus zum operativen Eingriff begleiten muss oder jemandem als Übersetzer zur Seite steht, der psychotherapeutische Behandlung benötigt. Manchmal fordert ihn die Polizei an. Dann muss er Flüchtlingen schon mal erklären, weshalb es in Deutschland ab 22 Uhr ruhiger zugeht. „Die dürfen ja nicht arbeiten, haben den ganzen Tag Zeit und sind ausgeruht“, weiß er um die Problematik. „Und die Nachbarn wollen Ruhe haben, weil sie früh hoch müssen.“ Arbeiten würden seine Mandanten, die oft sehr gut ausgebildet seien, auch gern. „Die wollen arbeiten, aber es geht ja nicht.“ Manchmal schreitet Hassan Bouryouss selbst zur Tat. Kürzlich hatte er einem Mann einen Job als Friseur vermittelt. „Der ist so glücklich, dass er seinen Beruf ausüben kann!“ Das sind die Momente, aus denen der Wahl-Brunsbütteler Kraft schöpft.

Die braucht er. Denn aus den Lebensgeschichten, die ihm anvertraut werden, weiß er was diese Menschen durchgemacht haben, bevor sie nach Deutschland kamen. Zuweilen hilft ihm auch nur das kurze Entspannen bei seiner Familie, etwa wenn er Menschen betreut, die Kriegsverletzungen davon getragen haben. Manchmal sind es noch Kinder. „Dann komme ich nach Hause und frage mich: Wo leben wir eigentlich?“ Doch an der Welt verzweifeln entspricht nicht seinem Naturell. Sobald das Telefon läutet und er angefordert wird, macht sich Hassan Bouryouss auf den Weg. Auch am Wochenende. Denn: „Ich liebe meine Arbeit.“

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