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Wewelsflether Gespräch : Öffentliche Armut – privater Reichtum

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Ein erlesenes Podium war der Einladung zum Wewelsflether Gespräch gefolgt. Kontroverse Debatten blieben aber Mangelware, Stattdessen überzeugten Björn Engholm, Maria Jepsen und ihre Gesprächspartner mit überzeugenden Thesen zur Arm-Reich-Problematik.

Günter Grass war nicht da. Aber das hatte auch keiner der fast hundert Besucher und schon gar kein Teilnehmer auf dem Podium erwartet. Zwar gehört der Literat zu den Gründern der Wewelsflether Gespräche vor 30 Jahren. Dennoch bleibt er diesen seit ihrer Reaktivierung im November 2000 fern. Allemal, wenn mit Björn Engholm ein zwar alter Weggefährte eingeladen ist, mit dem Grass jedoch gebrochen hat. Was der bedeutende Schriftsteller am Freitagabend zu der Diskussion um „reiches Deutschland – armes Deutschland“ beigetragen hätte, wäre spekulativ. Engholm jedenfalls hätte man kaum missen mögen.

Redegewandt, charismatisch und überzeugend stellte der ehemalige Ministerpräsident Schleswig-Holsteins seine Thesen auf, unterstrich gestenreich seine Ausführungen und malte in kräftigen Bildern vielfach mit druckreifen Überschriften. Einzig die fast vollständig fehlende Gegenrede trübte die Ausführungen sämtlicher Gäste in der Runde. Das konnte aber nicht verwundern, anhand des ausschließlich sozialen und sozialdemokratischen Podiums.

Neben Engholm saßen der Reeder Peter Krämer, der Hamburger SPD-Bürgerschaftsabgeordnete Wolfgang Rose, die Bischöfin a.D. Maria Jepsen und und Peter Dietrich, langjähriger Chef der Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA). So war Moderator Professor Rainer Burchardt bemüht, mit kritischen Nachfragen Würze ins Gespräch zu bringen. Wer aber Provokationen oder bissige Polemik erhofft hatte, kam nicht auf seine Kosten. Ein lebhafter Abend war es dennoch.

Anfangs stand die Frage nach den Schuldigen für die Spaltung der Gesellschaft und die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich. „Die Agenda 2010 hat sicher einen Anteil“, gab der langjährige Verdi-Landesbezirksleiter zu. Eine der bekanntesten Fehleinschätzungen sei in diesem Zusammenhang die Annahme, man könne die Menschen über Zeitarbeit wieder in feste Arbeitsverhältnisse bringen.

An der Agenda, konkret an Hartz IV, übte auch Peter Dietrich Kritik. Die habe natürlich zur Spaltung der Arbeitnehmer geführt. Dem wollte Björn Engholm so nicht uneingeschränkt zustimmen. Hartz IV habe die Situation möglicherweise verschärft, aber nicht verursacht. Der Sozialdemokrat beklagte vielmehr, dass nur noch etwa drei Prozent des Vermögens auf der Welt dazu diene, reale Investitionen zu schaffen. „97 Prozent sind reines spekulatives Kapital, Spielgeld mit dem an den Finanzmärkten Geschäfte gemacht werden.“ Der Staat müsse sich um die ärmeren Menschen kümmern, während die Reichen ihr Vermögen verwalten. „Wir haben inzwischen eine öffentliche Armut und privaten Reichtum.“

Ein Lob für die Schröder-Agenda gab es von Peter Krämer. Der Reeder relativierte aber gleich darauf, dass es unverantwortlich gewesen sein, in die Rechte der Arbeitnehmer einzugreifen, ohne die Reichen deutlich zu beteiligen. Krämer selbst sieht eine Chance, um die Gesellschaft wieder gerechter zu gestalten in der Bildung, dort müsste angesetzt werden, um Chancengleichheit herzustellen.

Die großen Zahlen über die Verteilung von Reichtum und mögliche Mindestlöhne würden sie beeindrucken, erklärte Maria Jepsen. Sie sei vielfach mit Armut in Berührung gekommen, so die ehemalige Bischöfin, und ihr sei es viel wichtiger, dass diese Menschen nicht mehr abgestempelt würden, nicht mehr außen vor blieben. Das Problem sei allerdings: „Wir haben uns daran gewöhnt, dass es ungerecht zugeht.“

Ein klares Mittel, um in Deutschland zu mehr Chancengleichheit und Gerechtigkeit zu kommen, seien Änderungen bei der Besteuerung, da waren sich weitgehend alle einig. Und so blieb am Ende der gut zweistündigen Runde eigentlich nur eine Frage offen. Wenn der Reichtum so ungleich verteilt ist und ein Lösungsansatz vorhanden ist – warum macht das niemand?

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erstellt am 09.Sep.2013 | 13:15 Uhr

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