Kultur : Nur mal kurz die Welt retten

Warum müssen Menschen hungern, wenn es woanders Lebensmittel im Überfluss gibt?, fragen sich Lucky (Kevin Herbertz) und Marie (Luisa Hegge) mit Luckys Mutter (Beate Albrecht).
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Warum müssen Menschen hungern, wenn es woanders Lebensmittel im Überfluss gibt?, fragen sich Lucky (Kevin Herbertz) und Marie (Luisa Hegge) mit Luckys Mutter (Beate Albrecht).

Kindertheaterstück „Alle satt?!“ bietet in Itzehoe Lösungsansätze zu sozialkritischen Fragen.

shz.de von
13. Februar 2018, 05:05 Uhr

Grüne oder rote Äpfel, heimisches regionales oder makellos hochgezüchtetes Exportobst? Der Hunger der Welt kontra westliche Überflussgesellschaft? Wie können die junge flippige Marie und ihr Freund Lucky etwas bewirken?

Das Kindertheaterstück „Alle satt?!“ verpackt die großen sozialkritischen Fragen in eine temperamentvolle Show-Performance mit viel Musik, Liedern und zuschauernahem Spiel, das das junge Publikum mitnimmt. „Was wünscht du dir?“, fragen die Akteure des Wittener Tourneetheaters analog zu Marie und Luckys jugendlichen Träumen die Kinder und deren Eltern oder Großeltern im Publikum, während sie durch die Reihen wandern. Auch die vierten und fünften Klassen in der Vormittagsvorstellung erweisen sich als neugierige Welterkunder.

Die Zuschauer werden in zwei Aufführungen mit Fakten konfrontiert und zugleich in eine abenteuerliche Geschichte eingebunden, in der Marie (Luisa Hegge) mit ihrem Freund Lucky nicht weniger als die Welt retten will. Nicht alle Pläne halten der jugendlichen Euphorie stand und nicht alle Erkenntnisse münden in logische Aktionen – doch Maries Botschaft kommt an: Ein Drittel aller Lebensmittel wandern hierzulande in den Müll, jeder Deutsche wirft jährlich 81 Kilogramm weg.

Der zehnjährige Anton aus Schenefeld und sein achtjähriger Freund Pierre erschrecken lauthals, als sie die Zahlen hören. Sie verfolgen aufmerksam Maries wilde Ausbrüche und Luckys Einwände, als beide den Müllcontainer eines Supermarktes plündern. Die Jugendlichen „befreien“ die Lebensmittel, um etwas gegen den Hunger in der Welt zu unternehmen. Eine noch spektakulärere Aktion schließt sich an, als sie mit Luckys Mutter zu deren ausländischen Apfelplantagen fliegen und den globalen Zusammenhängen auf der Spur sind. Warum gibt es 30 000 verschiedene Apfelsorten, aber nur fünf finden sich in den meisten Supermarktregalen? Und warum sterben 16 500 Kinder weltweit täglich an Hunger, ohne dass einer etwas unternimmt?

Das Stück setzt auf die eigenen kleinen Schritte, die den großen Schritt zur gerechteren Welt einleiten könnten. Insofern bekennen sich alle Befragten in der Anschlussdiskussion an die zwei Aufführungen zu den Bio-Äpfeln und nicht zur Industrieware. Beate Albrecht, die Luckys Mutter spielt und das Stück für das Wittener Tourneetheater geschrieben hat, hinterfragt auch das Einkaufsverhalten der jungen Schauspieler, die von skurrilen Erlebnissen und verantwortungsvollem Handeln im Kleinen erzählen.

Die Fragen der Zuschauer beziehen sich auch auf die Rolle und Machart der Musik, die den schweren Stoff tatsächlich erst in verdauliche Portionen zerlegt und schmissig transportiert. Was so leicht daherkommt und jazzig improvisiert klingt, ist intensiv erarbeitet, erfahren die Besucher von Karl F. Degenhardt und Florian Walter, die mit Saxophon und Schlagzeug die Dialoge untermalen und Lieder begleiten. Und auch die Apfelallergie, die Kevin Herbertz als Lucky spielen muss, ist echt.


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