Glückstadt : Notlösung: Ein Containerdorf für Flüchtlinge

Irgendwo im Gewerbegebiet sollen die Wohncontainer aufgestellt werden.
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Irgendwo im Gewerbegebiet sollen die Wohncontainer aufgestellt werden.

Die von der Stadt geplanten, provisorischen Unterkünfte für Flüchtlinge sorgen für Diskussionen. Der Bürgermeister Gerhard Blasberg nimmt dazu Stellung.

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09. Juli 2015, 05:00 Uhr

Der Wohnraum für Flüchtlinge wird knapp – das gab Bürgermeister Gerhard Blasberg bereits in der vergangenen Woche in der Sitzung der Stadtvertreter bekannt (wir berichteten). Zu dem Zeitpunkt teilte Blasberg mit, derzeit verhandele die Stadt mit einem Eigentümer eines Grundstücks im Gewerbegebiet. Über den Standort sei aber noch Stillschweigen vereinbart worden. Inzwischen wurde bekannt, dass die Flüchtlinge im Gewerbegebiet in Containern untergebracht werden sollen. Das Thema wird jetzt vor allem im Internet heiß diskutiert. In der Facebook-Gruppe „Glückstädter Treffpunkt“ kritisieren die Mitglieder, der Ankauf der Container sei zu teuer und die Menschen seien im Gewerbegebiet zu isoliert von den Einwohnern der Stadt. Überhaupt sei „ein Containerdorf die denkbar schlechteste Lösung“. Stattdessen wird unter anderem eine Unterbringung der Flüchtlinge in der ehemaligen Kaserne diskutiert.

Im Gespräch mit der Glückstädter Fortuna erklärt Bürgermeister Blasberg die Situation noch einmal detailliert. „Wir sind in intensiven Verhandlungen mit dem Anbieter der Container.“ Tatsächlich will die Stadt die Container nicht kaufen, sondern nur von einem bislang noch ungenannten Anbieter mieten, der sie für diesen Zweck extra neu anschafft. Jetzt geht es vor allem noch um die Baugenehmigung und die Kredite, die der Anbieter für den Ankauf der Container aufnehmen muss. „Das Problem ist weniger die Unterbringung der Flüchtlinge im Gewerbegebiet“, sagt Blasberg. „Eigentlich dürfen dort zwar nur Betriebsinhaber wohnen, aber der Gesetzgeber hat eine Genehmigung speziell für Flüchtlingsunterkünfte in Gewerbegebieten erlassen – wenn auch zeitlich befristet auf fünf Jahre.“ Ein solches Gesetz gab es bereits während des Kosovo-Kriegs – „damals wurde diese Genehmigung wieder aufgehoben, sobald die Welle der Flüchtlinge wieder abgeebbt war“. Vielmehr geht es jetzt darum, dass die Stadt gerne zusätzlich zu den Containern eine Wohnung für eine Betreuungsperson einrichten würde. „Und das ist tatsächlich baurechtlich sehr kompliziert.“

Sobald alle Einzelheiten, insbesondere zur Baugenehmigung im Gewerbegebiet, geklärt seien, würden die Glückstädter über den genauen Standort informiert. Geplant seien derzeit neun Container für etwa 60 Personen. „Wir wollen keine große Einrichtung. Das wird keine Sammelunterkunft und die Menschen dort werden intensiv betreut werden.“ Derzeit werden Glückstadt jährlich etwa 100 Flüchtlinge zugewiesen. Blasberg rechnet deshalb damit, dass die Stadt bereits im Herbst gezwungen sein wird, eine zentrale Unterbringung im Stadtgebiet zu schaffen. Natürliche bestände bei den Containern die Möglichkeit, das Platzangebot auch noch zu erweitern. „Diese Container helfen uns vielleicht für sieben oder acht Monate, das ist aber auch alles. Das ist bei uns die gleiche Situation wie überall sonst. Wenn der Fluss der Flüchtlinge so weiterläuft, wird es bald in allen Städten Container-Unterkünfte geben.“

Der Vorteil der Containerunterkünfte im Gewerbegebiet sei die Nähe zu den Infrastruktureinrichtungen der Stadt. Außerdem wolle die Stadt den nachbarlichen Widerstand so klein wie möglich halten. „Natürlich haben wir hier in Glückstadt ein vorbildliches ehrenamtliches Engagement und die Leute tun alles dafür, den Flüchtlingen den Weg in die Gesellschaft zu öffnen“, sagt Blasberg. „Aber das hört auf, sobald eine solche Sammelunterkunft auf dem eigenen Nachbargrundstück entsteht. Und damit will ich jetzt niemanden kritisieren – aber die jüngsten, hochemotionalen Diskussionen in Lübeck haben wir ja alle verfolgt.“

Für Blasberg sind die Containerunterkünfte nur eine absolute Notlösung, die Stadt arbeitet weiterhin auf Hochdruck an der Suche nach dauerhaften Unterkünften in regulären Wohnungen. „Schließlich sind die Anerkennungsquoten sehr hoch. Viele der Flüchtlinge werden dauerhaft bei uns bleiben und es ist nach wie vor unser Ziel, diese Menschen in die Gesellschaft zu integrieren.“

Der Bürgermeister hält es für falsch, dass viele Menschen in den Flüchtlingszuströmen nach wie vor ausschließlich ein Problem sehen. „Wenn wir unsere demographische Situation betrachten, können wir diese Leute und ihre Arbeitskraft hier sehr gut brauchen – allein schon, um unser Rentensystem aufrecht zu halten. Das sind ja keine Armutsflüchtlinge, es sind sehr viele Intellektuelle mit einer guten Ausbildung dabei.“ Blasberg erzählt von seinem Kollegen aus Goslar, dessen Fall für viel Aufsehen gesorgt habe: „Er hat die Flüchtlinge in seine Stadt geholt – und zwar nicht aus Mildtätigkeit.“

Blasberg sieht deshalb auch nicht die Gefahr einer Ghettoisierung im Gewerbegebiet. Schon jetzt lebten in Nord sehr viele Flüchtlinge auf engstem Raum – und dort gebe es keinerlei Probleme. Auch handele es sich bei den Containern keinesfalls um menschenunwürdige Unterkünfte. „Diese Container sind alle neu – und wir werden sie nett einrichten. Das wird dort aussehen wie in kleinen Wohnungen.“

Blasberg plant, der Presse vor dem Einzug der Flüchtlinge die Möglichkeit zu geben, die Container zu besichtigen. Für keine Option hält er übrigens die bei Facebook häufig erwähnte Kaserne. „Zum einen sind wir nicht der Eigentümer der Kaserne, zum anderen wäre das zu weit draußen.“ Er kenne aber natürlich nicht die Pläne des Landes. „Wenn die aus den Kasernen Flüchtlings-Unterkünfte machen wollen, ist das deren Sache.“

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