zur Navigation springen
Norddeutsche Rundschau

18. August 2017 | 03:44 Uhr

Vor 90 Jahren : Not trieb Arbeiter zur Revolte

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Tote und Verletzte bei den „Lägerdorfer Unruhen“ am 23. Oktober 1923 - Landjäger Ingwer Boysen in der Rosenstraße mit Bauchschuss niedergestreckt.

Erwerbslosigkeit, bittere Armut, Arbeiterrevolten, blutige Auseinandersetzungen mit Polizei und Militär – ein schlichter Findling an der Stiftstraße Ecke Breitenburger Straße erinnert an dramatische Ereignisse vor 90 Jahren in Lägerdorf. Es gab Tote auf beiden Seiten. Eingemeißelt in den Gedenkstein ist zu lesen: „Dem Oberfeldjäger Ingwer Boysen zum Gedenken – † 13. November 1923 – Er starb für Deutschland“.

Die Ereignisse, die als „Lägerdorfer Unruhen“ in die Ortsgeschichte eingingen, sind in alten Ausgaben des Lägerdorfer Anzeigers und der Itzehoer Nachrichten sowie in dem Buch „Rotes Herz im grauen Ort“ der Lägerdorfer Sozialdemokraten festgehalten.

Die Ursache für die Unruhen lag in den sozialen Verhältnissen der Weimarer Republik (1919 – 1933). Die Inflation stieg in nie gekannte Ausmaße. Leidtragende waren vor allem das mittelständische Bürgertum, Arbeiter und ihre Familien.

Bei Joachim Immisch in „Zeiten und Menschen“ (1966), heißt es: „Zwar stiegen Löhne und Renten an, aber sie konnten den durch den Währungsverfall hervorgerufenen Preisanstieg nie einholen. An manchem Tag waren die morgens gezahlten Löhne – in Waschkörben und Lastkraftwagen wurden die Geldscheine herbeigeschafft – am Abend schon wieder entwertet. Große Teile des Volkes, die kaum die furchtbaren Auswirkungen der Lebensmittelblockade des Krieges überwunden hatten, hungerten erneut.“

In einer Biografie über den am 18. August 1944 im Konzentrationslager Buchenwald ermordeten KPD-Vorsitzenden Ernst Thälmann aus dem Dietz Verlag Berlin (1980) ist über die Spannungen des Jahres 1923 zu lesen: „Die Lage in Hamburg spitzte sich zu. Alma Soltau erinnert sich: ‚Im Jahre 1923, als die Inflation ihrem Höhepunkt zueilte, war ich in einer Frauen-Funktionärsversammlung im Parteihaus. In den Stadtteilen mehrten sich Unzufriedenheit und Empörung. An den Marktständen gingen die Frauen über, die Stände der Händler zu demolieren, weil von Stunde zu Stunde die Waren teurer wurden. In den Betrieben mußten wir jeden Morgen erneut Lohnzahlungen aushandeln, weil bereits am Mittag die Frauen an den Betriebstoren standen und Geld haben wollten’.“ Von 1922 auf 1923 stieg die Arbeitslosigkeit um über das Dreifache an, von 213 000 auf 751 000. Die Zahl der Kommunisten wuchs. Auch in Lägerdorf - der Ort wurde bald „Klein Moskau“ genannt.

Am Dienstag, 23. Oktober 1923, entlud sich der Zorn des Volkes auf der Straße. Dazu die Itzehoer Nachrichten: „Am Dienstag sollte im Orte die Arbeitslosenunterstützung ausgezahlt werden. Da den Arbeitern die auszuzahlende Summe als zu gering erschien, forderten sie eine größere Summe, die ihnen aber verweigert wurde. Da sich die Lage in dem Orte zuspitzte, wurden Landjäger zum Schutz des Ortes herbeigeholt, die mit den Arbeitern in heftige Auseinandersetzungen gerieten.“

Schüsse fielen. Der Oberlandjäger Boysen erlitt einen Bauchschuss; den Oberlandjäger Grall traf ein Schuss ins Knie. Ingwer Boysen erlag am 13. November im Itzehoer Julienstift seinen Verletzungen.


Feuergefecht zwischen Arbeitern und Polizei


 

Über die Vorkommnisse vom 23. Oktober heißt es in einem amtlichen Bericht, veröffentlicht in den Itzehoer Nachrichten: „Am gestrigen Vormittage verließ auf ein gegebenes Zeichen die Belegschaft der Werke in Lägerdorf die Betriebe und versammelte sich auf den Straßen des Ortes. Zur Auflösung der Versammlung wurde ein Landjägerkommando von 9 Landjägern eingesetzt, die zunächst auf die Menge beruhigend einzuwirken und sie zu zerstreuen suchte. Als die Landjäger darauf zur Verhaftung des Zementarbeiters Hoche schreiten wollten, der die Menge aufhetzte und mit den Worten ‚Entwaffnet die Hunde’ zum Widerstand reizte, wurden sie aus der Menge angegriffen. Zwei Landjäger wurden durch Schüsse verwundet, davon der eine hinterrücks aus einem Keller heraus. Er liegt schwer im Julienstift danieder. Daraufhin machte die Landjägerei von ihrer Waffe Gebrauch. Die Menge, die zum Teil mit Gewehren und Karabinern ausgerüstet war, führte ein regelrechtes Feuergefecht gegen die Landjägerei. Infolge dieser Sachlage wurde Militär eingesetzt, das nach kürzester Zeit den Widerstand brach, nicht ohne daß unter den Anführern blutige Verluste entstanden. – Hierauf wurde der Ort nach den Führern abgesucht. Diese hatten es aber vorgezogen, sich in Sicherheit zu bringen. Eine Anzahl von Personen, die mit der Waffe in der Hand (an)getroffen worden waren, sind festgenommen worden und sehen schweren Strafen entgegen.“ Der amtlichen Mitteilung zufolge „sind alle Maßnahmen getroffen, um Wiederholungen von Unruhen an diesem oder anderen Orte im Keime zu ersticken“. Die Bevölkerung werde dringend davor gewarnt, sich an Straßenaufläufen und Zusammenrottungen zu beteiligen.

Auseinandersetzungen gab es zu der Zeit auch in Itzehoe, Kiel und Hamburg. Bezogen auf die Steinburger Kreisstadt, heißt es am 25. Oktober 1923 in den Itzehoer Nachrichten: „Durch die Vorgänge am Dienstag in Lägerdorf entstand auch in gewissen Kreisen der hiesigen Arbeiterschaft eine Unruhe, die sich in Ansammlungen auf der Straße in den gestrigen späten Nachmittagsstunden bemerkbar machte. Nachdem schon Polizeimannschaften und Landjäger die Ansammlungen zerstreut hatten, wurden später noch Infanteriepatrouillen durch die Stadt geschickt, so daß schon in den Abendstunden in den Straßen vollständige Ruhe herrschte. Neben dem energischen Eingreifen der Polizei ist es insonderheit auch der Besonnenheit des größten Teils der Arbeiterschaft zu danken, daß irgendwelche Reibungen schwerer Natur unterblieben. Es ist auch weiter dafür gesorgt, daß beabsichtigte Störungen der Ruhe und Ordnung im Keime unterdrückt werden. – Andererseits versucht die Stadtverwaltung im Einvernehmen mit den Betriebsleitern und den Vertretern der Arbeiterschaft die schwierige wirtschaftliche Lage durch geeignete Maßnahmen zu meistern.“

Wesentlich härter ging es dagegen in Kiel zu: Am 23. Oktober wurden Polizeibeamte bei Unruhen angegriffen und verletzt, Geschäfte wurden geplündert. „Festgenommen sind 74 Menschen, fast ausnahmslos junge Burschen. Verwundet sind etwa 20. Ein Mann ist am Markt durch einen Herzschuß getötet worden“, berichten die Itzehoer Nachrichten am 25. Oktober.

Offenbar stehen die Lägerdorfer Unruhen in Zusammenhang mit Ereignissen vom Vormittag des 23. Oktober 1923 in Hamburg. Dazu die Ernst-Thälmann-Biografie: „Am 23. Oktober 1923 stürmten pünktlich um 5.00 Uhr morgens die Kampfgruppen die Polizeireviere. Die Polizei war völlig überrascht. 17 Reviere wurden besetzt, die Polizisten entwaffnet. 30 Minuten nach dem Beginn des Aufstandes hatten die Arbeiter rund 170 Gewehre und Munition erbeutet, mit denen weitere Kämpfer bewaffnet wurden. In den frühen Morgenstunden gingen in vielen Stadtteilen Hamburgs die Arbeiter auf die Straße. Gegen Mittag verbreiterte sich die Streikfront. Einzelne Polizisten wurden entwaffnet, ein Waffenladen wurde ausgeräumt. Der Verkehr kam zeitweilig fast zum Erliegen. In den nördlichen und östlichen Vororten Hamburgs errichteten die Aufständischen, unterstützt von der Bevölkerung, Barrikaden.“

Am 19. Dezember 1923 folgte im stark bewachten Amtsgericht Itzehoe der Prozess gegen 26 Personen. Die Anklagepunkte: Teilnahme an einer demonstrativen Versammlung im Freien; öffentliche Zusammenrottung, bei der Beamte, die zur Vollstreckung von Anordnungen der Verwaltungsbehörden berufen sind, während der rechtmäßigen Ausübung ihres Amtes tätlich mit vereinten Kräften angegriffen wurden; Beleidigung; Nötigung; Bedrohung; Unbefugter Besitz von Militärwaffen; Verheimlichen eines Waffenlagers vor der zuständigen Behörde. Die Angeklagten wurden zu Freiheitsstrafen zwischen sechs Wochen und acht Monaten verurteilt.

Nicht mitverhandelt wurde bei dem Prozess am 19. Dezember die Tötung von Ingwer Boysen. „Gegen die sonstigen Beteiligten (…) wird noch später verhandelt werden“, berichtet der Lägerdorfer Anzeiger am 22. Dezember 1923. In der Ausgabe vom 15. Januar 1924 heißt es: „In der Sitzung vom 12. Jan. wurde weiterverhandelt über die Lägerdorfer Sache, Tötung des Oberlandjägers Boysen. Zunächst wurde der Kreisarzt vernommen. Er sagt aus, daß er im Bein des verstorbenen Boysen kein Geschoß gefunden hat. Auch die Untersuchung durch Röntgenstrahlen hatte ein negatives Ergebnis. Es wurden dann neue Zeugen vernommen. Der Staatsanwalt beantragte dann gegen Gn., der die tödlichen Schüsse auf Boysen abgegeben haben soll, wegen vorsätzlicher Tötung die Todesstrafe. Gegen Wa., der auf die Landjäger acht Schüsse abgegeben hat, beantragte er wegen versuchten Mordes, Besitz von Waffen und Aufruhrs eine Zuchthausstrafe von 9 Jahren und zehn Jahren Ehrverlust, sowie auf Stellung unter Polizeiaufsicht. Gegen Fe., der beschuldigt war, einen Landjäger zu entwaffnen versucht zu haben, hinsichtlich dieser Anklage Freisprechung, dagegen wegen Teilnahme an verbotener Versammlung 9 Monate Gefängnis. Gegen Frau Au. beantragte er wegen Aufruhrs 1 Jahr und 3 Monate Gefängnis, sowie 5 Jahre Ehrverlust. Nachdem der Staatsanwalt und der Verteidiger gesprochen hatten, bat der Vater des Wa. ums Wort und schilderte, wie sein Sohn, der gut erzogen war, durch anderen Einfluß auf diesen Abweg gekommen sei. Um 5 Uhr wurde folgendes Urteil gesprochen: Gn. wurde von der Anklage auf vorsätzliche Tötung freigesprochen, wegen Landfriedensbruchs und Aufruhrs zu 7 Monaten Gefängnis, abzüglich 2 Monate Untersuchungshaft verurteilt. Wa. bekam wegen versuchten Totschlags, Aufruhrs und Landfriedensbruchs 5 Jahre 1 Monat Zuchthaus. Fe. bekam wegen Landfriedensbruchs und Aufruhrs 6 Monate Gefängnis. Frau Au. wurde freigesprochen. – Zur Verhandlung stand weiter die Anklage gegen die Brüder Arbeiter Johannes, Gustav und Otto Le. wegen Landfriedensbruchs, begangen in Lägerdorf am 23. Oktober durch Teilnahme an den dortigen Unruhen. Johs. Le. wurde wegen Teilnahme an einer verbotenen Versammlung zu 2 Monaten Gefängnis verurteilt, die anderen beiden freigesprochen.“


„Rotes Herz im grauen Ort“


 

Mit den Ereignissen vom 23. Oktober 1923 befasst sich auch das Buch „Rotes Herz im grauen Ort – 125 Jahre Sozialdemokratie in Lägerdorf“, an dem Fritz Arnold Kunkelmoor, Ingolf Streich und Norbert Voß gearbeitet haben. Darin heißt es: „Der allgemeine Zustand ist unerträglich geworden. Gegen Mittag treffen sich die Arbeitslosen in der Rosenstraße vor dem ‚Café Janson’ zu einer verbotenen Protestdemonstration. Bald trifft ein KPD-Kurier aus Hamburg ein und verbreitet die Nachricht über den siegreichen Aufstand der Hamburger Arbeiter. Daraufhin ertönen zu ungewohnter Stunde mehrere Fabriksirenen; überall im Ort stürzen die Einwohner aus ihren Wohnungen. Die Unruhe wird größer, die Stimmung in der Rosenstraße spitzt sich zu. Auf der oberen Stufe des Eingangs zum Café steht die 34jährige Elise Augustat und will eine Rede halten.“

Ab 1929 war die Lägerdorferin Mitglied der KPD-Bezirksleitung Wasserkante und dort Leiterin der Frauenabteilung. Sie war von 1930 bis 1933 Reichstagsabgeordnete und starb 1940 an den Folgen der Haft im KZ Ravensbrück.

In dem Buch heißt es weiter: „Sie wird umringt von mehreren schießbereiten Landjägern, die sie verhaften wollen. Die Demonstranten versuchen jetzt, ihnen die Karabiner zu entreißen, wobei sich mehrere Schüsse lösen. Dabei werden der 20jährige Karl Huhnke, Steinkamp, und der Landjäger Ingwer Boysen erschossen. Das Handgemenge und die Schießerei weiten sich aus. Dabei wird auch Frau Ressel, Mutter von sieben Kindern, getötet. Die Landjäger verlieren die Kontrolle über die Revolte, die beängstigende Ausmaße angenommen hat. Da erscheint eine Hundertschaft Itzehoer Militär, angefordert vom Gemeindevorsteher, die an der Rosenstraße/Norderstraße in Stellung geht. Nach einigen vergeblichen Warnschüssen aus ihren Maschinengewehren schießen die Soldaten in die Menge. Schlagartig kehrt jetzt Ruhe ein, mehr als 30 Personen werden verhaftet. Mit schußbereiten Waffen durchstreifen die Uniformierten noch den ganzen Tag über und auch in der Nacht den Ort, um einem erneuten Aufstand zuvorzukommen.

Am Abend des Tages nach der Lägerdorfer Revolte entsteht durch Brandstiftung ein Großfeuer: Die gesamte Industrieanlage ‚Kalkofen’ in der vorderen Heidestraße (Ecke Jahnplatz/Ringofen) wird fast gänzlich vernichtet, weil die Feuerwehren sich weigern, unter dem Kommando einer Militäreinheit (…) ihren Löschdienst wahrzunehmen. Erst nach heftigen Auseinandersetzungen wird das Restfeuer bekämpft. Der örtliche KPD-Vorsitzende Max Hoche verschwindet aus Lägerdorf und wird eine Zeitlang im Lockstedter Lager (später Hohenlockstedt) versteckt, bevor er in Pinneberg eine Familie gründet. Später soll er als Trotzkist in Rußland erschossen worden sein.“

In Lägerdorf sind die Unruhen von 1923 in mahnender Erinnerung. Bürgermeister Heiner Sülau: „Das war damals eine schwere Zeit, und wir dürfen niemals vergessen, dass soziale Spannungen schwere Folgen haben können. Letztlich haben die Nationalsozialisten die immer weiter wachsende Arbeitslosigkeit genutzt, um die Diktatur aufzubauen.“

 

Karte
zur Startseite

von
erstellt am 27.Okt.2013 | 08:15 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen