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Stromtrasse durch die Wilstermarsch : Nordlink feiert Richtfest

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Der Bau der Konverterstation für Stromverbindung mit Norwegen ist voll im Zeitplan. Energieminister Robert Habeck nennt das Projekt ein „Atomkraftwerk zur See“.

shz.de von
erstellt am 07.Okt.2017 | 05:04 Uhr

Gelbe Gummistiefel, weißer Schutzhelm, Warnweste: Ohne vorschriftsmäßige Bekleidung kommt bei Tennet auch zum Feiern keiner aufs Gelände. Vorsorglich mahnte zum Auftakt auch noch Sicherheitsbeauftragter Jürgen Kübler alle Gäste des Richtfestes für die neue Drehscheibe der Energiewende: „Falls etwas passieren sollte: Bleiben Sie ruhig und bilden Sie eine Rettungsgasse.“ Und: „Feuerwehr und Rotes Kreuz stehen bereit.“

Die Vorsicht galt der derzeit wohl größten Energie-Baustelle im Norden. Vor den Toren von Wilster entsteht ein gigantisches Konvertergebäude. Ab 2020 soll da durch Wasserkraft erzeugter Strom aus Norwegen ins deutsche Netz eingespeist werden. Umgekehrt fließen Überschüsse aus der Windkraft in den hohen Norden. Strom, der dort gespeichert und bei Bedarf wieder abgerufen werden kann. Im nächsten Jahr soll mit der Verlegung eines Seekabels die Verbindung hergestellt werden.

Tennet-Chef Lex Hartmann machte an einem aktuellen Beispiel deutlich, um welche Dimensionen es dabei geht: „Mit dem, was hier künftig an Strom bewegt wird, können 3,4 Millionen Elektro-Autos aufgeladen werden – pro Tag.“ Als gebürtiger Holländer äußerte er sich zwar leicht erstaunt über die deutsche Tradition des Richtfestes. Er nutzte dann aber schnell die günstige Gelegenheit, um sich vor allem bei allen Nachbarn als den direkt Betroffenen und bei den Arbeitern aller beteiligten Firmen zu bedanken. „Wir sind voll im Zeitplan und auch voll im Budget“, so Hartmann.

Energieminister Robert Habeck betonte, dass man die Energiewende „nicht nur zum Spaß vorantreibe“. Vielmehr gehe es darum, künftige Lebensgrundlagen nicht zu gefährden. Natürlich, so räumte er ein, sei niemand glücklich, wenn er einen Strommast vor die Haustür bekomme. „Wenn man den Menschen das aber genau erklärt, tragen sie auch unangenehme Entscheidungen mit.“ Immerhin: Habeck geht davon aus, dass nach der Fertigstellung der Nordlinkverbindung mit den beiden Polen in der Wilstermarsch und im norwegischen Tonstad der Verbraucher mit einer Entlastung bei den Strompreisen rechnen könne. Mit Blick auf die an der Unterelbe entstehenden Kapazitäten – und nur wenige Kilometer von Brokdorf entfernt – , sprach Habeck von einem „Atomkraftwerk zur See“.

Gleich neben der Nordlink-Baustelle entsteht derzeit das neue Umspannwerkwerk Wilster-West, das zum Ausgangspunkt für Südlink wird, einer Stromtrasse, die günstige Energie aus dem Norden quer durch die Republik in den Süden Deutschlands transportieren soll. „Wenn Bayern den Strom nicht haben will, nehmen wir ihn eben“, ist Habeck überzeugt, genügend Abnehmer zu finden.

Derweil freut sich Standortbürgermeister Manfred Boll über das jetzt mit Abstand höchste Gebäude in seiner Gemeinde. Auch einem Vergleich mit Norwegen könne Nortorf locker stand halten: „Hier wie dort leben nette Menschen.“ Einen entscheidenden Unterschied gebe es allerdings, wandte Boll sich mahnend an Habeck. Die Region an der Unterelbe bestehe fast ausschließlich aus angeschwemmtem Boden und liege größtenteils unter dem Meeresspiegel. „Sorgen Sie deshalb immer für kräftige Deiche, sonst ist halb Deutschland eines Tages ohne Strom.“ Was Manfred Boll mitunter ebenfalls bedrückt: „Viele Lkw-Fahrer können offenbar ihr Navi oder die Schilder nicht lesen.“ Zumindest was die Belastung von Gemeindestraßen betrifft, gibt es einen finanziellen Ausgleich. Tennet zahlt zur Beseitigung etwaiger Schäden pauschal 100  000 Euro in die Gemeindekasse.

Der eigentliche Richtakt ging dann zügig vonstatten. Bauleiter Frank Papagewski würdigte auf traditionelle Weise Bauherren und Handwerker und stieß dann dreimal auf ein gelungenes Werk an – mit gestrecktem Kaffee, wie er unserer Zeitung verriet. Symbolisch durften dann Lex Hartmann, Robert Habeck und Manfred Boll sowie Gisela von Krosigk (KfW-Förderbank) und Patrick Fragmann (Technologiekonzern ABB) Nägel in einem Holzbalken versenken. Boll, aber auch Hartmann und Fragmann, meisterten die Aufgabe souverän. Minister Habeck schlug seinen Nagel schnell krumm und gab lächelnd auf. Nach einem Rundgang konnten sich alle dann dem Richtschmaus widmen.

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