Obdachlosigkeit in Itzehoe : „Niemand muss erfrieren“

Wohnungsloser übernachtet auf der Straße: Knapp 50 Menschen leben in Itzehoe in städtischen Obdachlosenunterkünften.
Wohnungsloser übernachtet auf der Straße: Knapp 50 Menschen leben in Itzehoe in städtischen Obdachlosenunterkünften.

Die Stadtverwaltung sieht in Itzehoe Bedarf für eine vernetzte Obdachlosenhilfe, um Betroffenen langfristig Perspektiven zu bieten.

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23. Januar 2018, 05:00 Uhr

Kürzlich halfen einige Itzehoer Bürger Obdachlosen im Bahnhofsgebäude und versorgten sie mit Decken und warmem Essen (wir berichteten). Die spontane Hilfsaktion lenkt Aufmerksamkeit auf ein Problem, das die meisten eher mit Großstädten verbinden: Bei winterlichen Temperaturen sind Obdachlose gefährdet. Die Stadtverwaltung stellt nun klar, dass sie für akute Notfälle vorgesorgt hat. Grundsätzlich sieht man aber auch im Rathaus Handlungsbedarf beim Thema Obdachlosigkeit.

„Jeder, der zu uns kommt, bekommt Hilfe“, sagt Bürgermeister Andreas Koeppen. „Niemand muss erfrieren.“ Notunterkünfte zur Abwehr einer unmittelbaren Gefahr stünden in ausreichendem Maße zur Verfügung, fügt Holger Pump, als Leiter des Amtes für Bürgerdienste für die Nothilfe zuständig, hinzu. Allerdings seien die städtischen Unterkünfte in der jüngsten Zeit so belegt, dass eine Einzelunterbringung nicht möglich sei. Dies habe dazu geführt, dass einige Menschen, die sich erkundigt hatten, ihre Anfrage zurückzogen, erklärt Pump.

Zudem gebe es eine „schwarze Liste“ von etwa acht Personen, die in städtischen Unterkünften Hausverbot hätten. Grund seien Gewaltdelikte, Sachbeschädigungen oder anhaltende Verwahrlosung der Räume – „in manchen Fällen auch alles zusammen“, sagt Pump. Er müsse in diesen Fällen auch jene Bewohner schützen, die sich an die Regeln halten. Doch auch diese Menschen sind nicht vom Erfrierungstod bedroht. Es gebe für akut bedrohte Personen eine separate Unterkunft mit vier Betten, in der die Polizei jederzeit jemanden kurzfristig unterbringen könne.

Während die Gefahrenabwehr also gewährleistet sei, sehen Koeppen und Pump Handlungsbedarf bei der mittelfristigen Hilfe für die aktuell knapp 50 Bewohner der Unterkünfte. Die immer jüngeren Wohnungslosen befänden sich oft in einem Teufelskreis aus Drogen, Arbeitslosigkeit, Schulden und psychischen Erkrankungen, den sie ohne Hilfe kaum verlassen können. „Wir versuchen zu tun, was wir können“, sagt Koeppen. Aber eine Kommune wie Itzehoe sei da überfordert. „Wir drehen uns im Kreis. Es bedarf eines umfassenden und vernetzten Krisenmanagements für diese gesellschaftlichen Probleme. Da ist der Gesetzgeber gefragt.“ Jemand müsse die Menschen „an die Hand nehmen“.

Diesen Bedarf sieht auch die Bahnhofsmission, deren Mitarbeiter oft Kontakt zu Betroffenen haben. Es brauche eine Fachberatung für Wohnungslose, sagt Fachbereichsleiter Gert Rathje. Die Ursachen von Wohnungslosigkeit seien oft sehr komplex und nur langfristig zu lösen. „Da wären wir als weitgehend ehrenamtliche Organisation überfordert.“


>Am Montag, 29. Januar, steht das Thema Obdachlosenunterkünfte auf der Tagesordnung des Ausschusses für städtisches Leben, der ab 17 Uhr öffentlich im Historischen Rathaus tagt.

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