Nach Explosion in Itzehoe : „Niemand muss das alleine schaffen“

Einer der 15 Verletzten wird abtransportiert: Nicht nur sie werden noch lange unter den Folgen des Unglücks leiden.
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Einer der 15 Verletzten wird abtransportiert: Nicht nur sie werden noch lange unter den Folgen des Unglücks leiden.

Die Explosion des Mehrfamilienhauses in Itzehoe löst bei einigen Betroffenen ein Trauma aus. Das Team des Zentrums für Psychosoziale Medizin am Klinikum Itzehoe hilft ihnen, die Last zu verarbeiten.

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13. März 2014, 05:00 Uhr

Sie saßen am Frühstückstisch, putzten sich im Badezimmer die Zähne, lasen im Sessel die Zeitung oder lagen noch gemütlich im Bett – dann knallte es, und nichts war mehr, wie es einmal war. Die Explosion in der Schützenstraße hat die Betroffenen mitten aus dem Alltagsleben gerissen.

Für Professor Dr. Arno Deister, Chefarzt des Zentrums für Psychosoziale Medizin am Klinikum Itzehoe, ist klar: „Sie haben ein Trauma erlitten.“ Denn ihr Leben hat sich radikal und drastisch verändert, und sie haben eine Situation des Kontrollverlusts erlitten. „Das Ereignis ist schlagartig über sie hereingebrochen.“ Es betreffe die Menschen sicherlich in unterschiedlichem Ausmaß. Doch egal, ob es sich um Angehörige der Toten, Schwerverletzte oder die unverletzten Anwohner handele, die nicht mehr in ihre Wohnungen können: Sie alle befänden sich in einer „Situation des völligen Ausgeliefertseins“. Der Mensch habe normalerweise ein Grundgefühl der Sicherheit. „Dieses wird massivst erschüttert. Das macht das Traumatisierende aus.“

Und das kann schwere Folgen haben. Typischerweise durchlebten die Betroffenen verschiedene Stadien, erklärt Deister. Zunächst stehen sie unter Schock. „Man ist betäubt und weiß gar nicht mehr, was los ist.“ Dann folge die Phase, in der die Menschen „ganz gut funktionieren“ – auch weil es so viel zu regeln gibt, ob es die Organisation der Beerdigung der Angehörigen ist, die Klärung von Versicherungsfragen oder die Suche nach einer neuen Bleibe. „Dadurch sind sie auch ein Stück geschützt“, erklärt Deister.

Doch irgendwann komme der Punkt, wo ihnen klar wird, was das alles bedeutet, wo sie realisieren, was sie verloren haben und was sich alles verändern wird. „Das ist die kritische Phase.“ Wenn die Betroffenen dann keine Hilfe bekommen und sich nicht mit dem Erlebten auseinander setzen, droht eine Traumafolgestörung. Diese äußert sich in Symptomen, die die Lebensqualität erheblich mindern können. So kann es zum Beispiel bei jedem Knall zu einem schreckhaften Wiedererleben der Explosions-Situation kommen, die Betroffenen sind permanent angespannt, übererregbar und schreckhaft, haben Schlafstörungen. „Sie kommen nicht mehr zur Ruhe.“ Ein wesentlicher Aspekt einer Therapie sei deshalb, so früh wie möglich etwas zu tun, die „Weichen in die richtige Richtung“ zu stellen. Die Betroffenen müssten Sicherheit bekommen und dann gezielt daran arbeiten, wie sie mit der veränderten Situation umgehen können.

Das gelte natürlich auch für die Helfer, die die schrecklichen Bilder verarbeiten müssen, betont Deister. Und auch für jene, die Glück hatten, weil sie unverletzt überlebt haben oder während des Unglücks zufällig nicht zu Hause waren. „Während der Schockphase sind sie erst einmal froh, dass sie es geschafft haben“, weiß der Chefarzt. Doch nach gewisser Zeit könne alles hochkommen, manchmal stellten sich auch Schuldgefühle ein: „Warum habe ich überlebt und mein Nachbar nicht?“ Auch diese Betroffenen bräuchten Hilfe und sollten jemanden ansprechen, betont Deister.

Natürlich gebe es Menschen, die auch so ein schlimmes Ereignis alleine verarbeiten können, sagt der Mediziner. Doch für alle, die Hilfe brauchen, steht das Zentrum für Psychosoziale Medizin am Klinikum Itzehoe als Anlaufstelle zur Verfügung – „unabhängig von Formalien und Überweisungen“. Auch am Montag seien Mitarbeiter bereits im Einsatz gewesen. „Wir schauen, ob wir selbst etwas tun können oder den Betroffenen weiter vermitteln.“ Natürlich könnten aber auch niedergelassene Kollegen aufgesucht werden.

Wichtig sei, dass man sich traue, das Angebot anzunehmen. „Die Menschen sollen wissen: Das ist ein so eingreifendes Ereignis, dass man es nicht einfach wegsteckt“, sagt Deister. „Es ist keine Schwäche, sich helfen zu lassen!“

Sein Appell an alle, die mit dem Unglück zu tun hatten, lautet daher: „Geben Sie auf sich acht und achten Sie darauf, was das mit Ihnen gemacht hat. Verlangen Sie nicht zu viel von sich selbst.“ Auch Angehörige sollten sensibilisiert sein und notfalls auf Hilfsangebote hinweisen. „Es ist kein Versagen, das nicht alleine zu bewältigen. Niemand muss das alleine schaffen. Es ist sehr schwer zu bewältigen.“

Doch wenn man sich Hilfe suche und eine Therapie bekomme – die ausdrücklich nicht auf Medikamenten, sondern auf psychotherapeutischen Maßnahmen beruht –, sind die Erfolgsaussichten gut: „Man kann sehr viel machen, um das in den Griff zu bekommen.“

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