zur Navigation springen
Norddeutsche Rundschau

20. Oktober 2017 | 13:35 Uhr

Niedrigere Grenzwerte gefordert

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Initiative Brokdorf akut hat Sammeleinwendung zum Kraftwerksrückbau in Brunsbüttel gestartet – noch fällt die Resonanz bescheiden aus

von
erstellt am 18.Apr.2015 | 13:12 Uhr

Die Idee wirkt im ersten Moment so absurd, dass sogar Energiewendeminister Robert Habeck (Grüne) kürzlich um Fassung rang: Die Kernkraftgegner der Initiative Brokdorf akut sammeln Einwendungen gegen den Rückbau des Brunsbütteler Atomkraftwerks. Natürlich, sagt Karsten Hinrichsen, wolle die Initiative den ungeliebten Meiler lieber heute als morgen von der Karte des Industriegebiets getilgt sehen. Davor aber müssten Grenzwerte aus dem Rückbau-Genehmigungsantrag des Kraftwerksbetreibers Vattenfall erstmal deutlich nach unten korrigiert werden. Diese Forderung ist der Kern einer Sammeleinwendung.

Rund 500 Unterschriften seien schon eingegangen, berichtet Hinrichsen. Aber er weiß: Diese Zahl macht keinen Eindruck auf den zuständigen Minister und die den Kraftwerks-Abriss genehmigenden Behörden. Es müssen noch mehr werden, so der Brokdorfer. Kommenden Freitag sollen die Sammeleinwendungen im Brunsbütteler Bauamt abgegeben werden, um Mitternacht des selben Tages endet die Frist für mögliche Einwände. Beim Erörterungstermin im Juli in Brunsbüttel sollen dann auch die Bedenken der Kernkraftgegner zum Tragen kommen.

Darum geht es: Vattenfall will 93 Prozent der Gesamtmasse des Kernkraftwerks der Wiederverwertung zuführen, das entspricht 291  000 Tonnen Bauschutt. Dieser wird zuvor freigemessen, das heißt die Unbedenklichkeit wird bescheinigt. Nur 9000 Tonnen Abfall aus dem vor acht Jahren stillgelegten Kraftwerk müssen ins Endlager. Schon 2013 erkannte Pieter Wasmuth, Geschäftsführer Vattenfall Europe Nuclear Energy, dass der Bauschutt stigmatisiert sein werde: „Alle finden den Rückbau toll, aber keiner will den Müll.“

Nicht mit den derzeitigen Grenzwerten, bestätigt Karsten Hinrichsen diese Befürchtung. „Der Stahl wird eingeschmolzen und kommt als Bratpfannen oder Zahnspangen zu uns zurück.“ Daher müsse das Restrisiko so gering wie möglich ausfallen. Auch beim Bauschutt, der etwa als Unterbau von Straßen Verwendung finden könnte, sorgt sich Brokdorf akut um die Reststrahlung. „Es kann ja sein, dass der Schutt aus drei Kernkraftwerken auf die gleiche Deponie kommt“, beschreibt Hinrichsen ein Szenario. „Dann sind es in der Summe nicht mehr zehn Mikrosievert pro Tonne, sondern 30.“ Zehn Mikrosievert entsprechen einem Prozent der natürlichen Strahlung.

Ein anderes Beispiel ist für ihn, was durch den Kamin entweichen darf. Hier, so Hinrichsen, operiere Vattenfall mit Grenzwerten aus der Zeit des Regelbetriebs im Kernkraftwerk. Ähnlich verhalte es sich mit Abwasser, dass in die Elbe eingeleitet werden soll.

Karsten Hinrichsen weiß, dass der Rückbau am Ende auch noch umsetzbar sein muss. „Es muss ja nicht mal Null sein.“ Die oberen Werte für die Freimessung auf 50 Prozent reduzieren wäre ein guter Ansatz, findet er und nennt eine Alternative, die auch Vattenfall davor bewahren könnte, auf als unbedenklich eingestuften Materialien aus dem Kraftwerk sitzen zu bleiben: „Alles ins Endlager.“ Eine Idee, die zu einem sprunghaften Anstieg der Lagerkapazitäten führen würde. Bis die gefunden seien, könne das Kraftwerksgebäude selbst als Zwischenlager dienen. Das erspare auch den teuren Bau eines Lagers für schwach- und mittelradioaktive Abfälle.

Dass der Vorstoß der Brokdorfer Kernkraftgegner nicht ohne Substanz ist, zeigt für Hinrichsen eine von Vattenfall vorgenommene Änderung bei der Abluft: Im Genehmigungsantrag sei hier die zu erwartende Belastung drastisch gesenkt worden. Das zeige, dass es Bewegungsspielraum nach unten bei den Grenzwerten gebe.

„Wir wollen, dass Habeck zwischen die Fronten aus kritischer Bevölkerung und Betreiber kommt. Dann muss er entscheiden, wem er folgt“, betont Karsten Hinrichsen. „Das wird er aber nur tun, wenn wir deutlich mehr als 500 Einwendungen haben.“ Hinrichsen hat sich lange genug dem Kampf gegen Atomkraftwerke verschrieben. Er weiß: „Behörden und Politiker revidieren nur ungerne ihr Meinung.“ Hier müssten die Menschen aus der Region ansetzen,um etwas zu ändern.


>Sammeleinwendung im Internet: www.brokdorf-akut.de

>Infos zum Rückbau:www.perspektive-brunsbuettel.de

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen