Dienstags-Interview : „Nicht gleich zum Psychiater“

Dr. Andrea Lau (53) ist Kinderärztin sowie Kinder- und Jugendpsychiaterin. Seit der Eröffnung der Tagesklinik Störpiraten im August 2012 ist sie die Leitende Ärztin.
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Dr. Andrea Lau (53) ist Kinderärztin sowie Kinder- und Jugendpsychiaterin. Seit der Eröffnung der Tagesklinik Störpiraten im August 2012 ist sie die Leitende Ärztin.

Handy und Internet – die Expertin Dr. Andrea Lau rät Eltern zu einer entspannten Haltung.

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16. Januar 2018, 05:00 Uhr

„Immer on“ – die Jugend und das Handy. Positive und negative Aspekte thematisiert unsere Serie. Heute: Interview mit Dr. Andrea Lau, Leitende Ärztin der Tagesklinik Störpiraten für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Klinikum Itzehoe

Frau Lau, welche Rolle spielt das Handy in der Tagesklinik?

Andrea Lau: Nur eine indirekte. Die Kinder und Jugendlichen dürfen ihr Handy zwar für den Transport hierher dabei haben, geben es dann aber ab und bekommen es wieder, wenn sie nach Hause gehen. Hintergrund: Wir möchten, dass die Patienten innerlichen Raum und Zeit haben, sich mit ihrer Therapie und ihren Mitpatienten auseinanderzusetzen, und nicht am Handy gefangen sind.

Ist dieses Gefangensein ein Thema, das bei Ihnen in der Tagesklinik behandelt wird?

Wenig. Manchmal spielt es vor der Aufnahme eine Rolle, weil wir Patienten haben, die sich gar nicht mehr vorstellen können, dass sie ihr Handy acht Stunden nicht zur Verfügung haben. Früher konnten sich viele Jugendliche nicht vorstellen, hier nicht rauchen zu dürfen. Das hat sich total gewandelt.

Welche Behandlungsansätze gäbe es, wenn jemand zu Ihnen käme, weil er es mit seinem Handy – vorsichtig formuliert – übertreibt?

Exzessive Handynutzung ist keine Diagnose, nur ein Symptom. Deshalb geht sie im Gesamtleiden des Patienten auf und spielt keine besondere Rolle. Sie ist ein Symptom von verschiedenen. So kann, wenn wir eine Depression behandeln, die Zeit der Handynutzung ein Indikator dafür sein, wie viel aufgeschlossener und aktiver der Patient schon wieder ist.

Bei Eltern fällt oft schnell der Begriff „Sucht“. Lässt sich das aus medizinischer Sicht halten?

Nein. Die deutsche Hauptstelle für Suchtfragen hat festgestellt: Es gibt keine allgemein anerkannte Diagnose einer Handy- oder Internetsucht. Es kann Symptom jeder psychischen Störung sein, aber auch selbst zu Verhaltensauffälligkeiten führen: gestörter Schlaf-Wach-Rhythmus, mangelnde Konzentration, psychische Anspannung, zu viel Sitzen, mangelhafte Körperhygiene und Ernährung. Kopfschmerzen. Es gibt auch Ideen, dass es mit der Entwicklung von Kurzsichtigkeit zu tun haben könnte. Das ist aber nicht bewiesen.

Was ist exzessive Nutzung?

Das ist das, was man üblicherweise als Handysucht beschrieben hat. Wo exzessiv anfängt, ist sehr unterschiedlich. Je mehr jemand gefangen ist, desto gefährdeter ist er. Es ist immer schwierig, Altersklassen zu bilden: Wer darf wie viel? Heute wird in der Jugendkultur einfach mehr Handy konsumiert, als es der Elterngeneration lieb und recht ist. Meine Erfahrung ist zunehmend, dass auch Jugendliche, die fünf Stunden am Tag am Handy daddeln, trotzdem ein gutes Abitur machen und ihren Weg ins Leben finden.

Also sollten Eltern hier und da entspannter sein?

Richtig. Bei klar definierten Süchten geht es immer um die Frage: Wie kommt das Kind im Alltag zurecht? Wenn er läuft – nur eben nicht so, wie die Eltern selbst sozialisiert sind –, dann ist es ja in Ordnung. Wenn aber die Grenze ist, dass um 22 Uhr das Licht ausgeht, die Eltern das Kind aber immer nachts erwischen, dann kann man das auch sanktionieren.

Und wenn das zu ernsteren Konflikten führt?

Da steckt häufig eine Eltern-Kind-Interaktionsproblematik dahinter, die am Handy ihren Ausdruck findet. Dann würde ich mich fragen: Warum haben wir diesen Stress? Steht der nicht eigentlich auch für etwas anderes? Was kann ich meinem Kind als Beziehungsangebot machen, was stimmig ist? Gerade pubertäre Kinder fühlen sich zu einem hohen Prozentsatz von ihren Eltern nicht richtig gesehen.

Und die wiederum denken: Der guckt eh nur auf sein Handy. Lässt sich das ohne Hilfe von außen ändern?

Erstmal würde ich es allein versuchen. Aber bevor ich resigniere und sage „Mach doch“ – was wieder nicht sehr wertschätzend gegenüber dem Kind ist –, würde ich mir Hilfe suchen: Kontakt zu den Eltern Gleichaltriger, um ein Gespür dafür zu kriegen, was angesagt ist. Erziehungsberater oder ein Schulsozialarbeiter, der auch mit den Fragestellungen gut vertraut ist. Man muss dann nicht gleich zum Psychiater laufen. Und was oft ein großes Thema ist: Wie gehe ich selbst mit meinem Handy um? Wie bin ich Vorbild in Bezug auf Mediennutzung? Es ist schwierig, vom Kind etwas zu verlangen, was ich selbst nicht lebe.

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