Neuer Fahrplan empört Pendler

Diskutierten mit den Bürgern (von links): Lutz Thieme, Thomas Wolf, Jochen Kiphard und Bernhard Wewers.  Foto: Reimers
Diskutierten mit den Bürgern (von links): Lutz Thieme, Thomas Wolf, Jochen Kiphard und Bernhard Wewers. Foto: Reimers

Ab Dezember 2014 übernimmt die "Nordbahn" die Strecke Itzehoe-Hamburg/ Halt vorranig nur noch im Hamburger Hauptbahnhof

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08. August 2012, 07:52 Uhr

Glückstadt | Die neuen Züge kommen im "Landes-Design", mit grauen Grundtönen. Es ist der Typ "Flirt", der die Bahnkunden begeistern soll. Die erste Klasse wird mit Ledersitzen und Teppichen ausgestattet werden, die zweite Klasse wird "farbenfreudig". Bequeme Nackenstützen ermöglichen ein Nickerchen während der Bahnfahrt. Die Vorzüge der "Nordbahn", die ab Dezember 2014 von Itzehoe über Glückstadt nach Hamburg fährt und die Regionalbahn ersetzt, erklärte Thomas Wolf, Geschäftsführer der "Nordbahn" vor viel Publikum im Ratssaal. "Ich verspreche, dass Sie einen zuverlässigen Partner bekommen."

Rund 100 interessierte Bürger waren gekommen, um sich die neuen Bahnpläne anzuhören. Vor allem die Pendler zeigten sich empört. Denn sie befürchten erheblich Nachteile. Zum einen wird die Nord-Ostsee-Bahn (NOB) ab Dezember 2014 nicht mehr in Glückstadt halten und zum anderen fahren die meisten Züge nur noch zum Hauptbahnhof nach Hamburg und nicht mehr nach Altona.

Eingeladen zur Diskussionsrunde hatten die Stadt Glückstadt und die Fahrgastinitiative "Pro Bahn", vertreten durch Lutz Thieme. Bürgermeister Gerhard Blasberg moderierte. "Dies ist keine Alibiveranstaltung", betonte er.

Warum es die Neuerungen gibt, dass versuchten Bernhard Wewers, Geschäftsführer der Landesweiten Verkehrsservicegesellschaft (LVS) und LVS-Fahrplangestalter Jochen Kiphard den aufgebrachten Pendlern zu erklären.

Wewers erklärte am Ende der Veranstaltung, die LVS werde die Fahrverbindungen für Pendler nach Altona prüfen, denkbar seien morgens und abends zusätzliche Züge. Aber: "Mehr Züge nach Altona, das kostet viel Geld."

Mehr Verbindungen nach Altona hatte Lutz Thieme gefordert. "Für Glückstadt überwiegen die Nachteile durch den Wegfall des NOB-Haltes. Dienlich wäre, wenn die Züge um 5.49 Uhr und 6.49 Uhr weiterhin in Glückstadt halten. Auch um 5.11 Uhr besteht Förderbedarf." Vor allem Schichtarbeiter seien betroffen. Er forderte, dass bisherige Angebot aufrecht zu erhalten.

So sieht die Planung der LVS derzeit aus, die Jochen Kiphard vorstellte: Künftig fahren die Züge von morgens bis abends stündlich von Glückstadt nach Hamburg-Hauptbahnhof und zurück. Hinzu kommen in der Hauptverkehrszeit zusätzliche Züge von und nach Hamburg-Altona. Die Fahrzeit von Glückstadt zum Hamburger Hauptbahnhof werde gegenüber heute fünf Minuten kürzer. Laut LVS wird die Fahrzeit nach Hamburg-Altona im Vergleich zur heutigen Regionalbahn zwei Minuten kürzer, allerdings drei Minuten länger als heute mit der Nord-Ostsee- Bahn. Bernhard Wewers: "Die neuen Züge und die direkte Anbindung an den Hamburger Hauptbahnhof sind für die Bahnlinie Itzehoe-Hamburg insgesamt eine deutliche Verbesserung."

Die "Nordbahn" hat in der Ausschreibung des Landes das "beste Angebot" abgegeben, so Wewers. Die Fahrzeuge bieten bis zu 320 Sitzplätze, zur Hauptverkehrszeit bis zu 640 Sitzplätze.

Nach Einschätzung der LVS hat die überwiegende Zahl der Fahrgäste aus der Region eher das Ziel Hamburg-Hauptbahnhof als das Ziel Hamburg-Altona.

Die Zuhörer sparten nicht mit Kritik. "Mir ist der Kitt aus der Brille gefallen", sagte Pendler Heiko Schlüter angesichts des neuen Fahrplans. Der Glückstädter hatte sich die Mühe gemacht, morgens die Pendler zu zählen, die nach Altona wollen. "Wie Sie mit zwei Zügen auskommen wollen, dass sehe ich nicht." Und die Pendler würden schon jetzt "ab Tornesch stehen".

Auch Ovid Westermann bezweifelte, dass die vorhandenen Sitzplätze ausreichen werden. "Ab Glückstadt wird keiner mehr dösen." Wolfgang Pooch sprach von einer Katastrophe: "Das ist eine Frechheit, was Sie uns anbieten."

Applaus bekam Stefan Goronczy (FDP-Ortsvorsitzender): "Die NOB ist uns lieb und teuer, wir wollen sie behalten." Der Stadtvertreter betonte, dass der Standort-Faktor durch die neuen Pläne gefährdet ist. Das sah auch Gleichstellungsbeauftragte Deborah Azzab-Robinson so: "Wir brauchen die enge Anbindung an Hamburg." Dr. Manfred Lück sprach von der "Lebensader". Jochen Bucher, der bei Airbus arbeitet, kritisierte: "Sie haben vergessen, ihre Kunden zu fragen."

Mit dabei waren im Publikum auch zwei Vertreterinnen der NOB, die sich über so viel Lob freuten. Sie äußerten sich aber nicht darüber, ob das Unternehmen selbst weiterhin gerne in Glückstadt halten würde. Die Stopps der Nord-Ostsee-Bahn in der Elbestadt wurden 2005 freiwillig eingeführt, weil es damals eine hauseigene Busverbindung nach Brunsbüttel gab. Durch den Wegfall der Halts wird es laut LVS möglich, die Fahrtzeit auf der Gesamtstrecke Hamburg - Westerland/Sylt um bis zu sieben Minuten zu verkürzen. Die kürzere Fahrtzeit ermöglicht außerdem eine so genannte "Kurzwende" in Hamburg-Altona, so dass die Nord-Ostsee-Bahn eine komplette Zuggarnitur einsparen kann. Das wiederum würde Kosteneinsparungen von 500 000 Euro jährlich bedeuten, so die Aussage von Bernhard Wewers.

Die strittigen Fragen sollen innerhalb der nächsten zwei Monate geklärt werden. Allerdings beziehen sie sich laut Wewers nur auf die Halts in Altona.

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