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Norddeutsche Rundschau

19. August 2017 | 04:42 Uhr

Neue Ziegel für die Marner Kirche

vom

Keramikingenieurin Bettina Falkenberg formt die Steine für die Fenstereinfassungen nach originalen Vorlagen

Marne/Glückstadt | Ins Fitness-Studio braucht Bettina Falkenberg nicht zu gehen. Denn an ihrem Arbeitsplatz wuchtet sie ständig schweres Material: Die 46-Jährige ist Keramikingenieurin. Derzeit betreut sie die Sanierung der Fenstereinfassungen an der Südseite der Marner Maria-Magdalenen-Kirche. Dort sind Ziegel im Laufe der Zeit kaputt gegangen und müssen nun ersetzt werden. Mit rund 134 000 Euro kalkuliert Pastor Jochen Hose die Kosten. Trotz Zuschüssen geht die Kirchengemeinde damit ans Limit, verbraucht ihre Reserve. Denn bereits die Sanierung des 64 Meter hohen Turms hat ihren finanziellen Tribut gefordert.

Auch an dieser Baustelle hatte Bettina Falkenberg schon mitgewirkt. Denn sie kümmert sich im Ziegelwerk Blomesche Wildnis (ZBW) in Glückstadt darum, möglichst originalgetreue Kopien der für das Marner Gotteshaus verwendeten Steine anzufertigen. Schließlich sollen die sich am Ende nicht mehr von dem vor über 100 Jahren verbauten Material unterscheiden. Alles, was sie dort macht, ist Handarbeit.

Die wird ihr diesmal dadurch erleichtert, dass sich in der Kirche Orginialsteine fanden. "Sonst muss ich oft nach Zeichnungen arbeiten", sagt sie. Mit den Originalen in Hand lasse sich dagegen viel präziser eine Form herstellen.

Das Prinzip ist einfach: Ein so genannter Batzen Ton wird maschinell gepresst und dann in eine Form gespannt. Mit einem Draht an einer Art Bügelsäge schneidet sie den Klumpen auf die richtige Höhe. Danach bekommt der Batzen in einer zweiten Form die richtige Kontur. Das Handling mit dem Tonstück ist gerade am Anfang eine gewichtige Arbeit. 17 Kilo zeigt die Waage. Aber spätestens hier zeigt sich auch, dass es ohne Erfahrung gar nicht geht. Denn das ausgeschnittene Tonstück ist etwa zehn Prozent größer als der Stein nach dem Brennen sein muss. Durch die Hitze (1060 bis 1080 Grad) verdunstet das Wasser aus dem Ton, das Stück schrumpft. Derzeit macht ihr etwas anderes zu schaffen: die Sommertemperaturen. "Das ist kein Wetter für die Keramikwerkstatt", sagt Bettina Falkenberg. Denn so trockne der Ton schon vor dem Verarbeiten zu schnell, werde dadurch leicht unbrauchbar.

Die Form ist nicht alles, auch die Farbe muss stimmen. Die Steine der Fenstereinfassung sind außen dunkel und innen hell. Die äußere Farbe wird als Engobe, einer Mischung aus Ton und bestimmten Zusätzen, ganz dünn vor dem Brennen aufgetragen. Fünf Tage dauert es, bis ein Stein fertig ist, "von kalt bis kalt". 130 Steine werden für die Sanierungsarbeiten benötigt. Die Herausforderung stellen die Übergänge zu den sich verzweigenden Säulen dar. Beim Bau, sagt die Keramikingenieurin, sei es einfacher gewesen, Ungenauigkeiten zu überspielen. Ihre Steine werden eingefügt - sie müssen passen.

"Es gibt eine große Vielfalt an Steinen, jede Farbe ist anders", sagt sie. In ihrer Werkstatt im Ziegelwerk steht das Anschauungsmaterial: runde Steine, Ziegel mit aufwendiger aufgebrachter Dekoration, unterschiedliche Formate. Doch genau das macht für die gebürtige Tornescherin, die seit neun Jahren bei ZBW arbeitet, den Reiz aus. "Die größten Aufgaben, die wir bearbeitet haben, waren die Marineschule in Mürwik und die Dreifaltigkeitskirche in Hannover." Auch für Neubauten hat sie schon Steine entworfen. Das allerdings sei wegen der Kosten selten. So schlägt alleine einer der geraden Steine in Marne mit 50 Euro zu Buche. Die großen an den Säulenübergängen sind noch gar nicht kalkuliert. Schon deren Herstellung ist eine Herausforderung. Erst nach mehreren Wochen zeigt sich, ob die Arbeit erfolgreich war. Trocknet ein solches Stück zu schnell, geht es kaputt.

Und ein gewisser Zeitdruck ist da, wie Architektin Christine Scheer aus Wewelsfleth betont. "Nach Oktober geht hier nichts mehr." Grund dafür ist der verwendete Mörtel. Der besteht aus Muschelkalk, und der reagiert empfindlich auf niedrige Temperaturen. Aber nur so ließen sich Bausünden früherer Jahre vermeiden, sagt die Architektin. Zement habe eine andere Festigkeit und sprenge mit den Jahren das Mauerwerk.

Dass jetzt so aufwändig die Fenstereinfassungen saniert werden müssen, hat einen anderen Grund: Die großen Fenster sitzen lediglich in einer Nut in den Steinen. Fixiert sind sie mit Eisen. Diese Querstreben an den Fenstern sind korrodiert und haben sich damit ausgedehnt. Von den Steinen platzen durch Witterungseinflüsse irgendwann Stücke ab und weitere Schäden entstehen. Nach der Sanierung werden die Fenster von Edelstahl gehalten, nach außen hin werden zudem Vorsatzscheiben angebracht.

Irgendwann wird auch die Nordseite des Kichenschiffs auf diese Weise instand gesetzt, hofft Pastor Hose. Noch gibt es dafür aber keine konkreten Pläne. "Wir müssen erstmal ansparen", beschreibt er die wichtigste Voraussetzung. "Es wäre auf jeden Fall sinnvoll, dort etwas zu tun." Dann bekommt vielleicht auch Bettina Falkenberg wieder Gelegenheit, aus ihrer Schablonensammlung die passenden für die Marner Kirche herauszusuchen.

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erstellt am 03.Aug.2013 | 05:59 Uhr

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