Bauernhäuser der Wilstermarsch : Neue Forschung für alte Höfe

Das ist einer der Höfe in der Wilstermarsch, die Gustav Wolf in den 30er Jahren besucht und intensiv erforscht hat. Bis auf wenige Veränderungen steht das Barghaus heute noch genau so da. Aus der landwirtschaftlichen ist inzwischen aber eine reine Wohnnutzung geworden. Das kleine Bild gewährt einen Blick in das Innere des um 1780 errichteten Gebäudes.
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Das ist einer der Höfe in der Wilstermarsch, die Gustav Wolf in den 30er Jahren besucht und intensiv erforscht hat. Bis auf wenige Veränderungen steht das Barghaus heute noch genau so da. Aus der landwirtschaftlichen ist inzwischen aber eine reine Wohnnutzung geworden. Das kleine Bild gewährt einen Blick in das Innere des um 1780 errichteten Gebäudes.

Berliner Architektin begibt sich 80 Jahre nach einer ersten Bestandsaufnahme auf die Spuren des ländlichen Bauwesens rund um Wilster.

shz.de von
20. Januar 2018, 08:04 Uhr

„Ein tiefer Einblick in die bäuerliche Lebenswelt.“ So führt ein Berliner Verlag in ein 1940 erschienenes Standardwerk ein, das allerdings über den ersten Band zunächst nicht hinausgekommen ist. Es ging um „Haus und Hof deutscher Bauern“. Der Architekt, Baubeamte und Hochschullehrer Gustav Wolf hatte sich damals intensiv mit der landwirtschaftlichen Baukultur befasst und war damit in Schleswig-Holstein gestartet. Auch zahlreiche Höfe aus der Wilstermarsch bekamen Besuch von ihm. Ältere Landwirte konnten sich Jahrzehnte später noch daran erinnern.

Jetzt wird die Geschichte der vor fast 80 Jahren erforschten Höfe fortgeschrieben. Die Berliner Architektin Ines Lüder arbeitet an einer Dissertation mit dem Arbeitstitel „Regionale Transformation und historische ländliche Gebäude“. Im Februar will sie zehn von noch in der Wilster- und Krempermarsch stehenden und in dem Buch detailliert beschriebenen Fachhallen- und Barghäusern einen Besuch abstatten.

„Die Idee dazu hatte ich schon lange, und sie ließ mich nicht mehr los“, so die 40-Jährige. Inzwischen sei es zu einer echten Herzensangelegenheit geworden, fügt Ines Lüder hinzu, die die Region durch ihre Mitarbeit bei dem seit einigen Jahren laufenden Projekt Regiobranding schon gut kennt.

Über das Thema und letztlich auch über den 1967 verstorbenen Autor Gustav Wolf war sie bei ihrer Tätigkeit an die Universität Hannover gestolpert. Immerhin: Die Erforschung des ländlichen Bauwesens hatte Gustav Wolf im Jahre 1951 sogar die Ehrendoktorwürde der Technischen Universität Hannover eingebracht. Vermutlich galt die Würdigung vor allem seiner fachlichen Kompetenz. In seinem mit zahlreichen Bildern und Zeichnungen angereicherten Buch dringt nämlich auch immer mal wieder die Sprache jener Zeit durch. Beispiel: „Das Dritte Reich sucht in mächtig angespannter Erziehungsarbeit neue Gestaltungskraft wachzurufen.“ In einem Vorwort schwärmt der Generalbevollmächtigte für die Regelung der Bauwirtschaft, Fritz Todt, wie „altes ländliches Handwerk das Erbgut tüchtiger Fähigkeiten geschaffen hat“.

Abgesehen von den zeitgenössischen einleitenden Worten überwiegt in dem Werk die sachliche Darstellung der bäuerlichen Architektur. Bei vielen Gebäuden hat Gustav Wolf ein detailliertes Aufmaß vorgenommen, maßstabsgetreue Skizzen angefertigt und jeden erforschten Hof im Lichtbild festgehalten. So bleibt der Nachwelt ein Eindruck erhalten, wie die Menschen auf den Höfen vor 80 Jahren gelebt haben. Das geht bis hin zu einer genauen Beschreibung der Bewirtschaftung. So hatte Wolf sich auch mit der in der Wilstermarsch vorherrschenden Milchwirtschaft befasst – und deren Auswirkungen auf die Struktur der Gebäude, in deren Kellern es offene Wasserläufe zum Kühlen der Milch gab.

Seit vergangenen April befasst sich nun Ines Lüder mit dem Thema. Für zwei Jahre ist sie in ein Promotions-Programm mit dem Thema „Dörfer in Verantwortung – Chancengerechtigkeit im ländlichen Raum“ aufgenommen worden. Sie will nun aufzeigen, wie sich die bäuerliche Architektur seit der großen Bestandsaufnahme von Gustav Wolf vor allem von ihrer Nutzung her verändert hat. Untersucht werden sollen aber auch die Herausforderungen, die die ebenso historischen wie meist stattlichen Gebäude an ihrer heutigen Bewohner stellen – und welche Möglichkeiten es für eine Weiterentwicklung gibt. „Ich will herausfinden, wie sich die Gebäude bei ihrer heutigen Nutzung verändert haben“, sagt sie. Im Februar wird sie zehn Gebäude in der Marsch mit heutigen Augen unter die Lupe nehmen – so wie Gustav Wolf vor 80 Jahren.

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