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Wirtschaft Regional : Neue Fachkräfte gegen Herzschmerz

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Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Pohl Boskamp geht neue Wege aufgrund von Personalnotstand. Angehende Chemielaboranten prüfen künstliche Speichelproben im Testlabor

shz.de von
erstellt am 18.Apr.2014 | 12:00 Uhr

Bei Liebeskummer trösten Tränen, Taschentücher und tafelweise Schokolade. Doch ist der Herzschmerz organisch und akut kann ein Sprühstoß unter die Zunge Leben retten. Bundesweit verwenden Notärzte das Notfallspray, das das Unternehmen Pohl Boskamp aus Hohenlockstedt herstellt. Die Wirksamkeit des Arzneimittels sollte möglichst verlässlich sein: „Keiner möchte in die Apotheke gehen und ein Medikament bekommen, das unrein und deshalb schädlich ist“, erklärt Birgit Galbarsch, die die Laboranten in der Qualitätskontrolle des Pharmaunternehmens anleitet.

Die Laborleiterin benötigt gut ausgebildete Fachkräfte hinter den hochkomplexen Maschinen, mit denen die Zusammensetzung der Medikamente, unter anderem Kunst-Speichel, geprüft werden. Doch in jüngster Zeit würden zu wenige Laboranten in Schleswig-Holstein ausgebildet. „Deshalb müssen wir uns unsere Chemielaboranten selber backen“, erklärt Geschäftsführerin Marianne Boskamp ihre Idee gegen den Fachkräftemangel.

Neben 33 Auszubildenden, die der Betrieb derzeit selbst ausbildet, sucht Pohl Boskamp deshalb nicht mehr nur fertige Chemielaboranten. Der Betrieb stellt neuerdings auch Personal mit festen Verträgen aus ausbildungsnahen Berufen ein und gibt dabei unter anderem Wiedereinsteigern eine Chance im Unternehmen.

„Wenn Mitarbeiter neu zu uns kommen, bekommen sie erstmal einen Mentor an die Hand, der sie einarbeitet“, beschreibt Galbarsch die bisherige Vorgehensweise. Doch es gehe nicht um einen, sondern gleich um sechs Neueinsteiger, dazu mit unterschiedlicher Vorerfahrung. So groß sei der Personalbedarf und die Herausforderung für das Unternehmen.

Man Stelle sich vor: sechs Neulinge im normalen Produktionsablauf. „Das würde mein Labor lahmlegen“, so Galbarsch. Sie freut sich über die Lösung, die Pohl Boskamp stattdessen in Kooperation mit dem KIN Lebensmittelinstitut in Neumünster gefunden hat. Dort gebe es Laborräume und die Lehrkräfte einer Technikerschule, um die angehenden Chemielaboranten für den Alltag im eigenen Pharmaunternehmen vorzubereiten. „Wir sind stolz auf unsere neue Laborklasse“, betont Marianne Boskamp.

Mehr als drei Monate, seit Februar dieses Jahres, lernen die neuen Mitarbeiter der Firma an vier Tagen in der Woche in Neumünster praxisnah die Arbeitsabläufe des Unternehmens kennen. „Das ist ein ganz individuell auf uns ausgerichteter Schulungsvorgang“, benennt Heike Jörn aus der Personalabteilung den neuen Weg bei Pohl Boskamp. Sogar ein hauseigenes HPLC-Gerät stehe den Lernenden in Neumünster zur Verfügung. Mit diesem Spezialgerät und der gängigen Firmensoftware prüfen die Neuzugänge beispielsweise die Zusammensetzung von künstlichem Speichel. Dieser werde in der Medizin unter anderem bei Patienten eingesetzt, die durch die Nebenwirkung anderer Medikamente oder eine entsprechende Erkrankung über wenig Eigenspeichel verfügen. Dieser werde zur Mundbefeuchtung jedoch dringend benötigt, denn den Mundraum nur mit Wasser zu befeuchten, sei keine Alternative: „Sonst fallen irgendwann die Zähne aus“, so Boskamp.

Für Katharina Findeklee (29) war die Arbeit mit dem HPLC-Gerät eine neue Erfahrung. Die gelernte chemisch-technische Assistentin hat zeitweise fachfremd gearbeitet und über das Fortbildungsprogramm der Firma Pohl Boskamp den Wiedereinstieg in ihren gelernten Beruf geschafft. „Ich finde das Projekt sehr positiv. Gerade wenn man den Beruf des Chemielaboranten nicht direkt gelernt hat, kann man sich durch die Schulung intensiv damit beschäftigen ohne dabei den laufenden Betrieb zu stören“, sagt sie.

„Unternehmen tun ganz allgemein gut daran neue Wege zu gehen, um den eigenen Fachkräftebedarf zu decken“, findet auch Paul Raab, Leiter der IHK-Zweigstelle Elmshorn. Das zweigleisige Vorgehen, neben der regulären Ausbildung weitere Fortbildungsmaßnahmen anzubieten, sei sinnvoll. Auch Marianne Boskamp bleibt nach dem ersten Durchlauf von ihrer Idee überzeugt: „Wir brauchen viele Laboranten“, erklärt sie, „einmal im Jahr werden wir wohl eine Klasse zusammenstellen.“

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