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AbfallWirtschaft : Müllwerker bangen um Arbeitsplätze

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Nach der Insolvenz in Eigenverwaltung der Kremperheide Firma Bischof beschließt der Kreistag einen Entsorgerwechsel zum 1. Juli. Das Unternehmen will dagegen klagen.

Um kurz vor Mitternacht gingen am Donnerstagabend in der Viktoriastraße 16 die Lichter aus. Lange hatte der Steinburger Kreistag diskutiert bis er mehrheitlich beschlossen hatte, den Entsorgungsvertrag mit der Firma Bischof in Kremperheide außerordentlich zu kündigen. Grund: Über das Vermögen des Firmeninhabers Gernot Walter wurde am 1. April das Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung eröffnet. Schon in einer Woche – ab 1. Juli – wird wieder die Firma Otto Dörner aus Hamburg im gesamten Kreisgebiet Restabfall und Papier abholen, die Firma USN Umweltservice Nord die Bioabfälle. Ein Schritt, der aus Sicht des Kreises – Politik und Verwaltung – notwendig war, um die Entsorgung der Abfälle sicherzustellen, wie Landrat Torsten Wendt betont. Ein Schritt, der für das Familienunternehmen und seine 40 Angestellten ein existenzielles Desaster bedeutet.

Als die Kreistagsentscheidung gestern Vormittag an das Unternehmen übermittelt wurde, unterbrachen die Müllwerker ihre Touren und fuhren mit elf Fahrzeugen vor dem Umweltschutzamt in der Karlstraße in Itzehoe vor, um gegen die Entscheidung zu protestieren: „Wir wollen unsere Arbeitsplätze behalten!“, „Ich habe Frau und zwei Kinder zu versorgen!“, „Wir stehen hier geschlossen für die Firma Bischof!“, „Wir sehen die Kündigung als nicht rechtmäßig an!“ – Empörung und Verzweiflung herrschten, als die Müllwerker vor dem Kreisgebäude standen und mit Landrat Torsten Wendt das Gespräch suchten, der den Kreistagsbeschluss, das Sonderkündigungsrecht zu nutzen, vertrat. Man habe sich eingehend mit den wirtschaftlichen Verhältnissen beschäftigt und sei zu dem Schluss gekommen, dass eine dauerhafte Sicherstellung der Müllentsorgung nicht zu erwarten sei. Dabei unterstrich der Landrat auch im Gespräch mit unserer Zeitung, dass sich der Kreistag die Entscheidung nicht leicht gemacht habe. Sie sei erst nach stundenlanger Diskussion in nicht-öffentlicher Sitzung gefällt worden. Denn wichtig sei, die Müllentsorgung für die Steinburger sicherzustellen. Würde das Unternehmen weiterhin beauftragt und müsste dann doch aufgeben, könnte kein anderes Unternehmen kurzfristig einspringen – „dann stünde der ganze Müll an den Straßen, und das wäre ein unhaltbarer Zustand. Das kann ich nicht riskieren“, fügte Wendt hinzu.

Die Gefahr eines kurzfristigen Endes der Firma sehen Gernot Walter und seine Töchter Nadine und Kathy so nicht. Schließlich werde Insolvenz in Eigenverwaltung vom Gericht nur gewährt, wenn das Unternehmen über einen fortführungswürdigen Geschäftsbetrieb verfüge. Der Start bis zur Übernahme der Müllentsorgung am 1. Januar 2016 – über einen Vertragszeitraum von zehn Jahren – war alles andere als einfach. Durch ein Klageverfahren des Mitbewerbers sei es erst im August 2015 zur Vertragsunterzeichnung gekommen – nur noch knapp vier Monate blieben, um sich für die Müllentsorgung zu rüsten. „Wir haben im Affentempo gearbeitet“, so Nadine Walter. Zum 30. Dezember gelang es Gernot Walter, die nötigen Fahrzeuge anzumelden, zusätzliches Personal wurde eingestellt und innerhalb von fünf Wochen wurde der Tourenplan erstellt. Doch der Start im Biotonnenbereich gestaltete sich problematisch. „Der Biomüll wurde unser Sorgenkind“, so Walter. Im Nachhinein habe sich herausgestellt, dass die Gefäßmenge im Vertrag nicht der tatsächlichen Menge entsprach – „etwa 4000 Gefäße kamen noch hinzu“, ergänzt Kathy Walter. Entsprechend höher die Abfallmengen, so dass die Fahrzeuge überladen den Biomüll nach Lübeck brachten. Vertragsstrafen in fünfstelliger Höhe seien die Folge gewesen, und es habe keine kostendeckende Interimslösung gegeben. Auch aufgrund von Auftragsverlusten in den Jahren zuvor habe sich Ende 2016 die wirtschaftliche Lage dramatisch verschlechtert. Die Familie wandte sich an einen Sanierungsberater – und folgte dem Vorschlag, Insolvenz in Eigenverwaltung zu beantragen.

Um eine „gute, erfahrene Sachwaltung“ zu bekommen, verlegte Gernot Walter seinen Firmensitz nach Bochum, am 19. Januar habe der Beschluss des dortigen Amtsgerichts vorgelegen. Er habe den Kreis als Hauptauftraggeber umgehend darüber informiert, so Walter. Daraufhin hatte der Kreis die Möglichkeit, eine Sonderkündigung auszusprechen. Bis zum 24. März habe es gedauert, bis eine Antwort gekommen sei – mit dem ersten Hinweis, dass auf das Kündigungsrecht verzichtet werde – aber nur bis zur Eröffnung des Insolvenzverfahrens am 1. April. Seither, so die Walters, habe es kaum noch Gespräche zwischen Verwaltung und Unternehmen gegeben. Dabei befinde sich die Firma mittlerweile auf einem guten Weg. „Wir wussten nicht, wie sich der Kreis entscheiden würde“, sagt Kathy Walter. Allerdings: Über ihre Mitarbeiter hätten sie erfahren, dass offenbar ein Wechsel bevorstehen würde. „Sie wurden vom Mitbewerber angesprochen, ob sie ab Juli für ihn fahren wollen.“ Personal sei auch über Zeitungsanzeigen gesucht worden. „Die wussten schon über die Neuvergabe Bescheid.“

Walter hatte den Auftrag 2015 erhalten, da er der günstigste Bieter war. Sein Angebot soll mehr als eine Million Euro unter dem des Zweitplatzierten gewesen sein. Dass er zwischenzeitlich seinen Firmensitz von Kremperheide nach Bochum verlegt hat, stieß bei den Kreispolitikern allerdings nicht auf großes Wohlwollen.

Wie es jetzt weitergeht? „Wir werden klagen“, erklärt Kathy Walter gegenüber unserer Zeitung. Und auch die Müllwerker hoffen auf einen Weg, „das Ruder noch einmal rumreißen zu können“. Denn jetzt sei alles im ruhigen Fahrwasser. Warum könne man nicht eine längere Frist beispielsweise bis Jahresende gewähren? Landrat Wendt sagte zu, die von den Müllwerkern ins Feld gebrachten Argumente per Mail an die Kreispolitiker weiterzuleiten – und er verabredete mit einer Delegation der Müllwerker ein Gespräch in der nächsten Woche. Er zeigte Verständnis für ihre Situation, betonte aber auch, dass er eine Änderung der Kreistagsentscheidung zwar für theoretisch denkbar, aber nicht für wahrscheinlich halte.

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erstellt am 24.Jun.2017 | 06:18 Uhr

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