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Sturmflut 1962 : Mit warmem Zement im Kampf gegen die Flut

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Vor 55 Jahren wurde die deutsche Nordseeküste von einer der schwersten Sturmfluten aller Zeiten heimgesucht. In Itzehoe kommt es zu schweren Schäden - ein Zeitzeuge erinnert sich.

Für Wolfgang Vollmann begann seine persönliche Geschichte der Sturmflut von 1962 am späten Nachmittag des 16. Februar mit einem ganz banalen Fahrauftrag. Der gebürtige Itzehoer, damals gerade Anfang 20, fuhr in der Kreisstadt Taxi. Ehrenamtlich war er kurz vorher beim Technischen Hilfswerk (THW) eingetreten. Als er an diesem Tag seinen Fahrgast sah, wurde ihm aber klar, dass es keine normale Fahrt würde. Auf ihn wartete der Itzehoer THW-Chef, der ihn mit den Worten „Wolfgang, wir haben einen Einsatz“ begrüßte. Auf dem Weg zum THW-Depot alarmierten sie weitere Helfer – persönlich. „Viele hatten ja noch gar kein Telefon“, erinnert sich der heute 78-jährige Vollmann. „Wir sagten ihnen Bescheid und beauftragten sie, weitere Kameraden zu informieren.“ Dann hieß es erst mal „Sammeln an der Halle“.

Dort wurden die THWler informiert, dass Itzehoe ein Hochwasser durch eine Sturmflut der Nordsee drohte. Dass diese die höchsten Pegelstände seit Menschengedenken bringen und hunderte Menschen in Schleswig-Holstein und Hamburg das Leben kosten würde, ahnte am frühen Abend des 16. Februar 1962 niemand. „Wir wussten, dass eine gefährliche Wetterlage bestand“, sagt Vollmann. Seit Tagen hatten Sturmtiefs über der Nordsee mit starken Böen aus Nordwest Wasser in die Deutsche Bucht und die Elbmündung gedrückt. Am 16. Februar hatte sich der Wind nochmal verstärkt. Hochwasser in der Elbe hieß damals, vor Fertigstellung der Sperrwerke an den Mündungen, auch immer Hochwasser in den Nebenflüssen wie der Stör. „Wir waren zunächst relativ entspannt“, erzählt Vollmann. „Das Wasser kam ja öfter damals. Die Stör stieg zweimal im Jahr über die Ufer und die niedrigsten Straßen der Stadt sowie die Malzmüllerwiesen wurden öfters überflutet. Das kannte man.“

Dass es diesmal ernster war, wurde Vollmann klar, als er seinen ersten Einsatzort erreichte. „Wir sollten einen Damm am Delftor, etwa in der Nähe der heutigen Volkshochschule bauen.“ Als die Helfer dort ankamen, war der Weg in Richtung Wellenkamp, der damals noch über das Gelände der Zementfabrik Alsen führte, bereits völlig vom Wasser abgeschnitten. „Dort war Schluss. Alles überflutet.“ Der Bahndamm, der auch als Deich diente, war unterspült worden. Und das Wasser stieg schnell weiter in Richtung Innenstadt. „Wir bauten stundenlang an dem Damm“, sagt Vollmann. „Bis zum Bauch im Wasser, immer so lange, wie man konnte. Das Wasser war schrecklich kalt.“ Was ihm wohl auch deshalb besonders in Erinnerung geblieben ist: Statt der üblichen Sandsäcke wurde der Damm mit Zementsäcken gebaut, die direkt aus dem Alsenwerk nebenan geliefert wurden. Der Zement kam ganz frisch aus dem Brennofen und war noch warm. „Wenn man so einen Sack im Arm hatte, wollte man den am liebsten gar nicht wieder weglegen“, sagt Vollmann und lacht.

„Ob der Dammbau eigentlich sinnvoll war, weiß ich gar nicht“, fährt er fort. Von der Gesamtlage bekamen er und seine Kameraden wenig mit. „Man hatte ja seinen Auftrag und arbeitete den konzentriert ab.“ In den Pausen wurde natürlich gesprochen. „Aber damals hatte ja nicht jeder gleich ein Smartphone in der Hand.“ Was Vollmann mitbekam war, dass die Stromversorgung im Laufe des Abends zusammenbrach. Andere THW-Helfer mussten Notstromaggregate zum Krankenhaus bringen.

Er selbst musste am späten Abend Mitarbeiter des Stromversorgers Schleswag am Umspannwerk in der Gasstraße unterstützen. „Dort war auch alles unter Wasser. Wir haben ihnen erhöhte Wege aus schweren Holzbohlen gebaut, damit sie arbeiten konnten.“ Den Einsatz im Umspannwerk hat Vollmann in schlechter Erinnerung. „Die Leitungen knisterten und funkten, vermutlich durch Regen- und Schneeschauer. Das fanden wir sehr unheimlich.“

Um 3.01 Uhr in der Nacht zum 17. Februar war schließlich mit 4,71 Meter über Normalnull der höchste Pegelstand in Itzehoe erreicht. Es ist bis heute der höchste jemals erreichte Stand geblieben. Zwar erlebte die Elbe 1976 und 2013 noch höhere Sturmfluten, aber die betrafen Itzehoe nicht mehr, weil Anfang der 70er Jahre die Störmündung mit dem Sperrwerk gesichert wurde. Das ganze Ausmaß der Flut von 1962 wurde erst deutlich, als es am 17. Februar wieder hell wurde. Bis weit in die Breite Straße war die Stör vorgedrungen. Die Zerstörungen waren mit denen in Hamburg zu vergleichen. Doch während dort über 300 Menschen ums Leben kamen, hatte Itzehoe nur ein Todesopfer zu beklagen: In seiner Parterrewohnung in der Kapellenstraße starb der Rentner Johann Schölermann. Er hatte eine Evakuierung abgelehnt und war vom schnell steigenden Wasser überrascht worden.

Für Wolfgang Vollmann und viele andere Helfer begannen nun die Aufräumarbeiten. „Wir haben geholfen, wo wir konnten.“ Er erinnert sich an schwimmende Tabletts im Café Lage und sehr viel nasses Papier im Verlagshaus der Norddeutschen Rundschau, die damals noch in der Breiten Straße ansässig war. Die Aufräumarbeiten dauerten Wochen. „Als in Itzehoe nicht mehr so viel zu tun war, halfen wir im Umland. Ich war zum Beispiel auch in St. Margarethen bei Deicharbeiten dabei.“

Die Norddeutsche Rundschau titelte am 19. Februar von der „Trauer nach der großen Katastrophe“. Wie tief die Angst vor einer Wiederholung saß, wird beim Blättern durch spätere Ausgaben deutlich: Die Pläne für die Sperrwerke und ihre Umsetzung verfolgte die Zeitung mit Argusaugen und stets mit dem Hinweis auf 1962. „Die Angst war eigentlich immer da bis die Sperrwerke da waren und die Deiche besser wurden“, erinnert sich auch Wolfgang Vollmann. Er wäre vermutlich auch bei einer Flutkatastrophe 2017 im Einsatz. Seit inzwischen 55 Jahren ist er beim THW aktiv. Zementsäcke würde er aber nicht mehr schleppen – heute unterstützt Vollmann die Gruppe Trinkwasseraufbereitung.

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erstellt am 24.Apr.2017 | 16:04 Uhr

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