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Unternehmerin : Mit positivem Geist etwas bewegen

vom
Aus der Redaktion der Glückstädter Fortuna

Ilse Nölke baute mit ihrem Mann nach dem Krieg die Glückstädter Wäscherei auf. Heute fördert sie Kunst und Kultur.

Ilse Nölke ist eine sportliche, begeisterungsfähige Frau, die regelmäßig walken geht, ihren Garten pflegt und wöchentlich Klavierstunden nimmt. „Nur nicht stehen bleiben“ lautet ihre Devise. Und die 92-Jährige liebt die Kunst. Immer wieder stellt sie Künstlern ihre Heesch Mühle am Rhin zur Verfügung für Ausstellungen und Lesungen – mit oder auch ohne Musik. Sie genießt die Kunst, die ihr Leben bereichert. Eine ihrer großen Leidenschaften sind Künstlerpuppen. Liebevoll hat sie die teilweise seltenen, handgearbeiteten Puppen aus Holz, Stoff, Porzellan und Zelluloid in einer „Puppenhaus-Stube“ arrangiert, inklusive Mobiliar.

Ilse Nölke wuchs gemeinsam mit ihren beiden Geschwistern Lotte und Kurt in Glückstadt auf. Ihr Vater Dr. Fritz Benirschke (1887-1944) stammt aus Mährisch-Schönberg im Nordosten des heutigen Tschechien. Nach Studium der Chemie begann er seine berufliche Laufbahn bei der Firma Temming als Haupt-Chemiker für die Baumwollbleicherei. Kaum in Glückstadt angekommen lernte Benirschke schon bald Marie-Luise Lübcke (1898-1953) kennen und lieben. Die Liebe war groß, so dass Fritz Benirschke – obwohl er den harten Wind und die flache, unbewaldete Marsch zeitlebens hasste – und Marie-Luise Lübcke 1921 heirateten und auch bald ihre erste Tochter Ilse geboren wurde. Da der Name Benirschke für viele nur schwer aussprechbar war, stellte sich der für viele Glückstädter ziemlich exotische wirkende, kaiserlich-königliche Rittmeister meist selbst nur mit dem Kürzel „Dr. Be“ vor und wurde so auch meist genannt.

Nach einigen Jahren erfolgreicher Tätigkeit in der Baumwollbleicherei stellte der Inhaber Peter Temming seinen inzwischen zum Betriebsdirektor aufgestiegenen „Dr. Be.“ vor eine neue Herausforderung. Denn der Chemiker sollte die allererste Papiermaschine der Firma Temming in Betrieb nehmen. Auf den Einwand von „Dr. Be.“, dass er für das Papiermachen keinerlei Kenntnisse mitbrächte, bekam er die lapidare Antwort, dass er sich diese Kenntnisse dann halt aneignen müsse. Aber das Papiermachen stellte sich doch als sehr schwierig heraus, es gab immer wieder sehr, sehr viel Ausschuss; darüber hinaus verschärfte sich die allgemeine wirtschaftliche Situation in Deutschland drastisch. Schlussendlich – und praktisch über Nacht – trennten sich dann 1929 die Wege von Fritz Benirschke und Peter Temming.


Kindheit war entbehrungsreich


Der abrupte Ausstieg des Vaters bei Temming bedeutete für die ganze Familie Benirschke und somit auch für die älteste Tochter Ilse einen riesigen sozialen Abstieg. Die Familie musste die schöne Dienstvilla in der heutigen Bohnstraße räumen und zu den Großeltern in die Königstraße 23 zur Untermiete ziehen. Daraufhin versuchte sich „Dr. Be.“ in den Kohlenhandel des Großvaters Lübcke einzuarbeiten. Aber „Dr. Be.“ war kein Kaufmann und hatte kein kaufmännisches Talent; die Geschäfte gingen schlecht. So war die Kindheit von Ilse Nölke entbehrungsreich, aber trotzdem fröhlich, denn die Familie war immer zuversichtlich. „Unsere Familie hat immer zusammengehalten, das hat uns stark gemacht.“

1935/36 kam die Wende. Zufällig hörte „Dr. Be“ beim Kegeln davon, dass in Glückstadt eine Marine-Kaserne gebaut werden solle und diese auch eine Waschanstalt bräuchte. Er sagte daraufhin zu dem planenden Architekten: „Das Wäschewaschen, das lassen Sie mich mal machen! Denn als Chemiker weiß ich schließlich wie man Seife kocht.“ Und damit war der Grundstein für die Glückstädter Wäscherei gelegt. „Es war sehr viel Arbeit“, sagt Ilse Nölke, „schwere Arbeit für meine Eltern, und wir Kinder mussten kräftig mithelfen.“ An jedem Sonnabend, dem sogenannten Badetag in der Kaserne wechselten über 1000 Soldaten ihre Wäsche. Und schon am Sonnabendabend wurde die erste schmutzige Wäsche von einigen Mitarbeitern und der ganzen Familie sortiert und gewaschen, damit diese im Laufe der folgenden Woche blitzsauber und pünktlich wieder in die Kaserne zurückgeliefert werden konnte.

Nach Abschluss der Schule und einem halben Jahr Arbeitsdienst ging Ilse Nölke fort. „Ich bin in der Kriegszeit nach Berlin gegangen und habe dort an der strengen, aber berühmten Medau-Schule meine zweijährige Ausbildung zur Gymnastiklehrerin gemacht. Dort habe ich wohl das Rüstzeug für mein Leben gelernt. Aber dann kam alles ganz anders als gedacht. Denn 1943 habe ich mich in den Bauingenieur Dr. Kurt Nölke verliebt, wir heirateten sehr bald und Ende 1944 kam unsere Tochter zur Welt“, berichtet die 92-Jährige. „Mein Mann und ich hatten das große Glück den Krieg unversehrt zu überstehen, und wir waren dann sehr froh, am Ende des Krieges bei meiner damals bereits verwitweten Mutter in Glückstadt unterkommen zu können.“

Aber wie so viele andere fanden auch Ilse Nölke und ihr Mann nicht sofort wieder Arbeit. „Dann haben wir uns spontan entschieden, meiner Mutter in der Wäscherei zu helfen. Nach und nach gelang es uns, immer mehr Aufträge von privaten Haushalten und später auch von der neu entstehenden Bundeswehr zu bekommen. Wir haben uns ständig vergrößert, mein Mann baute immer wieder um und aus, und bald schafften wir auch modernere und größere Maschinen an. Während mein Mann insbesondere für Technik, Bau und Finanzen zuständig war, war es meine Verantwortung – gemeinsam mit unseren Mitarbeitern – für einen reibungslosen Betrieb und einen hohen Qualitätsstandard zu sorgen sowie neue Aufträge in den täglichen Produktionsablauf zu integrieren. Wir waren gemeinsam ein sehr gutes Gespann und konnten so im Laufe von nur wenigen Jahren einigen hundert Menschen Arbeit geben.“ Die grünen Wagen der Glückstädter Wäscherei, später mit der „Kogge“ als Markenzeichen, waren bald stadtbekannt.

In den Zeiten des Wirtschaftsaufschwungs der 1960er Jahren konnte Ilse Nölke nicht mehr genügend Mitarbeiter vor Ort finden. Und so bemühte sie sich schon sehr früh auch um türkische Mitarbeiterinnen. Dabei war die Integration der neuen Mitarbeiterinnen in die bestehende Betriebsgemeinschaft stets eines ihrer wesentlichen Anliegen. Besonderes Geschick und Diplomatie wurden von Ilse Nölke gefordert, als der Wunsch einiger türkischer Mitarbeiterinnen aufkam, bei der Arbeit statt des üblichen weißen Kopfschutzes ein privates Kopftuch tragen zu wollen. „Ein privates Kopftuch war aber in unserer später sehr auf Krankenhauswäsche ausgerichteten Wäscherei aus hygienischen Gründen nicht erlaubt“, berichtet Ilse Nölke. „Ich habe viel Überredungskunst gebraucht, die Frauen von der Notwendigkeit zu überzeugen, dass wir alle gemeinsam die strengen Hygienevorschriften einhalten müssten. Schließlich haben wir als Kompromiss – auch in Abstimmung mit dem örtlichen Imam – große weiße Kopftücher nähen und täglich waschen lassen, die dann einige unserer türkischen Mitarbeiterinnen an Stelle eines simplen Kopfschutzes getragen haben. Damit war das Problem gelöst.“


Neue Herausforderung


Mit dem Umzug des immer größer werdenden Betriebes von der Königstraße in die neu errichteten Werkshallen an der Stadtstraße gab Ilse Nölke Mitte der 1980er Jahre die tägliche Leitung des bald rund um die Uhr arbeitenden Betriebes in jüngere und mehr technisch geschulte Hände. Auch wenn sie ab dann nicht mehr tagtäglich im Betrieb sein musste, blieb sie doch für sehr viele Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen die Seele und die vertrauensvolle Ansprechpartnerin des Unternehmens.

Aber sehr bald konnte Ilse Nölke ihren unternehmerischen Drive und ihre Begeisterungsfähigkeit erneut bei der Entwicklung und späteren Produktion einer Service-Innovation für Krankenhäuser zum Einsatz bringen. Bei dem Glückstädter Projekt Chirutex ging es darum, mittels einer neuen Art von Textilien für sämtliche chirurgische Eingriffe ein feuchtigkeitsundurchlässiges, aber gleichzeitig atmungsaktives Abdeck- und Bekleidungssystem zu entwickeln. Oberstes Ziel der im Kreislauf jeweils zu waschenden und zu resterilisierenden Op-Sets war es, einen deutlich verbesserten Schutz des chirurgischen Personals und der zu operierenden Patienten vor Bakterien zu erreichen. Im Team mit hauseigenen Op-Schwestern und Mitarbeitern einer neu aufzubauenden Op-Abteilung sowie gut ausgebildeten Näherinnen war Ilse Nölke ganz wesentlich am Erfolg des Chirutex-Systems beteiligt. Immer wieder musste Ilse Nölke gegen manchen hausinternen Widerstand sowie nach einigen Rückschlägen und sehr viel Ausschuss in der Produktion mit positivem Geist vorangehen.

Trotz des anfänglich ungläubigen Staunens mancher Op-Schwestern und Chirurgen über diese Entwicklungsversuche einer kleinen Wäscherei aus der Provinz gelang der Durchbruch. Aus dem Werbe-Slogan „Lassen Sie uns gemeinsam Großes bewegen“ wurde Realität. In wenigen Jahren zählten neben vielen Stadt- und Kreis-Krankenhäusern nahezu alle Universitätsklinika im Norden Deutschlands – inklusive der Charité in Berlin – zu begeisterten Nutzern des Chirutex-Systems. Und die großen Lastkraftwagen mit der Kogge und den inzwischen eingeführten Regenbogenfarben waren bald überall auf den Straßen Norddeutschlands bei Tag und Nacht anzutreffen.

Der Erfolg war so groß, dass die Glückstädter Näherei für die ständige Neuanfertigung der vielen Chirutex-Tücher und -Mäntel im wahrsten Sinne des Wortes aus allen Nähten platzte. Deshalb übernahm in den frühen 1990er Jahren Ilse Nölke in Pritzwalk in Brandenburg einen ehemals volkseigenen Betrieb, dessen Mitarbeiterinnen offensichtlich gut ausgebildet waren und dringend nach Arbeit suchten. Und auf einmal war Ilse Nölke mit 71 Lebensjahren wieder Start-up Unternehmerin. „Ich bin jede Woche nach Pritzwalk gefahren, um die Firma auf die Beine zu stellen. Es war ja alles vollkommen neu und fremd für uns; genauso wie alles auch für unsere neuen Mitarbeiterinnen fremd und sehr ungewohnt war.“ Aus sehr bescheidenen Anfängen baute Ilse Nölke ein selbstständiges Unternehmen mit 30 Näherinnen auf.

„Ein bisschen stolz bin ich schon, dass die Pritzwalker Konfektion auch heute noch als selbstständiger Betrieb gut floriert und vielen Menschen in Brandenburg Arbeit gibt.“ Dies sagt Ilse Nölke insbesondere vor dem Hintergrund, dass dessen „Keimzelle und Mutterunternehmen“ in Glückstadt im Jahre 2010 den Betrieb eingestellt hat. „Das war ein sehr, sehr trauriger und schmerzhafter Moment für mich!“ sagt Ilse Nölke still und möchte hierüber nicht weiter reden.

Umso mehr freut sich die ehemalige Chefin, dass sie auch jetzt noch öfters Kontakt mit ihren ehemaligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Pritzwalk und Glückstadt pflegen kann, auch zu denjenigen aus der Türkei. Besonderen Kontakt hat Ilse Nölke mit einer Ehemaligen, die nach langer Betriebszugehörigkeit zur Wäscherei seit vielen Jahren den Haushalt der Familie Nölke führt. Und dies klappt offenbar so gut, wie Ilse Nölke berichtet, „dass Frau Erboy die österreichschen Kochrezepte meiner Großmutter aus Mährisch-Schönberg inzwischen besser beherrscht als ich!“

Ilse Nölke resümiert: „Ich bin immer Chefin gewesen, habe Personal eingestellt und habe mit Freude gearbeitet. Es war ein hartes, aber trotzdem schönes Leben.“ Heute widmet sie sich mit Leidenschaft der Kunst. Kunst in jeder Richtung. „Ich lerne so viele unterschiedliche, kreative Menschen kennen. Künstler sind eine Bereicherung für mein Leben geworden.“

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