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Norddeutsche Rundschau

22. September 2017 | 19:19 Uhr

kein extremismus : Mit offenen Augen gegen Rechts

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Historiker und Pädagoge Jörg Welzer klärt an der Auguste-Viktoria-Schule Itzehoe über Rechtsextremismus auf.

Morddrohungen, Prügel und Herabwürdigungen – für Jörg Welzer gehört all dies zu seinem Leben. Grund dafür ist seine politische Arbeit gegen Nationalsozialismus und Rechtsextremismus. Um über seine persönlichen Erfahrungen zu berichten und um die Schüler für rechtsextremes Denken und Handeln zu sensibilisieren, war der Historiker und Sozialpädagoge an der Auguste-Viktoria-Schule (AVS) zu Gast, die Anfang des Jahres als „Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage“ ausgezeichnet worden war. „Uns ist es wichtig, dass wir das Etikett nicht nur draußen an der Tür haben, sondern das Ganze mit Leben füllen und immer wieder in die Schulkultur integrieren“, so Mittelstufenleiter Dominik Seliger zum Hintergrund des Vortrags.

Welzer, dessen Eltern beide Nazis waren, hatte sich bereits mit 16 Jahren „gründlich“ – wie er selbst sagt – gegen den Nationalsozialismus entschieden. Eineinhalb Jahre lang unterwanderte er eine Neonazi-Organisation. Nachdem er enttarnt war, versuchte er ein Gruppentreffen zu beobachten. Er wurde entdeckt und von zehn Neonazis schwer verprügelt. 15 weitere sahen dabei zu. Er erstattete Anzeige. „Ich habe den Prozess gewonnen“, erzählte der heute 49-Jährige den Schülern. „Einige sind ins Gefängnis gegangen – aber nicht, weil sie mich verprügelt haben, sondern wegen Meineids.“ Seitdem werde er verfolgt, erhalte Drohanrufe, Bomben- und Morddrohungen. Welzer berichtete von fehlenden Zeugen: Obwohl die Tat mitten in einem Wohngebiet geschah, wollte niemand etwas gesehen haben. „Menschen haben Angst vor sowas“, weiß er. Dies zeigten auch die Mitarbeiter vor Gericht, die „meine Sicherheit nicht garantieren konnten“.

Von seinem Kampf gegen Rechts hielt ihn all dies nicht ab. Der Gütersloher studierte Geschichte mit Schwerpunkt Nationalsozialismus sowie Pädagogik, ist heute als Sozialarbeiter an einer Realschule und als freier politischer Bildner tätig. Zudem gründete er einen Kulturverein, der sich mit antirassistischer Skinheadmusik beschäftigt, sie produziert und Konzerte veranstaltet.

Viele Fragen kamen auf, die Welzer den Schülern beantwortete. Beispielsweise berichtete er vom Umgang mit seiner eigenen Angst: „Natürlich hat man immer mal wieder Angst.“ Man dürfe sie aber nicht zeigen und nicht nachgeben, meint er. „Wenn ich Angst habe, wird meine Welt kleiner.“ Statt zu fliehen, blieb er an seinem Wohnort, lernte jahrelang Kampfsport.

Außerdem klärte er die Schüler darüber auf, welche politischen Ziele nationalsozialistische Parteien vorgeben und welche Ideologien dahinter stecken. Anhand von Bild-Text-Illustrationen, die vordergründig lustig daher kommen, erarbeitete er mit den Schülern, welche rassistischen Äußerungen sich dahinter verbergen, ebenso bei vielen Schimpfwörtern. Darüber hinaus zeigte Welzer auf, an welchen äußeren Merkmalen – beispielweise Frisuren, Tattoos, Symbole, Farbkombinationen oder Kfz-Kennzeichen – Nazis erkennbar sind. Oft seien sie auf den ersten Blick aber schwer von anderen zu unterscheiden: „Sie wollen aussehen, wie alle anderen auch“, so Welzer. Umso wichtiger sei es, achtsam zu sein.

Abschließend appelierte er an die Eigenverantwortlichkeit seiner Zuhörer: „Ich bin verantwortlich dafür, zu jedem Unrecht meine Meinung zu sagen“, so Welzer. „Es ist ein Zeichen von Courage, Nein zu sagen!“

Bei den Schülern kam Welzers offener Umgang mit der Thematik gut an. So auch bei Bente (16), für die der zweistündige Vortrag „andere Sichtweisen“ mit sich brachte. „Ich finde es sehr interessant und wichtig, dass das Thema angesprochen wird. Seine Geschichte hat mich schockiert“, sagte Sonja (14). Und Sina (15) meinte: „Dadurch, dass wir zum Beispiel Erkennungszeichen kennen gelernt haben, geht man jetzt mit viel offeneren Augen durch die Gegend.“

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