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INTERVIEW : Mit Mut und Stolz auf den richtigen Weg

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Professor Dr. Ralf Thiericke, Geschäftsführer im Itzehoer Innovationszentrum IZET, über die Stärken und Schwächen der Region – und ihrer Bewohner.

von
erstellt am 01.Feb.2014 | 07:30 Uhr

Die Region ist im Umbruch, und die Unternehmer gehen voran. Eine zentrale Rolle spielt dabei das Innovationszentrum IZET, das Gründerzentrum im Innovationsraum Itzehoe. „Wir verstehen uns aber nicht nur als Förderer und Begleiter junger Unternehmen, sondern geben von hier aus auch Impulse für die wirtschaftliche Zukunft der Region insgesamt“, sagt IZET-Geschäftsführer Professor Dr. Ralf Thiericke.

Herr Thiericke, wo sehen Sie die Schwächen der Region?
Thiericke: Ich glaube, unsere Schwäche liegt ganz wesentlich im Mut, den man haben muss, neue große Entwicklungen anzufangen. Wir sollten uns gut organisieren und versuchen, mit Courage die richtigen zukunftsweisenden Aktivitäten anzustoßen. Einfach nur abzuwarten oder gute Ansätze kaputt zu reden, halte ich für falsch. Unsere Schwäche ist, dass wir nicht gemeinsam konsequent an Vorwärtsstrategien und übergeordneten Zielen arbeiten. Ein guter Ansatz ist die Wirtschaftsinitiative Steinburg+ 2030, die seit Jahren entscheidende Impulse setzt. Die Initiativen Pro A20, Störauf, die Bildungsregion Steinburg+ oder auch der Gründerwettbewerb Steinburg+ belegen, dass mit gebündelter Energie der Aktiven etwas bewegt wird. Steinburg+ ist einzigartig in Schleswig-Holstein. Wir können stolz sein, was zusammen mit der Wirtschaft machbar ist.

Erkennen Sie weitere, die mitziehen?
Wir haben es gut geschafft, die Wirtschaft für die Regionalentwicklung zu aktivieren. Hier sind wir vielen anderen Regionen voraus. Ich würde mir natürlich deutlich mehr Unterstützung wünschen, um noch größere Wirkung erzielen zu können. Erfolgreiche und lebenswerte Städte haben immer eine sehr aktive, ideenreiche Bürgerschaft. Dazu gehören eine Politik und eine Verwaltung, die am gleichen Strang in die gleiche Richtung ziehen.

Wo sehen Sie die Zukunft?
Viele haben möglicherweise noch nicht erkannt, dass wir mitten in einem grundlegenden wirtschaftlichen Strukturwandel sind. Stichworte sind z.B. der demographische Wandel und fundamentale Veränderungen in unserer Wirtschaftsstruktur. Jüngstes Beispiel ist die Druckindustrie. In welche Richtung kann sich unsere Stadt bzw. der Kreis Steinburg entwickeln? Eine zentrale Frage ist dazu, in welcher Branche es z.B. zu einer Verdoppelung der Arbeitsplätze in den nächsten zehn Jahren kommen kann? Alle schauen auf den Einzelhandel in der Innenstadt, aber ein Zuwachs ist in dieser Branche eher unwahrscheinlich. Wenig wahrscheinlich ist dies aber auch in den Branchen Luftfahrt, Automobil, Chemie, in der Landwirtschaft oder im Tourismus.

Wo liegt die Zukunft?

Ich denke, erneuerbare Energien sind für uns eine wesentliche wirtschaftliche Zukunftsoption. Glauben wir an die durch die Politik gestützte Energiewende, kann der Kreis Steinburg überproportional profitieren, und wir sollten mit Hochdruck alle Rahmenbedingungen vor Ort dazu schaffen. Es ist wichtig, eine eigene Positionierung herauszuarbeiten. Im Vergleich zu den anderen Kreisen an der Westküste Schleswig-Holsteins sind wir stark in Forschung und Entwicklung rund um erneuerbare Energien, vor allem bei der so genannten Systemtechnologie und deren Verknüpfung mit Mikro- und Nanotechnologien. Hier ist deutliches Wirtschaftswachstum zu erwarten.

Wie bekommt man die Akteure dafür zusammen?
Wir haben etwas Wesentliches geschafft in den letzten Jahren: Wir haben mittlerweile sehr gut funktionierende Unternehmer-Netzwerke. Früher war es schwer, 200 regionale Unternehmer in einer Veranstaltung zusammenzubringen, sie für ein visionäres Thema zu begeistern. Mit dem „Unternehmer-Schaufenster am Donnerstag“ oder der Zukunftskonferenz ist uns dies gelungen. Und wir haben es geschafft, dass Wirtschaftstreibende gemeinsam Projekte initiieren und umsetzen, die sogar weit abseits ihrer primären Interessen liegen. Die Aktivitäten in den Bereichen Lebensqualität, Entwicklung des Lebensraums oder im Regionalmarketing belegen das. Das ist wirklich etwas Besonderes: Hier sollten wir aufsetzen, hier sollten auch die Bürger, die Politik und Verwaltung kräftig mithelfen.

Und wie sollte man das angehen?
Wir kommunizieren gute Dinge noch nicht ausreichend. Regionalmarketing ist ein ganz wesentlicher Baustein. Wir sollten dringend eine positive Identität nach innen schaffen: Wir müssen stolz sein auf unsere Stadt, unsere Region. Ich habe schon vor Jahren gesagt: Jeder Bayer ist stolz, ein Bayer zu sein. Wir können auf vieles stolz sein. Ihre Beitragsreihe in der Norddeutschen Rundschau wird uns das weiter vor Augen führen. Und mit positiv besetzten Projekten wie Störauf, Krimi Nordica, Störlauf, Kulturnacht, unserer Bildungslandschaft oder der Werbung als lebenswerte Region für junge Familien und dem Wacken Open Air können wir uns wirklich gut auch nach außen in die Metropolregion Hamburg hinein positionieren.

Die Akteure haben es vielleicht verstanden – der Rest schürt eher die Depression...
Ja, diese Grundstimmung ist häufig eine erste Reaktion. Aber beim Nachfragen kommt man schnell zu den Stärken und dem Positiven Menschen unterstützen gern aktiv Projekte, wenn sie begeistert sind und einen Nutzen sehen. Dies gilt auch für die Wirtschaft. Wieso engagiert sich die regionale Wirtschaft für Lebensqualität? Ganz klar: Fachkräfte an Bord halten oder neue Fachkräfte anwerben. Ein wichtiger Kernpunkt sind vor allem unsere jungen Menschen: Hierher kannst du zurückkommen, wenn du z.B. dein Studium abgeschlossen hast. Deshalb sind unsere Unternehmen bei den Projekten Science Summer School Itzehoe und Visionswerkstatt Power House so aktiv. Wir sollten mehr kommunizieren, welche Vorteile wir unseren Bürgern und der Wirtschaft zu bieten haben. Man muss also Menschen wirklich begeistern und mitnehmen für eine zukunftsfähige und lebenswerte Region.

Und worin besteht der Nutzen für die Menschen?
Ein Beispiel: Viele reden immer von der Innenstadt als großes Problem. Wenn wir sagen, wir wollen die Menschen wieder für die Innenstadt begeistern und die Fußgängerzone beleben, dann sollte ein besonderer Nutzen oder besser eine besondere Motivation vorhanden sein, auch dorthin zu gehen. Die Innenstadt steht nicht allein vor einem Wandel. Innenstädte haben heutzutage immer mehr eine Funktion als Ort der Begegnung und der Freizeitgestaltung. Menschen treffen, Spaß und Unterhaltung haben, Anregungen bekommen, Kulturelles erleben, mit anderen klönen, sich hinsetzen und gemütlich essen und trinken motiviert mehr als eine reine Shopping-Meile. Wir haben in Itzehoe eine lange Fußgängerzone, aber das lebendige Stadtzentrum fehlt. Meine Vorwärtsstrategie wäre: La-Couronne-Platz überdachen und den ungeliebten Imbiss entfernen, denn für einen zentralen Platz braucht man auch optische Weite. Und natürlich Schankerlaubnis geben und den Platz zum Begegnen, Reden und Leben umgestalten. Ich könnte mir vorstellen, dass das dann die 1a-Lage Itzehoes wird, die auch schnell vielfältig kulturell bespielt würde und zum Verweilmagneten wird.

Was fehlt Ihnen konkret?
In eigener Sache: Wichtig sind Innenstadt-Angebote auch für uns Männer. Mode, Schuhe und Handys begeistern mich persönlich nicht ausreichend für einen Besuch der Innenstadt. Schade ist, dass wir Elektronik-Angebote, aber auch so Interessantes wie KreativPlus nicht mitten in der Stadt haben. Mich würde auch ein bunter und lebhafter Wochenmarkt am Samstag in die Innenstadt locken. Ist ein Besuch lohnend für die ganze Familie, bleibt man auch länger und konsumiert mehr. Eine Störschleife in der Stadt könnte positive Effekte bringen und ein Wir-Gefühl schaffen. Mein Traum ist, dort am Ufer zu sitzen und einen Cappuccino zu trinken, mich mit Freunden zu einem Plausch am Wasser treffen. Es ist gut, dass Herr Haltermann, der auch einer der kraftvoll Aktiven bei Störauf ist, die Hertie-Immobilie gekauft hat. Ich habe schon eine Vision, wie die Rückseite des Gebäudes aussieht, wenn man von dort auf das Wasser schauen kann. Das wird sich zu einer Schokoladenseite der Stadt entwickeln. Dort ist ja auch der Theatervorplatz als weiterer Hingucker.
Das alles scheint weit hinauszugehen über die Kernaufgaben des Geschäftsführers eines Technologie- und Gründerzentrums.
Meine Aufgabe ist es, das IZET Innovationszentrum mit jungen Technologie-
Unternehmen zu füllen und ihnen alle Türen für Erfolg und Wachstum zu öffnen. Mittlerweile können wir stolz auf den gesamten Innovationsraum Itzehoe sein, der sich besonders in den letzten Jahren geradezu sprunghaft entwickelt hat. Weiter geht es aber nur, wenn wir unseren Fachkräften einen attraktiven und lebenswerten Lebensraum bieten. Dazu gehören auch eine gute Verkehrsinfrastruktur, Bildungsangebote, und es muss gelingen, junge Menschen in der Region zu halten. Aus diesen Gründen und vor allem auch, um der Stadt Itzehoe und dem Kreis Steinburg für das finanzielle Engagement für das Gründerzentrum einen weiteren Mehrwert zurückzugeben, bringe ich mich für solche Projekte ein.

Professor Dr. Ralf Thiericke wurde 1957 in Osterholz-Scharmbeck (Niedersachsen) geboren. Der Diplom-Chemiker arbeitete lange in der Wirtschaft, war selbst Gründer eines Biotechnologie-Unternehmens und leitet das IZET seit Sommer 2006. Der 56-Jährige hat eine Professur für Organische Chemie an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel sowie zusätzlich an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena. Thiericke ist verheiratet, lebt in Itzehoe und hat zwei erwachsene Söhne. In der Freizeit setzt er auf „weniger Spektakuläres“: Boule oder Boßeln zieht er dem Golfen vor, und im kulturellen Bereich haben es ihm Kleinkunst und Musik angetan – und jedes Jahr das Wacken Open Air.

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