Schicksal : „Mit Mitleid kann ich nicht umgehen“

Christopher Calm: „Das Wichtigste ist, dass ich noch am Leben bin.“
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Christopher Calm: „Das Wichtigste ist, dass ich noch am Leben bin.“

Seit einem Autounfall im April 2014 ist Sportlehrer Christopher Calm aus Brokdorf querschnittsgelähmt. Mit sportlichem Ehrgeiz kämpft er um Selbstständigkeit.

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17. Januar 2015, 16:20 Uhr

Mit einem breiten Lächeln öffnet Christopher Calm die Tür. Die Hand, die er zur Begrüßung reicht, ist noch ein wenig starr. Um so wendiger sind die Bewegungen seiner Arme, mit denen er seinen Rollstuhl dreht und zielstrebig ins Wohnzimmer steuert: „Eigentlich geht es mir ganz gut“, sagt der 31-Jährige, der seit einem Autounfall am 6. April vergangenen Jahres querschnittsgelähmt ist.

Damals kam er von einer Fitness-Messe in Köln zurück. Die Fahrt war fast geschafft, doch bei Kollmar passierte es: Bei regennasser Fahrbahn kam Christopher Calm mit seinem Auto von der Fahrbahn ab und überschlug sich. Sein damals 14-jähriger Beifahrer wurde glücklicherweise nur leicht verletzt, Calm dagegen musste mit dem Rettungshubschrauber in das Krankenhaus in Hamburg-St. Georg geflogen werden. „Ich erinnere mich an nichts mehr von dem Unfall“, sagt Calm heute. Er möchte auch gar nicht darüber nachdenken: „Die Zeitungsberichte von damals habe ich noch nicht angeschaut.“

Ebensowenig erinnert er sich an seinen zweiwöchigen Aufenthalt auf der Intensivstation. Erst mit der Verlegung in das Unfallkrankenhaus in Hamburg-Boberg setzt die Erinnerung ein. Fast acht Monate verbrachte Calm dort und wurde mit Therapien und Training auf das Leben als Rollstuhlfahrer vorbereitet: Einkaufen oder Einsteigen ins Auto wurde geübt. Mit Erfolg: Im Supermarkt findet sich Calm heute zurecht, Mitfahren im Auto bereitet ihm keine Probleme. Überhaupt habe er in der Klinik enorme Fortschritte gemacht: Anfangs habe er nur mit den Schultern zucken können, mittlerweile kann er seine Arme wieder bewegen. Von der Brust an abwärts ist sein Körper weiterhin gelähmt.

Seit Anfang Dezember – nach acht Monaten Klinikaufenthalt – ist Christopher Calm wieder vereint mit Ehefrau Katharina (28) und Sohn Nelio (3) in den heimischen vier Wänden. Und auch wenn jetzt vieles umständlicher ist: Der Umgang in der Familie sei der gleiche wie vor dem Unfall. „Mein Sohn Nelio kommt da super gut mit klar“, sagt Calm. Hin und wieder dreht der Kleine auch mal selber eine Runde mit dem Rollstuhl, wenn Papa gerade auf der Couch sitzt. Auch der Großteil seiner Freunde gehe normal mit ihm um: „Die Leute behandeln mich immer noch so, als ob ich ein Fußgänger sei.“ Und darüber sei er froh: „Mit Mitleid kann ich gar nicht umgehen.“

Schwierigkeiten bereiten die kleinen Dinge des Alltags: „Als ich das erste Mal zum Einkaufen gefahren bin, war das sehr ungewohnt.“ Die Regale seien zu hoch, die Kühltruhen zu tief und einen Einkaufswagen könne er auch nicht schieben. Gibt es Hilfsbereitschaft? „Ja, die ist leider meist viel zu hoch“, sagt Calm. Viel zu oft werde er gefragt, ob man etwas helfen könne. „Die Leute meinen es natürlich gut. Aber ich will ja möglichst viel selber können.“

Das Leben in den eigenen vier Wänden wurde durch einen großen Umbau für den Rollstuhlfahrer extrem erleichtert: Das Wohnzimmer wurde verkleinert und eine Wand eingezogen, um das Schlafzimmer im Parterre unterzubringen. Das Badezimmer ist jetzt größer als zuvor und birgt eine ebenerdige Dusche. In der Küche sind Arbeitsplatte, Herd und Spüle unterfahrbar, die Dunstabzugshaube funktioniert mit einer Fernbedienung, und die Oberschränke fahren mittels eines Lifts bis auf Schulterhöhe hinunter. Nur die obere Etage und damit das Kinderzimmer seines Sohnes bleibt für Christopher Calm unzugänglich. Einen Treppenlift habe er nicht gewollt: „Denn ein Treppenlift ist etwas Endgültiges. Und mein Zustand ist noch nicht endgültig.“

Stolze 26 000 Euro hat der Umbau gekostet. „Ohne die große Unterstützung von Spendern wäre das nicht möglich gewesen.“ Dafür hat Calms Sportverein, der ETSV Fortuna Glückstadt gesorgt, bei dem er zuletzt als hauptamtlicher Sportlehrer beschäftigt war. Bei Benefiz-Spielen, Veranstaltungen und Aktionen sammelten Vereinsmitglieder für ihr verunglücktes Mitglied. „Die haben ganz schön was gerissen“, sagt Calm. „Ich weiß nicht, wie ich ihnen danken soll.“

Seine Perspektive lautet im Moment: Trainieren. Trainieren. Trainieren. „Eigentlich so wie vorher“, sagt Calm, für den vor dem Unfall kein Tag ohne Training verging. Er spielte Fußball in der ersten Mannschaft des ETSV, er gab Unterricht in Parkour und praktizierte regelmäßig Capoeira. Jetzt sieht sein Training etwas anders aus: Um die Handmuskulatur zu stärken, muss er mit Knetmasse arbeiten. Fast täglich kommen Ergo- oder Physiotherapeuten ins Haus. Ein Etappenziel, das Calm ins Auge gefasst hat, ist der Führerschein. Im Moment leide er noch an extremen Muskelzuckungen: „Damit ist das Autofahren noch nicht möglich.“

Doch es gebe Hoffnung: „Zum Glück ist mein Rückenmark nicht ganz durchtrennt, sondern nur gequetscht. Es besteht also die Möglichkeit, dass auch der untere Teil meines Körpers wieder beweglicher wird.“ Mit der Hilfe von Freunden möchte Calm den Schuppen hinter seinem Haus zu einer kleinen Turnhalle umbauen lassen, um besser trainieren zu können. Außerdem hofft er noch auf Sponsoren für einen geländegängigen Segway-Rollstuhl, der ihn wesentlich mobiler machen würde. Calm klagt nicht, als er von seinen Träumen erzählt. Er habe allen Grund zufrieden zu sein: „Denn das Wichtigste ist doch: Ich bin noch am Leben.“

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