Kultur : Mit kleinen Gesten Grenzen setzen

Marten Wulff sucht Rat im Umgang mit seinem Hund Joschi.
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Marten Wulff sucht Rat im Umgang mit seinem Hund Joschi.

Lesung mit Hundetrainerin Maike Maja Nowak im Wilsteraner Spiegelsaal vermittelt Hundebesitzern Arbeit mit den Vierbeinern auf interessante Weise.

shz.de von
20. Januar 2015, 17:00 Uhr

„Du bist sein Automat, der auf Knopfdruck reagiert!“, macht Hundetrainerin Maike Maja Nowak Marten Wulff deutlich. Der Wilsteraner steht mit seinem Beagle Joschi auf der Bühne im Spiegelsaal des Neuen Rathauses und sucht Rat bei Maike Maja Nowak. Die Berlinerin stellte auf Einladung des Vereins „Leselust“ und der Stadtbücherei ihr neues Buch „Wie viel Mensch braucht ein Hund?“ vor. Im Anschluss führte sie den zahlreichen Besuchern, überwiegend Hundebesitzern, ihre Arbeits- und Denkweise vor. Sie lässt Joschi erstmal umherlaufen, beobachtet ihn genau, bevor sie mit ihm Kontakt aufnimmt.

Maike Maja Nowak leitet ihr Vorgehen von ihrem eigenen Zusammenleben mit wilden Hunden ab, an das sie eine Ausbildung als Hundepsychologin angeschlossen hat. Die 53-Jährige, die in Berlin ein Hundeinstitut führt und mit ihrer charismatischen Bühnenpräsenz auch in einer ZDF-Serie zwischen Hund und Mensch vermittelte, verbrachte in den 90er Jahren sechs Jahre in einem einsamen russischen Dorf. Dort lebten die alten Bauern als Selbstversorger, und die Hunde schlossen sich den Menschen und vor allem der jungen Frau an. „Die Geschenke aus dieser Zeit packe ich immer noch aus“, berichtet die gebürtige Leipzigerin, die es 1986 nach Berlin zog.

Im Unterschied zum konventionellen Hundetraining arbeitet sie weder mit belohnenden Leckerlis noch mit Hundepfeife oder Druck und Unterwerfung. Deutlich wird aber auch bei ihrem Vorgehen auf der Bühne, dass sie dem Hund mit starker innerer Konzentration, Klarheit und knappen Impulsen oder kleinen Gesten Grenzen setzt. Nowak hält ihr unterhaltsames Temperament bei ihrer Performance nicht zurück: Sie singt und gluckst, spielt und rauft sich die Haare, sie ahmt kindische Tierhalter nach und führt die Fragenden mit bildhaften Vergleichen zur eigenen Erkenntnis. Sie schafft es sogar, dass sich Herrchen oder Frauchen auf der Bühne selbst als Hund gibt und sich in dessen Reaktion hineinlebt. Mit Stefanie Schlüter aus Wilster übt sie so ein beschützendes beruhigendes Umfassen des Hundes in Angstsituationen, in denen der Hund sonst vorprescht.

Das Publikum lernt: Wenn der Mensch wie im Rudel die Leittierrolle übernehmen will, muss er auch dessen Aufgaben nachkommen. Aber wenn er sich einen Leithund anschafft, darf er nicht erwarten, dass sich dieser unterwirft und in der Hundeschule brav den Befehlen nachkommt. Marten Wulffs Joschi ist nach genauerer Beobachtung durch Maike Maja Nowak kein Leithund, aber sein Herrchen auch noch nicht. Joschi ist ein „Spring-ins-Feld“ und bringt bei Besuchen die ganze fremde Umgebung durcheinander. Auch auf der Bühne drängt er Marten Wulff schnell an den Rand. Zur Auflösung der Kommunikationsstörungen zwischen beiden zeigt die Trainerin an einigen Beispielen, wie der Herr dem Hund Grenzen setzt. Sie macht aber auch klar, dass dies erst der Anfang der Arbeit ist, die beide aufnehmen müssen. „Es ist wie Schach spielen“, erläutert die Trainerin, nur ins Körperliche übertragen. Mache der eine einen Zug, achte der andere als Anleiter sehr genau darauf und reagiere ganz konzentriert, aber bestimmt. Dazu gehört auch die präsente Körpersprache, die Nowak bei allen Hunden und Hundebesitzern, die auf die Bühne kommen, vermittelt, die den Betroffenen aber noch deutlich fehlt. Nowaks Energie führt dazu, dass Joschi sich nach der fast wortlosen „Aussprache“ zwischen beiden zufrieden zu ihren Füßen zusammenrollt. Marten Wulff staunt und nimmt – wie das Publikum – einige ganz neue Erfahrungen mit nach Hause.

Zahlreiche Besucher tragen auch Maike Maja Nowaks neues Buch mit sich. Die dort versammelten „tierisch menschlichen Geschichten“ berichten humorvoll vom Grunewalder Villenbesitzer, der von seinem Schutzhund Henry mehr Dankbarkeit erwartet und Wertschätzung lernen muss, oder vom Opernsänger, der seinen Junghund Maxwell mit Singsang-Kinderstimme erziehen will und erkennen muss, dass er für den Hund in die Dirigentenrolle schlüpfen sollte. Die Autorin, die mit ihren Auftritten mittlerweile ganze Hallen füllt, signiert geduldig ihr Werk und beantwortet auch im Anschluss noch zahlreiche Fragen mehr oder weniger verzweifelter Steinburger Hundefreunde, die ihre Rolle auch noch suchen. Stadtbüchereileiterin Karin Labendowicz und „Leselust“-Vorsitzende Birgit Böhnisch sind am Ende selbst überrascht: „Wir haben selbst keine Hunde, dass es dennoch so spannend wird, hätten wir nicht gedacht.“ 


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