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Häkel-Weltmeister aus Lägerdorf : Mit der Büschelmasche zum WM-Titel

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Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Maik Syrbe (32) aus Lägerdorf ist amtierender Weltmeister im Schnell-Häkeln – und er ist sicher: „Häkeln ist wieder populär – auch bei Männern.“

shz.de von
erstellt am 04.Apr.2015 | 15:22 Uhr

„Das ist das Ergebnis der WM!“ Stolz zieht Maik Syrbe ein graues Knäuelwirrwarr zwischen Häkelmützen und Wolle hervor. Fast wirkt es, als erlaube sich der amtierende Weltmeister im Schnell-Häkeln einen Scherz. Was er in der Hand hält, sieht wie ein hoffnungslos ineinander verworrener Wollfaden aus und hat nichts gemein mit den akkurat gearbeiteten Mützen, die rechts und links um den Lägerdorfer auf dem Sofa liegen. Doch Maik Syrbe bleibt ernst: „Die Sieger-Masche ist die Büschel-Masche“, erklärt er. Mit ihr hat er vor wenigen Tagen auf einer Handarbeitsmesse in Dortmund den Weltmeister-Titel im Schnell-Häkeln der Männern verteidigt – in 7.35 Minuten.

Für einen Außenstehenden ist kaum vorstellbar, dass jemand mit etwas verhedderter Wolle Weltmeister werden kann. Maik Syrbe hat genau das geschafft. Er hat ein komplettes Wollknäuel verhäkelt und dabei seine ganz eigene Masche gehabt. Denn was wie Wirrwarr wirkt, ist Taktik. „Die Büschelmasche verbraucht am meisten Wolle“, sagt er, „das ist eine Masche, bei der man fünf Umschläge auf die Nadel holt“.

Die Masche ist nicht schön, aber effektiv. Zehn Maschen dieser Sorte genügen und das Knäuel ist aufgebraucht. Sein Blick ist konzentriert und fest auf die wirbelnden Hände fixiert, als er seine Häkelkunst zeigt. Nur gut fünf Minuten braucht Maik Syrbe in Bestzeit. Insofern sei er bei der WM nahezu langsam gewesen. „Das ist meine schlechteste Zeit überhaupt“, sagt der 32-Jährige. Und schiebt es auf die Kamerateams, die ihn begleitet haben. Denn Schnellhäkeln ist das eine, doch schnell häkeln als Mann eine ganz andere Nummer. „Ich hätte nie gedacht, dass ich mal durchs Häkeln berühmt werde“, sagt Syrbe und lacht.

Er glaubt, dass das Häkeln auch deshalb wieder so populär geworden ist, weil es zwei Männer waren, die zur Wolle gegriffen haben und aus der Handarbeit ein Trend-Label machten. Die Männer, die er meint sind Thomas Jaenisch und Felix Rohland. Die beiden Studenten aus Oberfranken haben selbstgehäkelte Mützen vermarktet, und das „My Boshi“-Label entworfen. Fast überall gibt es die dicke, leuchtend-bunte Wolle mit Häkelanleitung und den kleinen „My Boshi“-Schildchen zum Einnähen. So landete der Trend auch in Lägerdorf.

Maik Syrbe probiert gern Neues aus. „Ich habe schon Marmelade gekocht und Brot gebacken“, sagt er. Und so kaufte er eines Tages ein Starterpaket. Wie ein „Ochs vorm Berg“ habe er da gestanden, erzählt er, während die helllila farbene Wolle zwischen seinen Fingern lässig zu einer Mütze wächst.

An Silvester vor zwei Jahren kam ihm dann seine Schwester aus Bayern zur Hilfe: „Komm Brüderchen, jetzt zeig’ ich dir das mal“, erinnert sich Syrbe. Zwölf Stunden später habe er die erste Mütze in der Hand gehalten. „Wenn der letzte Faden vernäht ist, das ist einfach cool.“

Heute hat Maik Syrbe immer etwas Wolle und die Häkelnadel dabei. Wenn andere mit dem Smartphone spielen, um an der Bushaltestelle, der U-Bahn oder in der Kneipe die Zeit zu überbrücken, lässt der 32-Jährige die Maschen tanzen.

Von Monotonie oder Langeweile könne dabei gar keine Rede sein, findet der Schnell-Häkler. „Es gibt ja immer neue Ideen, neue Maschen und Muster“, sagt er und breitet eine Auswahl unterschiedlicher Mützen auf seinem Sofa aus. Sie unterscheiden sich nicht nur durch Leuchtkraft und Farben, sondern auch in Form und Größe. Einige sind winzig und funktionieren als Schlüsselanhänger, eine andere hat praktische, halbkreisförmige Ausbuchten auf Ohrenhöhe, ein drittes Modell aufgenähte Zier-Kopfhörer, doch die meisten sind so gehäkelt, dass sie am Hinterkopf etwas runterhängen. Diese Form der Mütze heißt Beanie.

Es klingelt. Syrbes Nachbarin, Frau Hansen, steht in der Tür. Begeistert wie ein Fan, will die ältere Dame wissen, wie es bei der WM gelaufen ist. Schließlich trägt sie selbst neuerdings eine bunte Syrbe-Häkel-Mütze spazieren. Nicht immer sind die Reaktionen so positiv. Unter Kollegen hat Maik Syrbe durchaus die ein oder andere Stichelei eingesteckt. Er arbeitet als Web-Shop-Administrator für das „Golf House“ in Hamburg. „Ein Mann, der häkelt – ist der schwul?“ Syrbe kennt die Spötteleien. „Nein, bin ich nicht“, erklärt er und fügt hinzu: „Ich habe eine Tochter.“ Die Siebenjährige schätzt und vermisst ihren häkelnden Vater offenbar. Über der Flurgardarobe hängt eine Zeichnung. „Papa ich Fermise dich“, steht dort in Kinderschrift.

Syrbe provoziert gern. Warum sollte ein Mann im Zeitalter der Emanzipation nicht auch häkeln, findet er. „Ich habe ja auch noch andere Hobbys.“ Als Beispiel nennt er ein besonderes Krafttraining, bei dem man den Körper mit Eigengewicht trainiert. Der Mann, der da lässig auf dem Sofa häkelt, wirkt modern und durchtrainiert. Wenngleich in der Ecke seines Wohnzimmers kistenweise Wolle steht, ziert im gleichen Raum ein schnittiger Rennwagen die weiße Wand. Syrbe nimmt es sportlich – so oder so.

 

 

 

 

 

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