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Norddeutsche Rundschau

12. Dezember 2017 | 13:39 Uhr

Mit dem Rollstuhl auf die Baustelle

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Wie behinderte Menschen auf dem ersten Arbeitsmarkt einen Job finden zeigt das Beispiel von Steffen Dannenberg

von
erstellt am 01.Mär.2015 | 15:00 Uhr

Bei dem Tempo kommt nicht jeder mit. Steffen Dannenberg drückt den Hebel seines Elektrorollstuhls nach vorn und düst über den Hof des Landesbetriebes (LBV) für Straßenbau und Verkehr in Itzehoe. Sein persönlicher Assistent Franz Gruitrooy hat ein wenig Mühe, Schritt zu halten. „Wenn der Rollstuhl noch anders eingestellt ist, muss ich fast rennen“, sagt der Betreuer.

Sein Schützling ist derweil schon wieder in seinem Büro angekommen. „Das ist ein guter Arbeitsplatz“, sagt Dannenberg – und das ist keinesfalls eine Selbstverständlichkeit. Denn die meisten Menschen, die eine Behinderung wie Dannenberg haben, haben es sehr schwer einen regulären Ausbildungsplatz zu finden. Doch Dannenberg lernt beim LBV seit eineinhalb Jahren Bauzeichner. „Das ist gelebte Integration, wenn man einen richtigen Job hat, für den man bezahlt wird und man gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilnehmen kann“, sagt Gunnar Fritsche, Teamleiter für Berufliche Rehabilitation bei der Agentur für Arbeit Elmshorn. „Deswegen ist das auch ein Leuchtturmprojekt für uns.“

Ermöglicht hat das Uwe Narkus, Fachberater des Vereins zur Förderung der Betrieblichen Eingliederung aus Heide. Er klappert Unternehmen an der Westküste ab, hat im Auftrag des Sozialministeriums seit März 2012 schon 59 Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderungen besorgt.

Für Steffen Dannenberg war es ein langer Weg zum Ausbildungsplatz. Im Mai 2012 hat der heute 25-jährige, der in Westerhorn (Kreis Pinneberg) wohnt, sein Abitur am Beruflichen Gymnasium in Elmshorn gemacht. „Ich wollte gern Bauzeichner werden“, sagt er, doch die Jobs sind rar. „Die meisten Betriebe denken gar nicht darüber nach, dass sie auch Behinderte einstellen könnten. Das ist vielen zu beschwerlich und zu anstrengend, dabei gibt es jede Menge Fördermöglichkeiten“, sagt Uwe Narkus. Er überzeugte LBV-Personalabteilungsleiter Volker Garbers, Dannenberg einen Praktikumsplatz zu geben. Und dass obwohl der junge Mann an Muskeldystrophie leidet, einer Erbkrankheit bei der die Muskeln immer schwächer werden, und Dannenberg seit zehn Jahren auf den Rollstuhl angewiesen ist. Aber er überzeugt die Arbeitgeber – und bekommt einen Ausbildungsplatz. Beim LBV wird für Dannenberg eine Rampe gebaut, damit er in die älteren Gebäude hineinfahren kann, Toilette und Türen werden behindertengerecht umgebaut. „Hier ziehen alle Mitarbeiter mit“, sagt Garbers.

Dannenberg bekommt sein Gehalt vom LBV, der holt es sich aber von der Agentur für Arbeit wieder, weil der Ausbildungsplatz neu geschaffen wurde. „Das war natürlich auch ein Argument – dass uns das nichts kostet“, sagt Garbers. Die Agentur für Arbeit sorgt dafür, dass Dannenberg den Führerschein machen kann, besorgt ihm ein Auto, zahlt das Gehalt seines Arbeits-Assistenten, der ihn auch zur Berufsschule nach Husum begleitet. „Rund 200  000 Euro kostet das alles über den gesamten Zeitraum der Ausbildung gerechnet“, sagt Fritsche. Doch das sei es wert – nicht nur aus finanzieller Sicht. Wenn Dannenberg nach der Ausbildung einen sozialversicherungspflichtigen Job bekomme, zahlt er Steuern, muss die Sozialkassen nicht in Anspruch nehmen. Behinderte zu integrieren sei bei fast allen Firmen in fast allen Branchen möglich, sagt Narkus. Es gebe jede Menge Fördermöglichkeiten. Und scheinbare und tatsächliche Barrieren, die Menschen wie Steffen Dannenberg sonst behindern, würden aus dem Weg geräumt. So sind im Ausbildungsplan für den Bauzeichner auch 18 Wochen Arbeit auf Baustellen vorgesehen. „Auf der A 23 war das kein Problem, bei Fräsarbeiten wurde dann eine Fläche geschaffen über die ich drüber fahren konnte“, sagt Dannenberg. Es gebe immer Möglichkeiten, man müsse nur flexibel, kreativ und offen sein“, sagt Fritsche. Und wenn es gar nicht geht, ist ja auch immer noch Assistent Franz Gruitrooy da, der etwa hilft, wenn Dannenberg auf seinem Tisch große Zeichnungen bearbeitet.

Gruitrooy hat auch eine ganz praktische Hilfe für seinen Schützling auf den Baustellen parat. „Manchmal muss man auch nicht überall hin, sondern es braucht auch jemanden, der den anderen sagt, was sie tun sollen.“ Steffen Dannenberg könnte jetzt etwas dazu sagen. Aber ein Grinsen tut es in diesem Fall auch.

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