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Norddeutsche Rundschau

20. August 2017 | 19:32 Uhr

Mit dem Rolli über die Elbe

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Neue Cuxhavenfähre bietet kaum Hindernisse für Rollstuhlfahrer / Problematisch ist lediglich die Situation am Brunsbütteler Terminal

Sie ist durch eine Muskelerkrankung auf den Rollstuhl angewiesen. Jutta Söthje aus Kremperheide kennt die Tücken, die auf Rollifahrer lauern, zur Genüge. „Ich bin in unserer Gemeinde der Rollitester“, sagt sie. Für unsere Zeitung hat die 62-Jährige ausprobiert, wie gut sich die Elbe mit der neuen Fährverbindung überqueren lässt, wenn der Passagier im Rollstuhl unterwegs ist.

„Ein Ausflug mit Elektrorollstuhl (E-Rolli) und Hund kann schon zu einem Abenteuer werden, darum mache ich einen Tagesausflug und teste die neue Fährverbindung der Elb-Link Reederei GmbH zwischen Brunsbüttel-Cuxhaven. Vorsichtshalber nehme ich zwei Männer zur Unterstützung mit.

An der Fähre angekommen, muss ich zum Glück nicht auf der feuchten Wiese parken, sondern darf zu den zwei, zwar nicht ausgeschilderten, aber gekennzeichneten Behindertenparkplätzen fahren, die sich leider als viel zu klein herausstellen. Nach dem Kartenkauf (ermäßigte Preise) muss ich mich von meinen Begleitern trennen, denn während die Männer die Treppe über den Deich benutzen können, muss ich mit dem E-Rolli die längere Autozufahrt benutzen, aber zum Glück stehen die Autos ja noch auf Warteposition.

Das Fahrpersonal, insgesamt alle sehr freundlich, gibt uns grünes Licht und so fahre ich die Autorampe hoch. Auf der Fähre können wir zusammen den Lift benutzen, der für uns alle genügend Platz bietet. Auf dem Deck für die Passagiere kann ich mit dem E-Rolli alle Einrichtungen erreichen, mir alleine einen Kaffee holen, und die Behindertentoilette habe ich auch schon entdeckt. Sogar der Hund darf in fast alle Bereiche mit, außer dort, wo die Speisen verkauft werden – vollkommen verständlich und durchaus üblich.

Das Wetter ist gut und ich möchte in den Außenbereich aufs Deck. Die erste Tür offenbart eine Stufe, aber vor der zweiten Tür ist eine Rampe angelegt. Einer meiner Begleiter öffnet die schwere Tür und stellt fest, dass sich auf der anderen Seite eine unüberwindbare Stufe befindet. Nach kurzer Enttäuschung Aufatmen, denn neben der Tür liegt eine Rampe, die man anlegen kann. Ich als Rollifahrer wäre jetzt aufgeschmissen, so aber kann ein Begleiter die schwere Tür offenhalten und der zweite – dazu braucht man nämlich beide Hände – die Rampe anlegen. Mit viel Schwung schaffe ich es dann über dieses Hindernis. Bevor mein Begleiter die Tür loslassen kann, muss die Rampe wieder entfernt werden. Beim Zurückkehren in die Innenräume natürlich das gleiche Spiel.

Wir kommen gleich in Cuxhaven an und machen uns problemlos auf den Weg zum Lift. Ich fahre an den Autos vorbei bis nach vorne, um zu sehen, ob der Weg für die Fußgänger links oder rechts ist, ansonsten müsste ich zwischen den fahrenden Autos die Ausfahrt überqueren. In Cuxhaven halten wir uns bei herrlichem Wetter in der Hafenanlage auf und nehmen die nächste Fähre zurück.


Auf Rücksicht von Autofahrern angewiesen


Mein Auto habe ich absichtlich nicht mit auf die Fähre genommen, weil ich keine Möglichkeit sehe, auf dem Fahrzeugdeck über meine hintere Hebebühne mit dem E-Rolli den Wagen zu verlassen, denn es reiht sich Auto an Auto, und es sich auch nicht für einen Tagesausflug lohnt.

Wieder in Brunsbüttel angekommen, nehmen meine Begleiter, wie alle anderen Fußgänger, wieder die Treppe über den Deich, während ich mich in die Autos einreihen muss, um zum Parkplatz zu kommen. Als ich allerdings, um die Straße zu verlassen, die Fahrbahn auf dem Zebrastreifen überquere, um auf einem sicheren Fußweg weiterzufahren, stellen meine Begleiter und ich fest, dass dieser Bürgersteig keine Absenkung am Ende hat und ich so nicht zu meinem Parkplatz komme. Also muss ich zurück, um dann doch auf der Straße weiterzufahren. Jetzt muss ich nicht nur auf Autos aufpassen, die inzwischen von der Fähre kommen, sondern auch noch auf die Fahrzeuge, die auf die Fähre wollen. Nun wird mir wirklich sehr mulmig zumute, selbst die anderen Fußgänger sind entsetzt, aber zum Glück gibt es ja nette Autofahrer, die auch mal einen Rollifahrer durchlassen.

Fazit: Wir konnten die Fahrt sehr genießen und das schmälerte weder die 30-minütige, verspätete Ankunft noch, dass die – in Brunsbüttel umgetaufte – Fähre nicht „Anne-Marie“ hieß, sondern noch den estnischen Namen „Saaremaa“ trug. Eines möchte ich jedem Rollifahrer dringend ans Herz legen: Unternehmt so einen Ausflug niemals ohne kräftige Begleitung, schon gar nicht mit einem Rollstuhl ohne Elektroantrieb. Immerhin weisen die allgemeinen Beförderungsbedingungen auf eine eventuell notwendige Begleitung hin. Also auch das Kleingedruckte lesen.“


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