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Landwirtschaft : Mit Bambirettern durch das hohe Gras

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Wiese als Todesfalle: Jedes Jahr werden Rehkitze von Mähmaschinen getötet. Jäger Sven Heesch aus Mehlbek durchsucht vor der Mahd Felder nach Jungtieren.

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erstellt am 17.Apr.2017 | 08:49 Uhr

Zusammengerollt und geduckt liegt ein Rehkitz im hohen Gras – der optimale Schutz vor Fressfeinden. Die Rehgeißen verstecken ihre Jungtiere in den dichten Wiesen, damit Fuchs und Co. sie nicht aufspüren. Doch das Gras wird immer wieder zur Todesfalle für die Kitze. Wiesen sind ein gefährlicher Ort, wenn Landwirte im Frühjahr die Wiesen mähen. Wenn die großen Maschinen über die Felder rollen, ist das für über 100  000 Kitze bundesweit jedes Jahr das Todesurteil, berichtet Sven Heesch, Vorsitzender der Kreisjägerschaft Steinburg.

Die schrecklichen Bilder von aufgeschlitzten und verstümmelten Kitzen hat der 44-Jährige vor Augen, wenn er ab Mai die Koppeln abgeht. Diese Bilder will er nie wieder sehen. Seit 20 Jahren zieht Heesch deshalb los, um die Jungtiere zu retten. Eine Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Das Mehlbeker Revier umfasst 430 Hektar, das entspricht einer Größe von über 400 Fußballfeldern. Wenn ein Landwirt ankündigt, einen Acker zu mähen, streifen Heesch und bis zu zehn Helfer stundenlang durch das hohe Gras, um die Kitze zu finden. „Wir laufen in einem Meter Abstand das ganze Feld ab“, erklärt er. Entdecken sie ein Kitz, wird es vorsichtig mit Gras umhüllt – auf sichereren Boden wieder abgelegt. „Einige schlafen einfach weiter, andere fangen an zu schreien, dann ist die Ricke sofort da“, erklärt Sven Heesch. Die Muttertiere finden ihre Jungen immer wieder. Das Gras schützt davor, dass der Geruch der Helfer nicht auf die Kitze übergeht – die Mutter würde die Jungen dann nicht mehr annehmen.

Vegetations- und witterungsbedingt bleibt den Landwirten nur ein kleines Zeitfenster, um ihre Wiesen zu mähen und das für ihren Betrieb so wichtige Futter einzubringen. Die Problematik habe sich in den vergangenen Jahrzehnten verschärft: Felder würden immer intensiver bewirtschaftet, also häufiger – und damit auch früher gemäht, nämlich ab Mai, wenn die Kitze geboren werden. „In den ersten Wochen flüchten sie noch nicht, sondern verharren instinktiv regungslos am Boden“, erklärt Heesch. Selbst wenn die Tiere alt genug sind, dass sie flüchten, haben sie keine Chance, den immer größeren und schnelleren Maschinen zu entkommen.

In der Mähsaison sind die Bambiretter manchmal den ganzen Tag unterwegs. „Das ist kein Spaziergang, sondern man geht stundenlang hochkonzentriert die Felder ab“. Oft unter Zeitdruck, weil schon der nächste Landwirt darauf wartet, sein Feld mähen zu können. „Denen ist es auch wichtig, die Tiere zu retten“, weiß Heesch. Ein – oder manchmal zwei Kitze – im Gras zu finden, sind die Glücksmomente, für die Heesch und seine Mitstreiter die Märsche gerne auf sich nehmen. „Eine Ecke war noch übrig, in der aber noch nie ein Reh war, trotzdem haben wir nachgesehen und gleich zwei Kitze gefunden, dicht an dicht.“ Glücksmomente, die auch nachdenklich machen: „Wenn ich das Kitz hochhebe und weiß, dass ich es irgendwann vielleicht mal schieße, mache ich mir schon meine Gedanken“. Doch als Jäger sei er Heger und Pfleger, nur die schwächsten Tiere würden geschossen. Der Mähdrescher tötet alle Kitze qualvoll, die ihm unter die Räder kommen.

Um die Jungtiere zu retten, probieren die Helfer auch immer wieder andere Methoden aus, wie den Einsatz von Rauchmeldern. „Wir ziehen abends vor der Mahd los und stellen die Rauchmelder auf Dauerton in die Felder. Das hat sich sehr bewährt, in diesen Flächen ist kein einziges Kitz durch Mähmaschinen umgekommen.“ Doch in der Nähe von Siedlungen gebe es Probleme. „Die Leute fühlen sich gestört, klauen die Rauchmelder oder stellen sie aus, anstatt eine Nacht mal das Fenster zu schließen“, kritisiert Heesch. Eine andere Alternative sei es, die Kitze auf dem Feld in Körbe zu legen und mit einer Fahne zu markieren, damit der Landwirt diese Stelle umfahren kann.

Sehr effektiv sei auch der Einsatz von Drohnen, bestätigt Heesch. Diese könne selbstständig ein Gebiet abfliegen und über Wärmesensoren die Kitze aufspüren – doch diese Lösung scheitere am Geld. Eine Drohne koste 12  000 Euro, „aber eine reicht nicht“, rechnet er vor: Mit einem Fluggerät könnten vier Reviere abgedeckt werden. „Wir haben in Steinburg zehn Hegeringe, allein im Hegering 6 sind es schon fast 30 Reviere“, macht Heesch das Ausmaß deutlich. Trotzdem hält er an dem technischen Bambiretter fest: „Wir sind mit der Politik im Gespräch, vielleicht gibt es ja Gelder in irgendwelchen Töpfen.“

So lange setzen Heesch und seine Helfer weiter auf die akribische Suche in den Feldern. Freiwillige seien herzlich willkommen, das Team zu unterstützen. „Einfach beim Pächter oder Landwirt fragen, wann gemäht beziehungsweise die Felder abgegangen werden“, rät Heesch. Als Dankeschön laden im Juli alle Jagdgenossen als Grundstückseigentümer zum Kitzfest ein, das mit Helfern, Jägern, Landwirten und Dorfbewohnern groß gefeiert wird.

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