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Prozess gegen Mann aus Erfde : Missbrauch nicht eindeutig nachweisbar

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Er soll seine Stieftochter jahrelang missbraucht haben – so lautete die Anklage gegen einen 53-jährigen Mann aus dem Kreis Schleswig-Flensburg. Das Landgericht Itzehoe hat ihn nun aber freigesprochen. Der Grund: Die Beweise reichten nicht für einen Schuldspruch.

shz.de von
erstellt am 18.Okt.2013 | 04:30 Uhr

Unter Tränen nahm das 21 Jahre alte mutmaßliche Missbrauchsopfer das Urteil zur Kenntnis, während der 60-jährige Angeklagte den Richterspruch am Landgericht Itzehoe ohne erkennbare Regung annahm: Er wurde frei gesprochen.

,,Das ist kein Freispruch erster Klasse. Wir halten es für durchaus möglich, das Sie sich ihrer Stieftochter gegenüber nicht immer korrekt verhalten haben“, betonte Eberhard Hülsing, vorsitzender Richter der Jugendstrafkammer am Landgericht Itzehoe gestern. Von 1997 bis 2006 soll der heute in Nordfriesland lebende Mann seine Stieftochter sexuell missbraucht haben. Tatorte waren Dortmund und Albersdorf. Mit ihrem Urteil folgte die Kammer den Anträgen von Staatsanwältin Stephanie Poensgen und Strafverteidiger Hagen Roose. Beide forderten in ihren Plädoyers Freispruch. Nur Nebenklagevertreter Ronald Krey forderte eine Verurteilung des Angeklagten.

Sein Argument dafür war dünn. Letztlich ließen die intellektuellen Fähigkeiten seiner Mandantin gar keine Lüge zu, lässt sich Kreys Linie zusammenfassen. Poensgen erlebte geradezu einen Zusammenbruch ihrer Anklage im Prozess.

Vor der Polizei war noch von einem fast täglichen Missbrauch die Rede. Und das vom fünften bis 15. Lebensjahr der heute 21 Jahre alten Stieftochter. Auf 70 ausgewählte Fälle hatte Poensgen ihre Anklage wegen sexuellen Kindesmissbrauchs extra beschränkt. In der zweieinhalbstündigen nichtöffentlichen Vernehmung blieben von den 70 gerade noch mal 13 Fälle über, im Plädoyer sprach Poensgen sogar nur von acht Fällen, vier in Dortmund, vier in Albersdorf. Zudem sagte die 21-Jährige vor Gericht jetzt, dass bereits mit 13 Jahren Schluss war mit dem Missbrauch. Dazu kam noch eine Ungereimtheit: Ein Vorfall ereignete sich in der Aussage vor der Polizei noch im Wald, vor Gericht jetzt in einem Hotel nach einem Unfall auf der Autobahn.

,,Es ist auffallend, wenn ein derart zentrales Geschehen nun vom Wald ins Hotel verlagert wird“, sagte Poensgen und schloss ihr Plädoyer mit dem Satz: ,,Ich weiß nicht wie es gewesen ist, daher beantrage ich den Angeklagten freizusprechen.“
 

Genau hier endete auch die Erkenntnis des Gerichts. Hülsing: ,,Es fehlt an der Tragfähigkeit in der Aussage der Zeugin. Wir haben hier Zweifel. Das da was passiert ist, wollen wir nicht bestreiten.“ Doch die Zweifel überwogen. Somit war der Angeklagte freizusprechen.

,,Sie selbst wissen es am besten, ob und wie Sie sich an ihrer Stieftochter vergangen haben“, gab Hülsing dem Angeklagten abschließend mit auf den Weg. Ein hundertprozentiger Freispruch sieht auf jeden Fall wahrlich anders aus.



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