Wirtschaft : Mindestlohn ist kein Problem

Verdient seit dem 1. Januar einen Euro mehr pro Stunde: Callcenter-Mitarbeiter Marcus Staben (22) aus Kellinghusen.
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Verdient seit dem 1. Januar einen Euro mehr pro Stunde: Callcenter-Mitarbeiter Marcus Staben (22) aus Kellinghusen.

Rund 80 Prozent der 330 Beschäftigten eines Itzehoer Callcenters dürfen sich über eine Gehaltsaufbesserung freuen.

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28. Januar 2015, 17:00 Uhr

Itzehoe | Marcus Staben (22) freut sich auf die erste Gehaltsabrechnung im Jahr 2015. Dank des neuen Mindestlohn-Gesetzes sollte sie höher ausfallen als noch im Dezember 2014. Fortan bekommt der Mitarbeiter im Callcenter D + S am Hanseatenplatz einen Euro mehr in der Stunde. „Gerade als Alleinlebender finde ich das natürlich super“, sagt Staben. „Da habe ich ein bisschen mehr Geld übrig.“

Ohne Mindestlohn-Gesetz hätte sein Gehalt vorerst die magische Schwelle von 8,50 Euro nicht überschritten – trotz Ausbildung zur Servicefachkraft für Dialogmarketing. Genau wie Staben profitiert ein Großteil der Belegschaft des Itzehoer Callcenters von der Mindestlohn-Regelung: Rund 80 Prozent der 330 Beschäftigten dürfen sich über eine Gehaltsaufbesserung freuen. 7,25 Euro pro Stunde verdienten die Mitarbeiter in der niedrigsten Gehaltsgruppe bisher. Wer Vollzeit arbeitete, kam so auf 1256 Euro monatlich, brutto. Durch den neuen Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde erhöht sich das Bruttogehalt um 17 Prozent auf 1473 Euro.

„Vorher war es eher die Ausnahme, an die 8,50 Euro ranzukommen“, sagt die Betriebsratsvorsitzende Kristina Krüger. Nun habe das Unternehmen für alle zehn deutschen Standorte ein vorbildhaftes Konzept gefunden, das Mindestlohn-Gesetz zu verwirklichen. Denn die 8,50 Euro sind fortan keineswegs zugleich das Spitzengehalt. „Jeder hat die Möglichkeit in Abhängigkeit seiner eigenen Leistung mehr Geld zu verdienen“, erklärt Krüger das neue Konzept.

Seit September hätten Betriebsrat und Geschäftsleitung dafür am Verhandlungstisch gesessen. Arbeitsgruppen und eine Betriebsversammlung hätten sich über die neue Vergütungsordnung Gedanken gemacht. Gleichzeitig sei die Geschäftsleitung an die Auftraggeber des Callcenters herangetreten, erklärt die Itzehoer Standortleiterin Kirsten Möller. Einige seien bereit gewesen, auf Grund der Mindestlohn-Regelung mehr zu zahlen. So sei ein für alle Seiten zufriedenstellendes Modell zustande gekommen.

Während sich früher die Höhe des Gehalts an Betriebszugehörigkeit und Qualifikation bemessen habe, sei jetzt allein die Leistung ausschlaggebend, um das Grundgehalt von 8,50 Euro aufzustocken. Wer bislang bereits mehr als 8,50 Euro verdient hätte, dem würde auch fortan dasselbe Gehalt weiterbezahlt, versichert Kirsten Möller.

Im Durchschnitt würden die Gehälter ihrer Mitarbeiter um 75 Cent steigen. „Das klingt nicht so dramatisch. Aber pro Stunde pro Mitarbeiter im Konzern gerechnet, ist das schon eine große Summe.“ Wie viel die neue Vergütungsordnung das Unternehmen kostet, dazu möchte sich Möller auch aus Gründen des Wettbewerbs nicht äußern: „Nehmen Sie es mir bitte nicht übel, aber dazu ist der Markt in unserer Branche zu sehr umkämpft.“

Der harte Konkurrenzdruck in der Callcenter-Branche hatte in der Vergangenheit zu einem gegenseitigen Unterbieten und niedrigen Löhnen geführt. Auch deshalb sehe sie den Mindestlohn positiv, sagt Kirsten Möller: „Wir haben jetzt die Chance, die Preisspirale nach unten aufzuhalten, die sich in den letzten Jahren entwickelt hat.“

Lob für die neue Vergütungsordnung des Unternehmens gibt es vom Deutschen Gewerkschaftsbund: „Eigentlich sollte dieser Weg normal sein, dass man sich hinsetzt und gemeinsam eine Lösung aushandelt“, sagt Regionalsekretärin Perke Heldt. Bei D + S gebe es aktive Betriebsräte und gute Möglichkeiten der Mitbestimmung. „Und vor allem hat sich das Unternehmen rechtzeitig Gedanken gemacht.“

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