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Norddeutsche Rundschau

18. Oktober 2017 | 22:52 Uhr

Protest : Milchbauern stehen im Regen

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Neue Protestaktion von Landwirten der Wilstermarsch soll die Politik wachrütteln.

shz.de von
erstellt am 22.Dez.2015 | 17:30 Uhr

Das Wetter passte zur Stimmung der Bauern: In strömendem Regen montierten gestern Landwirte auf dem Hof von Jens Bracker Protestplakate zusammen. Wenn es um die Preise für Milchprodukte geht, fühlen sie sich von der Politik im Regen stehen gelassen. Nach Krisenversammlungen und einer Aufkleberaktion machen die Landwirte nun mit drei großen Tafeln auf ihre Not aufmerksam. In großen Lettern sind darauf die Adressaten zu lesen: Kanzlerin Angela Merkel, Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt und der für die Landwirtschaft zuständige EU-Kommissar Phil Hogan aus Irland. Die Botschaft: Dieses Trio ruiniere lieber die Milchbauern als die im Überfluss vorhandene Menge zu reduzieren. Die drei Protesttafeln stehen jetzt an der Bundesstraße 5, in Brokdorf und in Aebtissinwisch.

Für Heiko Strüven vom Bund Deutscher Milchviehhalter ist die parallel im gesamten Bundesgebiet laufende Aktion ein weiterer Versuch, die Politik wach zu rütteln. Seit mehr als zwei Jahren kämpften die Bauern mit fallenden Milchpreisen und seit mehr als einem Jahr liege der Auszahlungspreis deutlich unter 30 Cent. Das Schlimme: Besserung ist weit und breit nicht in Sicht. Strüven: „Für das nächste halbe Jahr jedenfalls ist da nichts zu erwarten.“

Im Kreise seiner immer wieder Zustimmung signalisierenden Berufskollegen sagte Strüven weiter: „Viele Milchviehhalter wissen längst nicht mehr, wie sie ihren finanziellen Verpflichtungen nachkommen sollen.“ Dennoch setzten sich weder die Bundesregierung noch die EU-Kommission in irgendeiner Weise für eine Marktumkehr ein. „Menschenverachtend“ sei die Tatenlosigkeit der Politik, meinte Strüven auch mit Blick auf die bevorstehenden Weihnachtstage, wo auf vielen Familienbetrieben sicher getrübte Stimmung herrsche.

Tatsächlich wurde in der Runde immer wieder über Landwirte diskutiert, die ihren Betrieb stilllegen wollen oder dies sogar schon getan haben. Umso erfreuter zeigte sich Heiko Strüven über einige angehende Landwirte aus der Region, die sich dem stillen Protest angeschlossen haben. Auf die Frage, ob sie noch zu ihrer Berufswahl stünden, kam spontan die zuversichtliche Antwort: „Na sicher!“

Um den Familienbetrieben und damit auch den optimistischen Nachfolgern eine Zukunft zu sichern, gibt es für den Bund der Milchviehhalter nur eine Lösung: Die auf den Markt geworfene Menge muss reduziert werden, um höhere Preise erzielen zu können. Strüven: „Wir sind bereit, die Milchmengen organisiert zu reduzieren, aber die Politik sperrt sich.“ Er befürchtet zudem, dass die angespannte Lage bei vielen Landwirten von der seit Monaten alles beherrschenden Flüchtlingsdiskussion überdeckt wird. „Den Menschen muss geholfen werden“, stellte Strüven klar. „Aber darüber darf man uns nicht vergessen.“

Beim Kampf um mehr Geld für ihre Milch halten die Bauern zusammen. „Der Bauernverband in der Wilstermarsch steht voll hinter dieser Aktion“, betonte Jörg Schmidt mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass dies auch an die Funktionäre seines eigenen Verbandes gerichtet sei. Alle gemeinsam wehren sich die Landwirte „gegen eine Agrarpolitik, die nur die Interessen der Ernährungsindustrie im Blick hat und gleichzeitig sehenden Auges in Kauf nimmt, Milchviehbetriebe zu ruinieren“.

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