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Landwirtschaft : Milchbauern proben den Aufstand

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Ob Bauernverband oder Bund Deutscher Milchviehhalter: Die Basis macht auf einer Krisenversammlung in Ecklak gemeinsam Druck und fordert eine Reduzierung der Milchmenge.

Ihre Spitzenfunktionäre sind sich spinnefeind, aber an der Basis üben sie den Schulterschluss: Ob Mitglied im Bauernverband oder Anhänger des konkurrierenden Bundes Deutscher Milchviehhalter(BDM) – in der Wilstermarsch rücken die Bauern in der Krise eng zusammen. Gemeinsam, so der Tenor einer Versammlung im vollbesetzten „Ecklaker Krug“, wollen sie ihren Verbandsvertretern Dampf machen. Gleichzeitig wurde deutlich: Vielen Landwirten gerade auch in der Marsch steht wegen des anhaltend niedrigen Milchgeldes und wegen ungewisser Perspektiven das Wasser schon jetzt bis zum Hals.

„Wir wollen jetzt von der Basis aus Druck auf die Verbände und die Politik ausüben“, gab Heiko Strüven den Startschuss für eine erste Krisenversammlung. Mit dem von ihm skizzierten Handlungsbedarf sprach er den versammelten Landwirten – unter ihnen auch sehr viele junge Bauern – aus der Seele: „Wir können nicht alle zwei Jahre Liquiditätsdarlehen aufnehmen.“ „Die Lage“, so fügte er hinzu, „macht uns allen zu schaffen, vor allem auch innerhalb unserer Familien.“ Von Politik, Verbänden und Genossenschaften, so schloss Strüven, fühlten sich die Bauern im Stich gelassen.

Das sieht auch Nico Hellerich so. Der Vorsitzende des Bezirksbauernverbandes Wilstermarsch machte keinen Hehl aus der Unzufriedenheit mit seinem eigenen Verband. Die von diesem favorisierten oder initiierten Hilfsprogramme zur Stützung Not leidender Milchbauern hält er allesamt für „warme Luft“. Beispiel Steuerstundung: „Dafür kassiert das Finanzamt dann auch sechs Prozent Zinsen.“ Beispiel Millionenförderung aus dem EU-Topf: „Davon landen bei dem einzelnen Landwirt im Schnitt 850 Euro.“ Und weil viele Landwirte ihre Kreditlinie notgedrungen schon ausgereizt hätten, gebe es auch keine billigen Darlehen mehr. Da das Milchgeld nämlich statt der gerade einmal auskömmlichen 40 Cent seit Monaten aber nur noch bei rund 27 Cent liegt, gebe es auf den Höfen Deckungslücken von 30 bis 60  000 Euro. Hellerich befürchtet, dass angesichts dieser Entwicklung binnen Jahresfrist mindestens jeder fünfte Hof auf der Strecke bleibt. „Wir an der Basis wollen die Verbände jetzt zwingen, miteinander zu sprechen“, fordert er gemeinsam mit Strüven den Schulterschluss aller Milchbauern. „Hier sterben die Betriebe und die reden nicht miteinander. Was da abgeht, ist menschenverachtend“, empört er sich. Namen wurden auf der Versammlung kaum genannt. Jeder Landwirt aber wusste, dass der eindeutige Aufruf an die Adresse von Verbandspräsident Werner Schwarz und dessen Stellvertreter Peter Lüchow gerichtet war.

„Viele stehen das nächste halbe Jahr nicht mehr durch“, ist auch Karsten Hansen überzeugt. Das BDM-Bundesvorstandsmitglied aus Tolk erläuterte den Landwirten ausführlich einen Rettungsplan. In dem vom BDM bislang vergebens beworbenen Milchmarkt-Krisenmanagement würde ein Frühwarnsystem installiert. Bei Bedarf müssten die Bauern dann ihre Produktion drosseln. Finanzielle Ausgleiche sollen über eine Abgabe erfolgen. Mit einfachen Worten: Einführung einer Art Mindestlohn für Milchkühe. Der Unterschied zur gerade erst abgeschafften Milchquote: Steigen die Preise wieder, hätten die Landwirte freie Fahrt. In Krisenzeiten wie jetzt heißt es hingegen: Die Milchmenge muss runter. „Das ist der einzige Weg“, meinte auch Bernd Voss, Grünen-Landtagsabgeordneter und selbst Landwirt.

Hansen ist vom BDM-Modell überzeugt. „Wahrscheinlich muss die Not aber erst noch größer werden, damit es umgesetzt wird.“ Seit der Ecklaker Versammlung sprechen zumindest die Wilstermarsch-Bauern jetzt mit einer Stimme. Strüven: „Von hier aus muss ein Zündfunke ausgehen.“ „Und wenn uns wieder Knüppel zwischen die Beine geworfen werden, gehen wir unseren eigenen Weg“, kündigte Landwirt Jörg Schmidt an. Einen Lieferstopp, wie von vielen Milcherzeugern vor gut sieben Jahren inszeniert, wird es aber wohl nicht mehr geben. „Da machen schon die Banken angesichts vieler Überziehungskredite nicht mit.“ Hansen ist aber überzeugt davon, dass sich die Proteste in den nächsten Wochen und Monaten deutlich verschärfen werden.

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erstellt am 19.Sep.2015 | 14:55 Uhr

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