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Innovationsraum Itzehoe : Messzentrum für Erlkönige

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Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Im Inneren des markanten Rundbaus im Innovationsraum Firma Antenna Technology Center ATC ihren Sitz. Dort wird weder Strom hergestellt, noch spioniert; dort werden Autoantennen vermessen.

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erstellt am 24.Okt.2017 | 05:00 Uhr

Innovationsraum? Das sind die Gebäude hinter der Autobahnbrücke an der Abfahrt Itzehoe-Nord. Mehr wissen die meisten nicht über die boomende Hightech-Region der Stadt. In loser Folge stellen wir Beschäftigte und ihre Arbeitsfelder vor.

Wenn Christian Reymers gefragt wird, wo er arbeitet, dann genügt in der Regel die Antwort: „Bei der großen weißen Kuppel im Innovationsraum“ – und jeder weiß Bescheid. Um den Arbeitsplatz des 33-jährigen Ottenbüttelers ranken sich viele Gerüchte: „Kleines Atomkraftwerk von Itzehoe“ oder „NSA-Abhörzentrale“, hat Reymers schon gehört. Doch im Inneren des Rundbaus wird weder Strom hergestellt, noch spioniert; dort werden Autoantennen vermessen. Reymers ist Betriebsleiter bei der Firma Antenna Technology Center ATC GmbH.

Wenn der Kommunikationsingenieur ein Auto betrachtet, dann immer mit seinem professionellen Blick: „Der hier hat noch die Antenne auf dem Dach“, sagt er und zeigt auf einen VW Passat, der auf dem Firmenparkplatz steht. „Doch der Trend geht dahin, die Empfänger in der Windschutzscheibe zu verbauen.“ Mögliche Plätze wären auch in den Seitenspiegeln, der Stoßstange oder sogar in den Heizstreifen in der Heckscheibe. „Den klassischen Stab auf der Motorhaube will schon lange keiner mehr haben.“ Automobilhersteller und Zulieferer werden immer kreativer. Weil aber nicht jeder Ort im Fahrzeug gleichermaßen für den Einbau einer Antenne geeignet ist, wird bei ATC gemessen, wie gut die jeweilige Antenne an ihrem Platz empfängt. Große Automobilhersteller und deren Zulieferer testen ihre Fahrzeuge in Itzehoe und probieren die Effizienz ihrer Radio-, Mobilfunk-, GPS- und Wlan-Antennen aus.

Durch ein großes Tor werden die Testwagen auf den Metallboden im Inneren der Kuppel gefahren, unter deren rundem Dach jedes Geräusch für ein schier endloses Echo sorgt. Von einem etwa 120 Meter entfernten Sender wird der Versuchsplatz mit einem Signal bestrahlt. Eine Anlage im Kellerraum unter der Kuppel misst, wie viel davon bei der jeweiligen Antenne ankommt. Zwischen zwei und zwanzig Minuten dauern die Messungen, gearbeitet wird im Zwei-Schicht-System. „Genau wie die Bremsen oder andere Fahrzeugteile werden Antennen eben auch getestet“, erklärt Reymers.

Weil in der Regel Prototypen auf dem Messplatz stehen, ist Geheimhaltung oberstes Gebot bei ATC: Zum Schutz vor neugierigen Blicken kommen die Fahrzeuge häufig abgeklebt – als sogenannte „Erlkönige“ – an. Bei Bedarf werden Sichtschutzwände aufgebaut. In einer Tiefgarage unter der Kuppel können bis zu drei Autos verhüllt gelagert werden.

Reymers stieg 2013 in das Unternehmen ein, nachdem er sein Studium der Informations- und Kommunikationstechnik abgeschlossen und für kurze Zeit bei Lufthansa Technik als Ingenieur für elektrische Kabinensysteme gearbeitet hatte. Die junge Firma war damals noch im Aufbau. Reymers widmete sich zunächst dem Kerngeschäft und arbeitete direkt in der Messanlage: Fahrzeuge vorbereiten, die Messungen durchführen, anschließend die Daten speichern und Berichte schreiben – all das gehörte zu seinen Aufgaben.

Heute sitzt der Ingenieur überwiegend am Schreibtisch: Seit 2015 ist er Betriebsleiter, sein Büro, das er sich mit mehreren Kollegen teilt, liegt im benachbarten Innovationszentrum (Izet). Seine Aufgabe ist, den Kontakt mit den Kunden zu pflegen und die verschiedenen Messungen zu planen und zu terminieren. „Das ist viel Schreibkram, aber es macht Spaß“, sagt Reymers, der sich selbst als „Organisationstyp“ bezeichnet und gerne den Überblick behält. Größte Herausforderung ist für ihn, die Geheimnisse seiner Kunden zu wahren und nichts zu verwechseln: „Wenn ich erst mit VW telefoniert habe und dann mit Daimler spreche, dann darf ich natürlich nichts durcheinander bringen.“

Gemeinsam mit seinen Kollegen ist Reymers außerdem dabei, neue Geschäftsfelder für das Unternehmen zu erschließen, wie etwa speziellere Messverfahren und Projektentwicklung. Zwar läuft der Betrieb gut und die Messanlage ist ausgelastet. Ob das auf Dauer so weitergeht, ist jedoch unklar: „Viele Autohersteller bauen sich selbst eigene, leistungsfähigere Messplätze.“ Die weiße Kuppel bekommt Konkurrenz.

Die ist übrigens keineswegs so massiv, wie sie aussieht: Um Störungen der Funksignale zu vermeiden, besteht sie lediglich aus Kunststoff und dient dazu, Wind und Wetter sowie neugierige Blicke vom Messplatz fernzuhalten. „Eigentlich ist die Kuppel nur ein Dach, nicht mehr und nicht weniger“, verrät Reymers.

Info: Die Antenna Technology Center ATC GmbH entstand im Jahr 2008, als der heutige Senior-Geschäftsführer Rolf Busch und Entwicklungsleiter Dieter Pototzki die Anlage von der japanischen Firma Nippon Antenna übernahmen. Schnell baute das Unternehmen einen weltweiten Kundenstamm auf, zu dem namhafte Automobilhersteller wie VW und Daimler sowie zahlreiche Zulieferer gehören. Neben zwei Geschäftsführern gibt es heute neun Angestellte. Nach eigenen Angaben handelt es sich um das einzige kommerzielle und zugleich herstellerunabhängige Unternehmen für Messungen von Antennensystemen in ganz Europa.

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