Nach Erdbeben in Nepal : Merle Jasper aus Itzehoe: „Ich habe Angst um meine Kinder“

Besuch bei den ärmsten der Armen: Merle Jasper (2.v. l.) mit ihrer „nepalesischen Mutter“ Indira Rana Magar (2. v. r.) bei einem Besuch von Inhaftierten in Kathmandu.
Besuch bei den ärmsten der Armen: Merle Jasper (2.v. l.) mit ihrer „nepalesischen Mutter“ Indira Rana Magar (2. v. r.) bei einem Besuch von Inhaftierten in Kathmandu.

Merle Jasper wuchs in Itzehoe auf, lebte dann ein Jahr in Nepal und bittet um Spenden für die Erdbebenopfer.

shz.de von
16. Mai 2015, 18:10 Uhr

Sie war schockiert. Merle Jasper aus Itzehoe erreichte die Nachricht vom Erdbeben in Nepal auf einem Seminar. „Ich wusste überhaupt nicht, was passiert war, ob es allen dort gut geht“, sagt die 22-Jährige. Seit Jasper vor zwei Jahren von einem Freiwilligendienst in Nepal zurückgekehrt ist, hat sie enge Verbindungen zu Menschen gehalten, um deren Leben sie noch immer fürchtet. „Ich habe Angst um meine Kinder“, sagt die Studentin.

Nepal war am 25. April von einem Beben der Stärke 7,8 erschüttert worden. Mindestens 8100 Menschen kamen dabei ums Leben. Auch in den umliegenden Ländern China, Indien und Bangladesch starben Menschen, als ihre Häuser über ihnen zusammenfielen. Im Bebengebiet leben nach UN-Angaben etwa 6,6 Millionen Menschen. 2,8 Millionen sind nach Schätzungen obdachlos, mehr als drei Millionen sind auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen. Bei einem Nachbeben mit der Stärke 7,2 sind in dieser Woche nochmals 4800 weitere Opfer zu beklagen.

Ihre „Kinder“, das sind diejenigen, die in Heimen und auf Farmen wohnen, weil sie sonst niemanden haben, der sich um sie kümmert. „Es sind Kinder von Menschen, die im Gefängnis sitzen. Deren Angehörige haben meist nicht genug Geld, um die Kinder bei sich aufzunehmen“, sagt Jasper. Ihnen hilft nur die Organisation Prisoners Assistance Nepal (PAN), für die Jaspers nach ihrem Abitur am Sophie-Scholl-Gymnasium 2012 ein Jahr lang gearbeitet hat. Die Helfer um PAN-Gründerin Indira Rana Magar geben den Kindern eine Heimat und eine Ausbildung. „Sie können nur zu ihren Familien zurück, wenn sie mindestens die Grundkenntnisse im Ackerbau besitzen, sonst sind sie für deren Angehörige wertlos“, sagt Jasper.

Indira Rana Magar, die 2014 den World’s children’s Honorary Award verliehen bekommen hat, ist mehr als eine ehemalige Chefin für Jaspers. „Sie ist meine nepalesische Mutter.“ Bei dem Nachbeben vor einigen Tagen wäre sie beinahe ums Leben gekommen. „Sie hat mir geschrieben, dass sie fast von herab stürzenden Trümmern erschlagen worden wäre.“ Über soziale Medien hält Jasper Kontakt zu ihren Freunden.

Die Lage in Nepal ist für die Helfer und die Kinder fatal. „Eines der Heime von PAN steht in Sankhu, dort waren schon nach dem ersten Beben über 90 Prozent der Gebäude zerstört“, sagt Jasper. Nach dem starken Nachbeben seien jetzt fast alle verwüstet. „Das Heim der Kinder steht noch, aber es ist beschädigt“, sagt Jaspers. „Die haben alle im Freien übernachtet. Die Kinder, die sowieso schon psychisch angeschlagen sind, können das nicht gut verkraften.“

Hilfe sei an allen Ecken und Enden nötig. „Zwei Deutsche, die meine Freunde geworden sind, sind vor Ort und organisieren Hilfe“, sagt Jaspers. Zuerst sei sie skeptisch gewesen, ob das funktioniere, aber mittlerweile wisse sie, dass jeder Cent auch bei denen ankomme, die Hilfe dringend bräuchten. Jaspers fordert die Menschen auf, den Nepalesen zu helfen. „Jede Spende ist willkommen.“ Sie werde vor Ort organisiert, Jaspers unterstützt die Hilfe von Deutschland aus. „Es geht um die Kinder, aber auch um die Insassen in den Gefängnissen, die zum Teil über ihnen zusammengebrochen sind.“ Denen helfe niemand, und viele Kinder von Häftlingen lebten noch in Haftanstalten. „Die müssen wir jetzt raus holen, weil sie in Lebensgefahr sind.“

Doch die Heime seien alle überfüllt, die Versorgung der Kinder mit Lebensmitteln und Trinkwasser sei ohnehin schwierig. „Die Hilfe der Regierung und der internationalen Organisationen reicht nicht aus“, meint Jasper. Es sei wichtig, dass die Menschen vor dem Monsun zumindest provisorische Unterkünfte errichten könnten. „Im Freien kann jedenfalls bei den enormen Niederschlägen keiner mehr übernachten.“ Es gehe auch um dauerhafte Hilfe. „Die Menschen in Nepal haben Angst, dass sie vergessen werden.“

Dass das nicht passiert, dafür will Merle Jasper sorgen – spätestens im kommenden Jahr will sie wieder in das Land, das sie so mag : zu ihrer nepalesischen Mutter und „ihren“ Kindern.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen