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Gedenken an die Opfer : Trauer in Itzehoe: „Kein Tag, an dem wir nicht an die Explosion denken“

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Genau ein Jahr nach der Katastrophe gedenkt Itzehoe der vier Toten - mit vielen Kerzen und in aller Stille.

shz.de von
erstellt am 10.Mär.2015 | 15:32 Uhr

Itzehoe | Es ist still. Kaum ein Wort wird gesprochen in der St. Laurentii-Kirche als am Dienstag um kurz vor neun Uhr die Glocken zu läuten beginnen. Vier Kerzen brennen vor dem Altar. Vier Kerzen für vier Tote, die genau vor einem Jahr bei der Explosion in der Schützenstraße ums Leben gekommen sind. Fast 200 Menschen sind gekommen, um ihrer Trauer Ausdruck zu verleihen, bei „diesem besonderen Gottesdienst an einem besonderen Tag“, wie Propst Thomas Bergemann sagt.

Segnet die Gottesdienstbesucher: Pfarrer Ulrich Krause
Segnet die Gottesdienstbesucher: Pfarrer Ulrich Krause. Foto: Michael Ruff

Gemeinsam mit Pfarrer Ulrich Krause von der katholischen St. Ansgar Gemeinde findet er ein paar Worte, die den Menschen, die Trauer erleichtern sollen.  „Die Menschen, die gestorben sind, waren alle viel zu jung“, sagt Bergemann, der so einen Gottesdienst noch nicht gefeiert hat. „Jeder trauert anders. Wir wollen den Menschen nur einen Rahmen und einen Raum geben, in dem das möglich ist“, sagt Bergemann, der die Gottesdienstbesucher einlädt, ihrerseits Kerzen anzuzünden und neben den vier großen Lichtern zu platzieren. „Jeder darf, keiner muss“, sagt Bergemann.

Aber fast alle wollen. Sie treten zu bedächtiger Orgelmusik von Johann Sebastian Bach nach vorn und die Unterschiedlichkeit der Trauer wird deutlich. Eine Frau kann ihre Tränen nicht mehr kontrollieren, sie stellt ihre Kerze ab, bekreuzigt sich und kehrt weinend zu ihrem Platz in der Kirchenbank zurück. Ein anderer Mann kniet nieder als er seine Kerze abstellt, wieder andere Besucher verharren einen Moment im stillen Gedenken vor dem Altar. Andere wenden sich schnell wieder ab. Polizisten, Rettungssanitäter und Mitglieder des Technischen  Hilfswerks sind in Uniform erschienen, reihen sich ein. Eine Frau streicht ihren Kindern über die Wange. Manche Besucher halten sich an den Händen, andere formen sie zu einem stillen Gebet, schließen die Augen oder richten den Blick nach oben auf die Jesus-Gestalt. Andreas Koeppen, der als erster ein Licht entzündet, verneigt sich leicht vor dem Altar, die beiden Geistlichen senken die Köpfe. Ulrich Krause spricht den Segen: „Der Herr segne Euch in dunklen Stunde, wenn ihr glaubt, den Weg verloren zu haben.“

Propst Thomas Bergemann.
Propst Thomas Bergemann. Foto: Michael Ruff

Mitten in der Gemeinde sitzt Sandra Risch-Azemi. Die 37-Jährige ist mit ihrem Lebensgefährten und ihren vier Kindern in die Kirche gekommen. „Wir haben in der Schützenstraße gewohnt, ich habe gerade aus dem Fenster gesehen, als das Haus Nummer drei explodierte“, sagt die Frau als sie mit der Trauergemeinde genau dorthin unterwegs ist. Nachbarn hat sie bei dem Unglück verloren. „Es vergeht kein Tag, an dem wir nicht an die Explosion denken“, sagt sie und hat Mühe die Tränen zurückzuhalten. Mittlerweile wohnt die Familie in Lägerdorf. „Ich kann mir gut vorstellen, wieder in der Schützentraße zu wohnen“, sagt Sandra Risch-Azemi. „Aber meine Töchter haben Angst.“

Vier Häuser sind in der Schützenstraße abgerissen worden, zurück bleibt eine „Narbe“ wie Bürgermeister Koeppen sagt. Doch er wisse von mindestens zwei Hauseigentümern, dass sie neue Wohnhäuser dort planen. „Und das finde ich gut, weil es schön ist, dass Menschen dort leben wollen.“ Er sage dies bei aller Traurigkeit, die er an diesem Tag spüre.

Bei anderen mischt sich Wut in die Trauer. „Ich habe meinen Neffen bei der Explosion verloren“, sagt ein Itzehoer auf dem Weg in die Schützenstraße. Die Frage nach der Schuld treibt den 54-Jährigen um. „Wir wissen doch, was passiert ist“, sagt er. Noch untersucht die Staatsanwaltschaft die genauen Umstände des Unglücks – etwa warum die Gasleitung von den Papierkarten nicht in das elektronische System überragen wurde. „Den Baggerfahrer trifft keine Schuld, denn er wusste nicht, dass dort eine Leitung verläuft“, sagt der Itzehoer, der wie viele andere Mitglieder seiner Familie nach dem Unglück psychologische Hilfe brauchte. „Es wäre einfacher für uns, wenn die Schuldigen und die Ursachen genauer benannt werden würden. Denn wir wollen nicht, dass so etwas je wieder passieren kann.“

Die Gedenkveranstaltung findet der Mann jedoch angemessen. „Wir haben sie bewusst bescheiden gehalten, so wie ich die Anwohner in der Schützenstraße auch erlebt habe“, sagt Andreas Koeppen. Es fällt ihm nicht leicht, die passenden Worte zu finden als er die Gedenkplatte einweiht, die vor dem Grundstück Nummer drei liegt. Die Sonne scheint, ein paar Vögel zwitschern und Koeppen will neben der Trauer auch Zuversicht vermitteln. „Wir werden diesen Tag vor einem Jahr nicht vergessen“, sagt er. Aber auch: „Itzehoe hat sich verändert, wir haben uns verändert. Bei all dem Unglück haben wir eine Welle der Hilfsbereitschaft erlebt. Wir haben gemerkt, dass die Stadt und die Region zusammenhalten wenn es darauf ankommt. Alle haben geholfen.“

So wie die Mitglieder des Deutschen Roten Kreuzes, die ein wenig abseits stehen. Vor einem Jahr haben sie Verletzte versorgt, sie in die umliegenden Krankenhäuser gebracht. „Die ganzen Bilder sind wieder da“, sagt Danny Brauer vom Ortsverband Itzehoe. „Für viele ist es sicher nicht leicht, damit umzugehen.“

Nach rund einer Stunde endet die Gedenkveranstaltung. Einige Trauernde legen Blumen nieder  – an der Gedenkplatte und an dem Kreuz aus Mauersteinen, das auf dem Grundstück liegt. Das offizielle Trauerjahr sein nun beendet, aber für viele sei erst die erste Phase der Trauer abgeschlossen, sagt Propst Bergemann. Er könne sich vorstellen, dass es auch im kommenden Jahr eine ähnliche Veranstaltung geben werde. „Das müssen die Menschen entscheiden.“ Viele sind an diesem Tag dafür –  so wie der 54-jährige Itzehoer, der seinen Neffen verloren hat. „Ich würde das auch gut finden“, meint Sandra Risch-Azemi. Und Andreas Koeppen sagt: „Unsere Trauer wird fortbestehen.“

Eine Gedenktafel erinnert vor dem Grundstück Schützenstraße Nummer 3 an die Opfer.
Eine Gedenktafel erinnert vor dem Grundstück Schützenstraße Nummer 3 an die Opfer. Foto: Michael Ruff

Wie groß die Anteilnahme ist zeigt sich in der St. Laurentii-Kirche, in der die Kerzen, die dort im Gedenken an die Toten brennen, nicht mehr allein stehen. Ein Meer von Lichtern flankiert sie. In aller Stille.

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