Landgericht Itzehoe : Mehr Zeugenschutz im Landgericht

Sitzen im neuen Zeugenzimmer schon einmal Probe (v. l.): Eberhard Hülsing, Vorsitzender Richter am Landgericht, Soroptimist-Präsidentin Astrid Nielsen, Prozessbegleiterin Andrea Bünz und Landgerichts-Vizepräsident Dietmar Wullweber.
Sitzen im neuen Zeugenzimmer schon einmal Probe (v. l.): Eberhard Hülsing, Vorsitzender Richter am Landgericht, Soroptimist-Präsidentin Astrid Nielsen, Prozessbegleiterin Andrea Bünz und Landgerichts-Vizepräsident Dietmar Wullweber.

In einem neuen seperaten Zimmer können sich Opfer vor ihrer Aussage zurückziehen.

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29. Juli 2015, 17:00 Uhr

Itzehoe | Stofftiere blicken aus schwarzen Knopfaugen aus den Regalfächern, gleich daneben stapeln sich Zeitschriften und Bücher, und in einem Spielzeug-Bauernhof lassen sich kleine Tierfiguren entdecken. Bunte Bilder und Blumen sollen in einem Zimmer im ersten Stock des Landgerichts für eine entspannte Atmosphäre sorgen – und die haben die Menschen, für die es gedacht ist, auch bitter nötig. Hierher kommen Opfer von Vergewaltigungen, sexuellem Missbrauch oder Stalking, die als Zeugen vor Gericht aussagen müssen. „Vor anderen über die schlimmsten Erlebnisse zu sprechen, belastet die Opfer. Das sind ja meistens noch sehr junge Frauen oder Kinder“, erklärt Andrea Bünz.

Die zertifizierte Prozessbegleiterin arbeitet für den Verein Wendepunkt in Elmshorn und betreut Zeugen bei Prozessen im Landgericht Itzehoe. Bünz spricht mit den Menschen über das, was sie im Gerichtssaal erwartet, stellt ihnen den Richter vor und sorgt dafür, dass unnötige Ängste verschwinden. Häufig hat sie zum Beispiel mit falschen Vorstellungen zu tun, die von Sendungen wie Richterin Barbara Salesch vermittelt würden. „Ein Mädchen dachte, ihre Befragung werde im Fernsehen ausgestrahlt, und eine andere hatte Angst, sie müsse im Stehen von ihrer Vergewaltigung erzählen.“

Ein Zeugenzimmer wünschte sich Bünz im Gericht schon lange – sowohl als Schutzraum als auch, um die Bereitschaft zu einer Aussage zu verbessern. „Wenn die Opfer auf dem Flur dem Täter begegnen, kann ein Wort oder ein Blick ausreichen, damit sie plötzlich wieder mitten in ihren Erinnerungen sind“, erklärt Bünz. Auch die Begegnung mit der eigenen Familie könne zum Problem werden, schließlich handelt es sich bei den meisten Missbrauchsfällen um Beziehungstaten. „Eine solche Situation spaltet die Familie. Die einen glauben dem Kind, die anderen dem angeklagten Großvater.“

Das Zeugenzimmer jedoch sei ein sicherer Ort, an dem sich die Zeugen bis zur Verhandlung aufhalten könnten. Das komme später auch der Qualität der Aussage zugute. Denn die Wartezeiten, bevor ein Zeuge in den Gerichtssaal gerufen wird, sind oft lang. „Ein achtjähriges Kind hat nach zwei Stunden Warten keine Lust mehr. Wenn ich mit diesem Kind aber spielen kann oder ihm vorlese, ist es später viel ruhiger und auch bereitwilliger, eine Aussage zu machen“, sagt Bünz. Auch Erwachsenen erleichtere es die Situation, während des Wartens Uno zu spielen oder in einer Zeitschrift zu lesen, statt sich gedanklich immer wieder mit der Verhandlung zu beschäftigen.

Bundesweit ist das Landgericht mit dem Zeugenzimmer ein Vorreiter und setzt ein Zeichen für den Zeugenschutz. „Im Volk heißt es ja oft, vor Gericht gehe es dem Täter besser als dem Opfer. Deshalb freue ich mich besonders, dass das Landgericht ein so deutliches Zeichen dagegen setzt“, erklärt der Vorsitzende Richter am Landgericht, Eberhard Hülsing. Er setzt sich schon lange für die Einrichtung eines solchen Raums ein. Als Vorsitzender der Jugendschutzkammer und der 2. Strafkammer hat er vor allem mit Missbrauchsfällen und Sexualstraftaten zu tun. Vielen Zeugen komme die Schilderung ihrer Erlebnisse vor Gericht kaum über die Lippen, berichtet Hülsing. Bevor es Prozessbegleiterinnen wie Andrea Bünz gegeben habe, hätten sich einige überhaupt nicht getraut, eine Aussage zu machen. „Und mit einem solchen Zeugenzimmer wird die Arbeit der Prozessbegleiter sehr gut unterstützt.“ Das komme damit nicht nur den Zeugen selbst zugute, sondern helfe auch dem Gericht bei der Wahrheitsfindung.

Die Einrichtung des Zeugenzimmers wurde von dem Service-Club Soroptimist International in Glückstadt finanziert. Die Club mit ausschließlich weiblichen Mitgliedern in verantwortlichen Positionen im Berufsleben setzt sich weltweit für die Stärkung der Menschenrechte, besonders von Frauen, ein. Vor dem Club in Glückstadt hat Andrea Bünz, selbst Soroptimistin, vor einiger Zeit einen Vortrag über ihre Arbeit gehalten. „Sie hat die Notwendigkeit eines solchen Zeugenzimmers geschildert“, schildert Präsidentin Astrid Nielsen. Sie persönlich sei sofort von der Idee überzeugt gewesen – „schließlich weiß jeder, wie wichtig es ist, einen Rückzugsort zu haben“. Das Zeugenzimmer sei ein nachhaltiges Projekt und helfe Frauen und Kinder, die Opfer von Gewalt wurden – deshalb unterstütze der Club diese Idee sehr gerne.

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