Propst-Kritik : Mehr Flüchtlinge aufnehmen

Die Proteste reißen nicht ab: Seit Wochen verlangen Demonstranten immer wieder die Aufnahme der Flüchtlinge in Hamburg.
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Die Proteste reißen nicht ab: Seit Wochen verlangen Demonstranten immer wieder die Aufnahme der Flüchtlinge in Hamburg.

Propst Dr. Thomas Bergemann übt scharfe Kritik an der Bundesregierung.

shz.de von
07. November 2013, 05:00 Uhr

Seit Wochen ist das Drama rund um die Lampedusa-Flüchtlinge in den Schlagzeilen. Nun meldet sich das Oberhaupt des Kirchenkreises Rantzau-Münsterdorf in der Flüchtlingsdebatte zu Wort. Propst Dr. Thomas Bergemann übt scharfe Kritik an der Bundesregierung. „Wir sind ein reiches Land. Wir müssen mehr Flüchtlinge aufnehmen“, sagt Bergemann im Gespräch mit unserer Zeitung. Die deutsche Flüchtlingspolitik sei ein Skandal. „Das ist nicht hinnehmbar. Die Bundesregierung muss ihren Kurs deutlich ändern“, so der Propst.

Laut Bergemann müsse die Willkommenskultur in Deutschland grundsätzlich verbessert werden. „Wir müssen die Flüchtlinge menschenwürdig willkommen heißen. Wir dürfen ihnen nicht das Gefühl vermitteln, sie seien Parasiten.“ Die Situation der Lampedusa-Flüchtlinge in Hamburg sei „beschämend“. Rund 300 Männer, die aus verschiedenen Ländern Afrikas stammen, leben seit Monaten illegal in Deutschland. Nach eigener Darstellung wurden sie als Wanderarbeiter in Libyen vom Bürgerkrieg überrascht und waren übers Mittelmeer auf die italienische Insel Lampedusa geflüchtet. Ausgerüstet mit italienischen Ausweispapieren und ein wenig Bargeld waren sie 2012 schließlich nach Hamburg gekommen. 80 von ihnen leben seit fast fünf Monaten im Kirchenasyl auf St. Pauli.

Kritik übt der Propst auch an der Gesetzgebung, die es Flüchtlingen zum Teil untersage Deutsch zu lernen. In den Sprachkursen, die über das Diakonische Werk des Kirchenkreises Rantzau-Münsterdorf angeboten werden, gäbe es keine Kontrolle. „Sollte es deshalb Probleme geben, stelle ich mich schützend vor die Kollegen“, sagt Bergemann.

Auch der Kirchenkreis Rantzau-Münsterdorf selbst will seine Flüchtlingsarbeit verbessern. Es ist geplant, den Posten eines Flüchtlingsbeauftragten zu schaffen. Dieser soll in Elmshorn angesiedelt werden und als zentrale Anlaufstelle fungieren. „Wir als Kirche haben ein weit verzweigtes Netzwerk und können bei vielen Problemen zügig helfen“, so Bergemann.

Der Propst rechnet mit viel Kritik an seinen deutlichen Worten zur Flüchtlingspolitik. Aus seiner Sicht sei es aber Aufgabe der Kirche, sich auch zu gesellschaftspolitischen Dingen zu äußern. „Ich werde mich auch in Zukunft einmischen, wenn ich den Bedarf sehe.“

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