„Nordwind“ in Ägypten : Matrose aus Burg filmte Sechs-Tage-Krieg

Symbol der Zwangsgemeinschaft: Uwe Carstens mit dem GBLA Wimpel.
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Symbol der Zwangsgemeinschaft: Uwe Carstens mit dem GBLA Wimpel.

Seemann Uwe Carstens wurde von 1967 bis 1973 an Bord der „Nordwind“ auf dem ägyptischen Bittersee gefangen gehalten. Seine Erinnerungen kommen ins Fernsehen.

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18. Juli 2014, 17:02 Uhr

Der Burger Rentner Uwe Carstens gehört einem wahrlich seltenen Club an: der Great Bitterlake Association, kurz GBLA. Er war in den Jahren 1967 bis 1973 dabei, als 14 Frachtschiffe aus acht Nationen auf dem großen Bittersee in Ägypten gefangen gehalten wurden – mit Fotoapparat und Normal 8-Film dokumentierte der Dithmarscher das Ereignis. 2009 erscheint eine im Auftrag des ZDF von den Filmemachern Jens Arndt und Fayd Jungnickel gedrehte Filmdokumentation ,,Gefangen im Bittersee“ – mit Carstens Film- und Fotodokumenten.

Carstens ist 24 Jahre jung und Matrose auf dem deutschen Frachter ,,Nordwind“ (8655 BRT), als am 5. Juni 1967 zwischen Israel und Ägypten der Sechs-Tage-Krieg ausbricht. Im Konvoi mit Schiffen aus England, Frankreich, USA, Rumänien, Polen, Tschechien und Schweden laufen an jenem Tag die deutschen Frachter ,,Nordwind“ und ,,Münsterland“ in den Suezkanal ein.

Der Bittersee bildet die Weiche für entgegenkommende Konvois. Die Schiffe müssen hier vor Anker gehen, als der Krieg ausbricht. Dass die „Nordwind“ und die „Münsterland“ erst acht Jahre später am 24. Mai 1975 nach Hamburg zurückkehren würden, ahnt niemand.

Den Whisky in der Hand, sonnen sich die Männer an Deck auf ihren Liegestühlen, während die Artillerien der Israelis und Ägypter sich über den See hinweg bekämpfen. Uwe Carstens hat seinen Fotoapparat Marke Voigtländer sowie seine Normal 8- Filmkamera dabei. Fotografieren und Filmen ist den insgesamt rund 450 festgesetzten Seeleuten zwar von den Ägyptern untersagt, doch Carstens belichtet trotzdem etliche Meter Video- und Fotofilme, schmuggelt sie beim Heimaturlaub aus Ägypten heraus. So können Eltern und Freunde des Burger Seemanns bereits im September 1967 nacherleben, was Carstens im Suezkanal widerfahren ist.

2002 lässt Carstens seine Normal 8-Filme auf DVD ziehen. Damals beginnen auch die Treffen der ehemaligen ,,Nordwind“-Fahrer. Sie zeigen Interesse an Carstens Filmmaterial. Ein Kontakt zu einer Filmgesellschaft kommt zustande, die um die Nutzungsrechte bittet, erinnert sich Carstens.

Seine Bilder hinterlassen einen tiefen Eindruck vom Leben der Seeleute auf dem Bittersee. ,,Wir fuhren gerade in den See ein, da knallte es hinter uns“, so Carstens. Der heiße Krieg dauert sechs Tage. Von nun an belauern Israelis und Ägypter einander, dazwischen die 14 Frachtschiffe im Bittersee. ,,Alle haben gehofft, weiterfahren zu können, als die Knallerei aufhörte.“ Doch die Ägypter sperrten den Kanal.

Auf der ,,Nordwind“ befinden sich 43 Mann Besatzung. Gemeinsam mit den anderen Schiffen liegt sie über Jahre im Bittersee fest. ,,Bis auf das tschechische Schiff ‚Lednice‘ waren es alles größere Pötte.“ Die Versorgung läuft zunächst über die Ägypter, die alles liefern, was man an Bord benötigt. Die Besatzung wird schnell reduziert, die ersten Seeleute reisen nach einem Monat ab. Nach vier Monaten kann auch Carstens erstmals von Kairo aus in die Heimat fliegen. Doch schon am 6. Juni 1968 muss er auf die ,,Nordwind“ zurückkehren.

Unter den den Seeleuten wächst das Gemeinschaftsgefühl. Schon im ersten Jahr gründen die Kapitäne die GBLA und schaffen einen Wimpel, den Carstens noch heute in Ehren hält. Der Anker mit der 14 wird zum Symbol der Zwangsgemeinschaft.

Man vertreibt sich die Zeit, so gut wie es geht: Als 1968 die Olympiade in Mexiko stattfindet, veranstalten die Seeleute auf dem Bittersee kurzerhand ihre eigene Olympiade. Die Männer messen sich in 14 Disziplinen, von Gewichtheben über Fußball bis hin zu Segeln und Angeln. „Die Polen haben aus Blei Medaillen gegossen, beim Gewichtheben gewannen wir die Gold-, im Segeln die Silbermedaille.“

Uwe Carstens kehrt am 10. Mai 1969 nach Deutschland zurück und nimmt 1973 eine Anstellung beim Wasser- und Schifffahrtsamt Brunsbüttel an.



>Der Film ,,Gefangen im Bittersee“ ist auf Youtube eingestellt und läuft immer wieder auf Doku-Sendern wie Phönix, ZDF Info oder Arte.

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