Mastenklettern für den Vogelschutz

Ohne Spannung in den Seilen hängen und eine 20 000 Volt-Leitung warten – so arbeiten angehende Elektroniker für Betriebstechnik

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16. Juni 2014, 09:24 Uhr

Gleich geht es für Gina Clasen auf den Mast. Ihre Kollegen Janosch Graue (21) und Hannes Michel (19) sind schon oben. In 15 Meter Höhe klinken sie den Karabinerhaken ein und sichern sich doppelt, um die Hände für ihre Arbeit frei zu bekommen. Zum Vogelschutz und um die Leitung zu warten, stülpen derzeit 29 Auszubildende aus verschiedenen Unternehmen der Eon Hanse AG Abdeckungen über Travokerzen, installieren Klapphauben und prüfen die Isolatoren.

„Wir warten die Leitungen, wir gucken die ganzen Isolatoren nach. Zum Beispiel an diesem Mast hier ist ein Stützer kaputt“, erklärt Reinhard Rahn, der die Auszubildenden vor Ort mit betreut. An diesem Arbeitstag wollen sie 38 Masten erklimmen und vier Kilometer Freileitung von Holstenniendorf über Langenklint bis Gribbohm auf Vordermann bringen, so hat es Projektleiter Timo Samuelsen geplant.

Für die Arbeiten an der 20 000 Volt Leitung wurde der Stromfluss abgestellt, sichtbare Arbeitserden, die den fließenden Strom zum Beispiel bei einem Blitzschlag in den Boden ableiten würden, schützen die Auszubildenden, während sie auf den Masten agieren. Dennoch brauchen die zirka 30 Haushalte in der näheren Umgebung auch an diesem Tag nicht auf den Strom aus der Leitung verzichten, Fernseher, Computer und Haushaltsgeräte bleiben einsatzfähig. Notstromaggregatoren stellen die Versorgung der Anwohner sicher.

Gina Clasen ist heute das einzige Mädchen unter Jungs. Doch das stört sie wenig, die 18-Jährige kennt das schon. Sie hat sich ihren Ausbildungsplatz bewusst ausgesucht, nachdem sie sich zuvor in verschiedenen Praktika ausprobieren konnte: „Ich bin eher praktisch veranlagt. Mathe und Physik liegen mir mehr als Sprachen“ erklärt sie. Und auch als Frau sei dieser Job kein Problem: „Man sollte nur keine Angst haben anzupacken und mit Jungs zusammenzuarbeiten“, findet die angehende Elektronikerin. Denn das sei schon anders als in der Schule, wo das Verhältnis zwischen Mädchen und Jungen doch eher ausgewogen sei.

Im Rahmen ihrer Ausbildung als Elektronikerin für Betriebstechnik bei der Avercon mit Sitz in Lüneburg nimmt sie an der Projektwoche teil, an der auch Auszubildende der Avercon in Nienburg (Niedersachsen), der Schleswig-Holstein Netz AG in Rendsburg, des Bayernwerk Bayreuth (Bayern) und der E.dis Fürstenwalde (Brandenburg) beteiligt sind. In gemischten Gruppen lernen sich die angehenden Elektroniker auf den Masten kennen. Der Erfahrungsaustausch sei wichtig, betont Timo Samuelsen. Es sei Teamwork angesagt.

Die Ausbildung als Elektronikerin für Betriebstechnik dauert 3 bis 3,5 Jahre. „Die meisten bewerben sich mit Abitur oder Realschulabschluss“ und die Einstellungsgespräche mit üblichem Einstellungstest fänden meist im Dezember und Januar statt, berichtet Jörn Wirtz, der Ausbilder von Gina Clasen aus Lüneburg.

Dort gäbe es ein extra Übungsgelände, wo die Auszubildenden die Arbeit in der Luft schon ohne Spannung üben könnten. Die Arbeit auf dem Mast zum Vogelschutz stelle heute jedoch nicht mehr die Regel dar. Häufiger sei die Arbeit an Erdleitungen oder die Umrüstung von Straßenlaternen auf LED-Beleuchtung.

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