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Interview : „Man sollte nicht alle Kinder psychiatrisieren“

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Kinder- und Jugendpsychiaterin Andrea Lau aus Itzehoe rät, rechtzeitig auf Symptome für ernstere Probleme zu achten.

shz.de von
erstellt am 20.Feb.2017 | 08:51 Uhr

Die Zahl der seelischen Erkrankungen unter Jugendlichen in Schleswig-Holstein nimmt stark zu, sagen Experten. Doch wie erkennt man, ob es sich nur Stimmungsschwankungen oder um extreme Traurigkeitsphasen über mehrere Wochen handelt? Die Kinder- und Jugendpsychiaterin Andrea Lau aus Itzehoe rät, rechtzeitig auf Symptome für ernstere Probleme zu achten.

Frau Dr. Lau, gibt es immer mehr psychisch kranke Kinder oder schauen die Menschen nur genauer hin?
Wahrscheinlich beides. Ich nehme wahr, dass es immer mehr Kollegen gibt, die sich des Problems annehmen. Während meiner Ausbildung Ende der 90er Jahre haben wir die Diagnose „Depression bei Kleinkindern“ beispielsweise noch nicht gestellt, da man lange geglaubt hat, dass Kinder nicht depressiv sein können.

Das hat sich gewandelt.
Ja. Heute gehen wir davon aus, dass knapp zwei Prozent der Kleinkinder depressiv ist, etwa zwei Prozent sind es bei den Vorschulkindern. Und in den Schulen kann jedes zehnte Kind darunter leiden. Das sehen wir auch bei uns in der Klinik: Es gibt kaum eine Klasse, aus der wir noch keinen Schüler bei uns hatten, der unter psychischen Störungen leidet – und zwar quer durch alle Schularten. Und wir behandeln in der Tagesklinik nur Fälle, die schon eine ambulante Therapie hinter sich haben sollten, die ihnen nicht geholfen hat.

Früher haben Eltern bei Stimmungsschwankungen ihrer Kinder ja gern darauf verwiesen, dass sich das „raus wächst“  ...
... das ist genau der Fehler, denn das wächst sich ein. Wer psychische Erkrankungen nicht möglichst schnell erkennt und behandelt, riskiert, dass sie chronisch werden – gerade bei Kindern.

Woran liegt es, dass die Kinder depressiv werden?
Das können genetische Ursachen sein, etwa wenn ein Elternteil unter Depressionen leidet. Auch Kinder, die nur mit einem Elternteil oder in Armut groß werden, sind überdurchschnittlich von der Krankheit betroffen. Oft sind die Übergänge zu ADHS [ Aufmerksamkeits-Defizit-/Hyperaktivitäts-Störung, Anm. der Red.] fließend – deswegen ist eine gute Diagnostik wichtig.

Woran erkenne ich, dass mein Kind ein Problem hat?
Stimmungsschwankungen sind das eine, auch wenn sich ein Kind zurückzieht, extreme Traurigkeitsphasen über mehrere Wochen hat, aggressiv wird, große Ängste entwickelt, nicht mehr mit Freunden spielen will oder eben in den Leistungen in der Schule abfällt, dann sollte man sich Hilfe holen. Die Symptomatik ist oft vielschichtiger als bei Erwachsenen.

Psychologen und Psychiater sind häufig überlastet – wo kann die Hilfe herkommen?
Es stimmt, auch wir haben mehrere Wochen Wartezeit bis zu einem Erstgespräch, und bis die Therapie beginnt, kann es schon mal mehrere Monate dauern. Ich rate den Eltern und Kindern, auch niederschwellige Angebote wahrzunehmen.

Psychologie light?
Nein, das nicht. Aber für mich ist immer das Ziel, die Funktionalität im Alltag wieder herzustellen und den Leidensdruck zu mindern. Das kann auch durch eine Familienberatung gelingen. Man sollte nicht alle Kinder, die ein bisschen niederschlagen sind, psychiatrisieren.

Gibt es denn Möglichkeiten, zu verhindern, dass immer mehr Kinder psychisch krank werden?
Schwer zu sagen. Ich sehe nur, dass Kinder und Jugendliche sehr unter Leistungsdruck und Arbeitsverdichtung leiden. Häufig kommen sie zu uns bevor es Zeugnisse gibt, weil da die Schwierigkeiten deutlicher werden. Dem geht dann meist schon eine längere Leidenszeit voraus – und das Kind ist, im wahrsten Sinne des Wortes, in den Brunnen gefallen. Ich meine, dass eine Entschleunigung den Kindern und Jugendlichen gut tun würde – und psychischen Erkrankungen zumindest vorbeugen könnte.

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