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Kreis Steinburg : „Man ist 24 Stunden am Tag Landrat“

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Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Torsten Wendt trat vor drei Jahren das Amt als Chef der Steinburger Kreisverwaltung an – im Interview zieht er jetzt eine Halbzeitbilanz.

shz.de von
erstellt am 29.Mär.2016 | 05:54 Uhr

Vor drei Jahren wurde Torsten Wendt (46) vom Kreistag zum Landrat des Kreises Steinburg gewählt. Er löste damals Jens Kullik ab, der bereits im Mai 2012 vom Kreistag abberufen worden war; 15 Monate hatte Stellvertreter Heinz Seppmann das Amt ehrenamtlich ausgefüllt. Seit seinem Antritt hat Wendt, der für sechs Jahre gewählt wurde, einiges bewegt – manches mit großer öffentlicher Wirkung, vieles aber hinter den Kulissen der Verwaltung, die für rund 130  000 Bürger zuständig ist. Im Interview zieht der Vater zweier Töchter (vier Jahre und sieben Wochen) und eines Sohnes (zwei Jahre) eine Halbzeit.

Herr Wendt, gab es in den vergangenen drei Jahren Situationen, in denen Sie es bereut haben, diese Aufgabe angetreten zu haben?

Nein! Natürlich gibt es auch mal belastende Situationen. Aber es gibt auf der ganzen Welt keinen einzigen Beruf, in dem man nicht mal eine belastende Situation aushalten muss. Extreme Belastungen erlebe ich hier nicht. Das war vorher in meinem Amt als Samtgemeindebürgermeister anders. Da gab es einen einflussreichen Ratsherrn, der mich massiv unter Druck gesetzt hat. Das war äußerst aufreibend.

Aber außergewöhnliche Situationen erleben Sie doch sicherlich einige. Was waren bisher die größten Herausforderungen?

Ganz eindeutig und mit Abstand das Kreishaus, allein, weil es ein sehr komplexes Projekt ist. Als ich hier anfing, war das Verfahren bereits angelaufen und es kostete erst einmal viel Zeit, sich damit auseinanderzusetzen. Und nach dem Bürgerentscheid steht man dann plötzlich vor den Trümmern der gesamten Planung. Da benötigten wir dann erst einmal Zeit, um alles neu zu ordnen. Aber jetzt geht es los.

Sie hatten sich klar für den Neubau auf Alsen ausgesprochen, waren Sie persönlich enttäuscht, als die Bürger für die Quartierslösung stimmten?

Nein, auf keinen Fall. Das kann man sich gar nicht leisten, solche Dinge persönlich zu nehmen. Außerdem bin ich ein überzeugter Anhänger von Demokratie und Rechtsstaat. Die Entscheidung wird akzeptiert, da gibt es keine Diskussion. Inzwischen ist es uns auch schon gelungen, ein schönes Baufeld zu schaffen, auf dem viele Ideen umgesetzt werden können. Allerdings wird es uns nicht gelingen, alle Bereiche der Kreisverwaltung hier zu bündeln. Dafür reicht der Platz dann doch nicht.

Also gibt es keine emotionale Bewertung der Kreishausentscheidung?

Nein, dann hätte ich den falschen Job. Die Planungen für Alsen sind abgehakt, spielen keine Rolle mehr – weder für die weiteren Planungen, noch für mich persönlich.

Welche großen Projekte liegen noch vor Ihnen?

Das Kreishaus wird uns sicherlich noch intensiv beschäftigen. Aber es gibt auch einiges, was hinter den Kulissen läuft, von dem die Bürger gar nicht so viel mitbekommen und was wir auch gar nicht so in die Öffentlichkeit tragen. Wir haben einen Themenkatalog, bei dem ich einige Überschriften vorgegeben habe. Die betreffenden Mitarbeiter und ich bringen dann viele Ideen ein und gemeinsam arbeiten wir die Bereiche ab. Dazu gehört beispielsweise das digitale Büro, also die möglichst papierlose Verwaltung. Aber es sind viele Veränderungsprozesse, die nach und nach umgesetzt werden. Ein wichtiger Bereich ist auch die Personalentwicklung, die mir sehr am Herzen liegt. Das ist ein bedeutender Schlüssel für den Erfolg einer Verwaltung. Wir müssen in Hinblick auf die demografische Entwicklung und sinkende Bewerberzahlen vorbereitet sein. Dafür müssen wir unter anderem gute Arbeitsbedingungen schaffen. Beim Gehalt sind uns durch den Tarifvertrag öffentlicher Dienst (TVÖD) und die Besoldungsordnung des Landes für Beamte natürliche Grenzen gesetzt.

Es gibt aber noch ein großes Thema, das die Menschen beschäftigt.

Selbstverständlich, Sie meinen die Flüchtlingssituation. Aber da lässt sich schwer spekulieren, wie es sich entwickeln wird. Wir können oft nur reagieren. Wir versuchen auch, die Planungen so zu steuern, dass wir auf möglichst viele Eventualitäten vorbereitet sind.

In Ihrer Anfangszeit hier haben Sie gesagt, dass Ihnen viel am Image Ihrer Verwaltung liegt. Wie würden Sie in Schulnoten das Image bei Ihrem Amtsantritt einschätzen, wie heute?

Das ist schwer, zumal ich nur davon ausgehen kann, was ich vom Hörensagen mitbekomme. Ich denke vor drei Jahren könnte das Image als befriedigend bezeichnet werden. Was ja schon besser als der Durchschnitt wäre. Inzwischen haben wir einiges verändert, ich meine deutlich zum Positiven. Es ist jetzt zum Beispiel möglich, für die Kfz-Zulassung online einen Termin zu vereinbaren. Auch über das Bauamt, das noch vor einigen Jahren massiv in der Kritik stand, erlebe ich immer mehr positive Resonanz. Da heißt es dann schon mal: Ich habe nur ein paar Tage auf meine Baugenehmigung gewartet, wie kann das denn sein? Die Antwort ist oft einfach: Weil alle Unterlagen komplett waren. Aber es wird natürlich immer Bereiche geben, die von außen betrachtet negativ besetzt sind, wenn Sie beispielsweise an die Ordnungsverwaltung denken, die bei Verstößen gegen gesetzliche Vorschriften Bußgelder oder andere Sanktionen verhängt. Dennoch ist auch dieser Teil der Kreisverwaltung gesellschaftlich gesehen unverzichtbar und damit wichtig.

Wir arbeiten auch daran, die neuen Medien immer stärker einzubinden und für die Bürger nutzbar zu machen. Das ist ein sehr langwieriger Prozess. Eine deutliche Erleichterung sind schon die Formulare, die im Internet zum Download bereitstehen. Das ist ein erster Schritt in die digitale Verwaltung. Mein Wunsch ist auch, dass die Bürger mehr über ihre Verwaltung erfahren. Viele sind erstaunt, wenn sie erfahren wie viele Mitarbeiter hier beschäftigt sind und was für ein „Jahresumsatz“ hier verwaltet wird.

Kann man sich in den Diskussionen eigentlich immer auf Verordnungen und Gesetze berufen oder ist man als Landrat auch manchmal eine Art Diplomat – ich denke da beispielsweise an die Auseinandersetzung zur geplanten Erhöhung der Kreisumlage?

Ja, natürlich beides. Ich muss hin und wieder ausgleichend tätig werden. Die Diskussion um die Kreisumlage wurde mir beispielsweise viel zu akademisch geführt. Es ging um Sachen, die nicht der Landrat, sondern nur der Landtag ändern könnte. Da bin ich einfach der falsche Ansprechpartner. Wenn man dann darauf beharrt, mich zu überzeugen, kann ich leider nicht weiterhelfen. Manchmal geht es gar nicht darum, zu diskutieren oder zu beraten. Wie in der Flüchtlingskrise. Da stehen wir dann vor dem Problem und machen einfach.

Was für Herausforderungen liegen jetzt in naher Zukunft noch vor Ihnen?

Dieses Jahr wird sicherlich geprägt durch die strittigen Punkte zur Autobahn 20. Mitte April steht die mündliche Verhandlung vor dem Bundesverwaltungsgericht in Leipzig an. Aber wir werden bis zur letzten Minute verhandeln, um den Gang nach Leipzig überflüssig zu machen. Es geht nur noch um den Brandschutz. Weiterhin arbeiten wir an Katastrophenschutzplänen, um bei Großveranstaltungen, Deichbruch, Chemieunfall oder einem Hochwasser in Kellinghusen auf den Ernstfall vorbereitet zu sein. Zudem gibt es noch einen weiteren bunten Strauß an Bauvorhaben und Projekten in der Kreisverwaltung.

Es gibt auch einen Privatmenschen Torsten Wendt. Sie sind gerade wieder Vater geworden. Wie lassen sich Familie und Beruf in ihrer Position vereinbaren?

Es ist ein Balanceakt und immer wieder schwierig. Das geht nur, weil ich eine liebenswerte und starke Frau an der Seite habe. Grundsätzlich ist man 24 Stunden am Tag Landrat. Aber ich habe von einem Kollegen mal einen guten Tipp erhalten, der mir sagte, er mache nur einen Termin am Wochenende. Das halte ich genauso, und das wird akzeptiert. Es gibt auch Termine, die sind familienfreundlich. Im vergangenen Jahr war ich beispielsweise bei einer Feuerwehrveranstaltung, da konnte ich meine Kinder mitnehmen, die sind total feuerwehraffin.

Treten Sie in drei Jahren für eine weitere Amtszeit an?

Ob ich weitermachen kann, muss selbstverständlich letztlich der Kreistag entscheiden. Aber zum jetzigen Zeitpunkt würde ich gern noch sechs Jahre ranhängen.

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