Leselust in Wilster : Mahnende Worte gegen Persilscheine

Rechnet mit Vater, Mutter – und mit einer immer noch schweigenden Mehrheit ab: Buchautor Niklas Frank mit Karin Dietrich-Olsen (Verein Leselust, l.) und Karin Labendowicz (Stadtbücherei).
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Rechnet mit Vater, Mutter – und mit einer immer noch schweigenden Mehrheit ab: Buchautor Niklas Frank mit Karin Dietrich-Olsen (Verein Leselust, l.) und Karin Labendowicz (Stadtbücherei).

Für Niklas Frank ist die Entnazifizierung noch nicht erledigt – das beschreibt er auch bei einer Lesung in Wilster.

shz.de von
20. Februar 2018, 05:12 Uhr

Was für eine Bürde: Die ersten Jahre seines Lebens verbrachte er als „Prinz von Polen“ auf der Burg Wawel in Krakau, dem einstigen Sitz der polnischen Könige. Dort residierte sein Vater Hans als Generalgouverneur im besetzten Polen. Hans Frank wurde 1946 gemeinsam mit anderen Hauptkriegsverbrechern im Nürnberger Prozess zum Tode verurteilt. Diese Vergangenheit lässt Sohn Niklas bis heute nicht los. In mehreren Büchern rechnete er schonungslos mit seinem Vater, aber auch mit anderen Familienangehörigen ab. „Ich hielt mich bisher ja für hartgesotten“, bekannte Karin Dietrich-Olsen vom Vorstand des Vereins Leselust. Nach der Lektüre von „Der Vater - eine Abrechnung“ sei ihr angesichts des hier niedergeschriebenen Hasses und der Wucht der Emotionalität aber doch ein bisschen mulmig gewesen. Bekannte hätten ihr dann aber berichtet, dass der Autor „ein netter älterer Herr sei, der gelegentlich mit seinem alten Trecker durch die Marsch fahre“. Tatsächlich kommen die gesprochenen Worte nicht ganz so brutal rüber wie die geschriebenen. Was vermutlich aber auch daran lag, dass Niklas Frank sich fast schon auf gemäßigte Passagen beschränkte.

„Es bedarf schon mutiger Leute, mich einzuladen“, stellte der 1939 in München geborene Journalist erst einmal klar, dass er in Deutschland zwar nicht berühmt, aber durchaus ein bisschen berüchtigt sei. Immer wieder berichtete er von persönlichen Erlebnissen, aus denen deutlich wurde, dass die düstersten Jahre deutscher Geschichte längst nicht gemeistert sind. In Wilster jedenfalls war das Interesse gewaltig. 200 Zuhörer wären gerne gekommen, knapp 100 passten in den Spiegelsaal des Neuen Rathauses. Gerne, so der heute im nahen Ecklak lebende Niklas Frank, hätte er den Besuchern auch etwas über die „größten Nazis von Wilster“ erzählt. Leider habe er es trotz intensiver Bemühungen aber nicht geschafft, Kontakt zum Stadtarchiv zu bekommen. In anderen Archiven hat er umso intensiver gewühlt. Für sein jüngstes Buch „Dunkle Seele, feiges Maul“ hat er von den insgesamt mehr als 3,6 Millionen Entnazifizierungsakten 4000 bis 5000 gesichtet und ausgewertet. Die Ergebnisse klingen heute fast ein bisschen wie Realsatire – wenn es den ernsten Hintergrund nicht geben würde. Gleich massenweise konnten sich die damals nicht etwa mutmaßlichen Täter, sondern Betroffene genannten Befragten mit Persilscheinen reinwaschen oder sich mit abenteuerlich klingenden Begründungen in die Unschuld winden. Beispiel für das Urteil einer damaligen Spruchkammer: „Dem Mann sieht man seine gute, innere Haltung an.“ Zu diesem Zeitpunkt hatte er die Uniform eines führenden Mitglieds der NSDAP allerdings wohl auch schon ausgezogen. „Die meisten Denunzianten waren übrigens Frauen“, meinte Frank noch fast beiläufig, um aber gleich den Hinweis hinzuzufügen: „Die Männer waren aber auch alle an der Front.“ Ihm, so fasste Frank zusammen, gehe es auch darum, die „Feigheit des Großvaters zu erkennen, damit man die eigene Feigheit bekämpfen kann“. Geht man nach seinen Worten, müssten vielleicht nicht viel mehr Menschen sein Buch lesen, wohl aber die frei zugänglichen Entnazifizierungsakten ihrer Vorfahren und sich einfach intensiver mit deren Leben und Geschichte beschäftigen. „Es gibt noch immer so ein verschwiemeltes Schweigen, das quer durch Deutschland geht.“ Niklas Frank sagte es nicht, unausgesprochen hat er dabei aber wohl auch die aktuelle politische Großwetterlage vor Augen.

Und seine eigene Kindheit? „Es war eine wunderbare Zeit.“ Bis zu dem Augenblick, als er zum ersten Mal Bilder der KZ-Greuel sah. Mit Leichen von Kindern, die in seinem Alter gewesen sein müssen. Und darunter habe gestanden, dass das in Polen geschehen sei. In diesem Moment muss aus dem kleinen Prinzen der jahrzehntelange Mahner gegen das Vergessen und Verschweigen geworden sein. Und der spätere Autor, der mit seinen Eltern schonungslos abrechnet. Und der Sohn, der überschwängliche Freude über den Tod seines Vaters publiziert hat.

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