Madeline fühlt sich hier pudelwohl

Was braucht ein Fahrrad? Madeline lernt praktisch Deutsch. Claudia Reinel erklärt.
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Was braucht ein Fahrrad? Madeline lernt praktisch Deutsch. Claudia Reinel erklärt.

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19. Januar 2011, 11:31 Uhr

Brunsbüttel | Sie sind erst in der Grundschule und wollen trotzdem schon über den Tellerrand ihres Landes schauen und neue Kulturen kennen lernen. Madeline Nallet tauschte ihre Heimatstadt Louverné in der Bretagne für ein halbes Jahr gegen Brunsbüttel. Svenja Reinel wird dafür vom 11. März bis 5. September bei Madelines Familie wohnen, mit ihr in die Schule gehen und die französische Sprache lernen.

Was treibt die jungen Mädchen dazu? "Ich wollte nicht die einzige in meiner Familie sein, die kein Deutsch spricht und immer fragen muss: Was heißt das und was heißt das?", erzählt die neunjährige Madeline. Ihre beiden Geschwister, einige Cousins und sogar ihre Mutter machten schon einen solchen Austausch mit der Organisation Allef (Apprendre les langues en famille - Sprachen lernen in Familien) und sprechen nun alle Deutsch. Madeline jetzt auch, nur ihr niedlicher französischer Akzent verrät ihre Herkunft, wenn sie nahezu fließend deutsch spricht. Und sie hat großes vor mit den neu erworbenen Kenntnissen: "Wenn ich zuhause bin, gebe ich meinem Vater Deutschunterricht", sagt sie und lacht. Denn er sei der einzige aus ihrer Familie, der noch nicht so fließend unsere Sprache spreche.

Aus Deutschland möchte sie eigentlich gar nicht mehr so recht weg: "Ich habe hier mehr Freunde als in Frankreich und auch mehr Geschwister." Die beste Lösung für alle wäre deshalb: "Meine Familie kommt hierher und ich lebe hier mit ihr." Denn auf den Moment des Wiedersehens freut sie sich schon ganz riesig. Zwei Wochen nach der Abreise im Februar macht sich dann auch die zehnjährige Svenja auf den Weg in ihren sechsmonatigen Austausch. Noch hat sie gemischte Gefühle. "Ich kann nur Je mapelle Svenja und die Farben auf unserem Trampolin. Was, wenn ich keinen verstehe?", fragt sie. Madelines Wortschatz war bei ihrer Ankunft in Brunsbüttel nicht viel größer: Brot, Butter, Salami und ein paar Zahlen.

"Sie hat es gut, sie kommt in die Bretagne, das ist so schön im Sommer", sagt Madeline. Sie hat sich voll integriert in die Familie Reinel. "Ich hatte am Anfang etwas Bedenken, ob sie Heimweh bekommt oder wie das mit der Verständigung klappt", sagt Claudia Reinel. Doch schon nach zwei Wochen nannte Madeline sie "Mama" und fühlte sich wohl. "Für die Kinder gibt es fast keine Sprachprobleme. Die lernen das beim Spielen", erzählt sie. Das Konzept der Organisation gehe deshalb voll auf: "Die Kinder sollen in den Familien durch sprachliche Isolation lernen", erklärt die 39-Jährige. Das bedeute auch, dass sie mit den Kindern nur einmal pro Woche bis alle zwei Wochen mit ihren Familien telefonieren können. "Damit will man vorbeugen, dass die Kinder bei Heimweh gleich die Eltern anrufen, denn die leiden dann noch weiter, wenn es dem Kind schon längst wieder gut geht und es abgelenkt ist", erzählt die Mutter - jetzt von fünf Kindern. Die Organisation achte deshalb auch darauf, dass die Familien, die sich bewerben mindestens zwei Kinder haben, damit genug Möglichkeiten an Familienanschluss bestehen. Ebenso Grundvoraussetzung sei, dass sich die Familien, zwischen denen ein Austausch geschehen soll, zweimal vorher besuchen, um einander kennen zu lernen und zu wissen, wo das eigene Kind das halbe Jahr verbringt. Insgesamt beschreibt Claudia Reinel das Bewerbungsverfahren bei Allef als sehr aufwendig. Aber: "Wenn ich das von heute aus betrachte, hat es sich gelohnt und bringt einen Riesenspaß. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es sein wird, wenn meine beiden Mädchen in Frankreich sind und ich plötzlich nur noch drei Kinder habe."

Die Reinels und Madeline unterhalten sich jetzt ausschließlich auf Deutsch. Madeline telefoniert sogar mit ihrer Familie auf Deutsch, während die Französisch mit ihr spricht. Die Lehrer der Grundschule West in Brunsbüttel haben ihr den Einstieg auch leicht gemacht, damals im August 2010. "Am Anfang hab ich sie noch in ihre Klasse begleitet und sie den anderen Kindern vorgestellt, aber wenige Tage später wurde sie auf dem Schulhof von den Kindern schon in Empfang genommen. Da wusste ich, alles wird gut und sie ist angekommen", erzählt Claudia Reinel. Abends las sie mit Madeline, hinterfragte das Gelesene um die Worte zu wiederholen und half ihr bei den Hausaufgaben. "In der ersten Woche mussten sie im Heimat- und Sachunterricht erklären, was ein verkehrssicheres Fahrrad alles braucht. Die Vokabeln kannten wir auf Französisch nicht, also gingen wir raus ans Fahrrad und haben es daran erklärt", erinnert sich Claudia Reinel.

Madeline ist sehr wissbegierig, fragt viel und lässt sich in der Aussprache und Verb konjugierung gern helfen. Mehr als elf Bücher hat sie seit August schon gelesen. Das Ergebnis überzeugt. Und was ist ihr deutsches Lieblingsessen? "Döner", sagt sie und lacht, "den haben wir hier mal selber gemacht und der ist lecker."

Mehr Infos unter www.enfamille.de/index.php

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