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Stipendiaten-Abend : Lyrische Grenzerfahrung per Fahrrad

vom
Aus der Redaktion der Wilsterschen Zeitung

Johann Reißer und Sebastian Unger boten interessante Lesung im Wewelsflether Alfred-Döblin-Haus.

von
erstellt am 27.Mai.2014 | 17:00 Uhr

Eine einmal anders gestaltete Stipendiaten-Lesung erlebten die Besucher im Alfred-Döblin-Haus: Prosa und Lyrik, musikalisch untermalt. Die Gastgeberinnen Carola Jansen und Antje Lenze-Brühs hießen diesmal weniger Zuhörer als üblich in der Küche des einstigen Grass-Hauses willkommen. Viele hatten wegen Urlaubs absagen müssen. Doch das tat der Stimmung im Raum keinen Abbruch, lebhaft wurde auch im Anschluss der Lesung mit Johann Reißer und Sebastian Unger über das Gehörte diskutiert.

Die beiden Autoren, eingangs vorgestellt von Carola Jansen und Antje Lenze-Brühs, gaben interessante Einblicke in ihr literarisches Schaffen, das sie während der vergangenen drei Monate als Stipendiaten im Döblin-Haus noch intensiviert hatten. Johann Reißer, 1979 in Regensburg geboren, studierte in Regensburg und Berlin Literaturwissenschaften und Philosophie. Seit 2004 veröffentlicht er Prosa, Lyrik und Essays, tritt in Literaturhäusern und bei Literaturfestivals auf, wobei zum Teil auch Musikinstrumente zum Einsatz kommen. Seit 2007 erhielt er mehrfach Preise für sein literarisches Schaffen. Sebastian Unger, 1978 in Berlin geboren, studierte zunächst kreatives Schreiben an der Uni Leipzig, später noch Kulturwissenschaften sowie Deutsch als Fremdsprache an der Uni Berlin. Schon in dieser Zeit hielt er sich viel im Ausland auf, arbeitete auch als Lehrer. Er schreibt Lyrik und Prosa, gewann 2011 seinen ersten Lyrikpreis und hat in Wewelsfleth an Gedichten gearbeitet. Johann Reißer schreibt an seinem ersten Roman, dessen ursprünglicher Arbeitstitel „Landmaschinenmusik“ er während des Aufenthalts in Wewelsfleth in „Landmaschinenparadies“ umwandelte. „Mal sehen, wie der Titel noch wird“, meinte er lächelnd als er Auszüge aus seinem Manuskript vortrug, nachdem er sich bei den Gastgeberinnen und bei Desirée Tiedemann, Hausdame im Döblin-Haus, bedankt hatte. Sein Roman spielt in Ostbayern, seiner Heimat, handelt von den gesellschaftlichen Umbrüchen der vergangenen Jahre. Im Mittelpunkt steht Karl, der einen „Feuer-Traum“ hat, später seinen Jugendfreund Max wiedertrifft, der ihn zu überzeugen versucht, mit ihm „Paradiesdirektor“ zu werden und ein Wellnessparadies zu schaffen. Schon die „Ausflüge“ in die Gedankenwelt des Protagonisten – und das Zusammentreffen mit einem skurrilen Sammler bargen interessanten Lesestoff, auf den man durchaus gespannt sein dürfte. Durch musikalische Zwischenspiele gab der Autor seinem Publikum Zeit, das Gehörte zu verinnerlichen.

Sebastian Unger vollendete sein Gedichte-Manuskript während seines Aufenthalts im Döblin-Haus. An zwei in seinem Zimmer gespannten Leinen hatte er die einzelnen Gedichte aufgehängt – und lud seine Zuhörer bei der Vorlesung dazu ein, einzelne von ihnen inhaltlich zu entdecken. Was nicht ganz einfach war, weil, wie der Autor schon vorweg selbst feststellte, „das gesprochene Wort viel flüchtiger als das gelesene ist“. Sein Werk orientiert sich an der Lenz-Novelle von Büchner. Einigen Textpassagen dieser Novelle stellte er seine Gedichte gegenüber. Ein spannendes Projekt, das den Zuhörern höchste Konzentration abverlangte. Nach der Pause, dem Song „Herzen“, interpretiert von Johann Reißer und dessen amüsante wie nachdenklich stimmende Kurzgeschichte „Hahnentritt“ beeindruckte Sebastian Unger mit einem weiteren lyrischen Text zu einem allen im Raum bekannten Thema: Das erste „Nordgedicht“, das in Wewelsfleth entstand, befasste sich mit einer Fahrradtour der beiden Autoren nach Wilster und dem ständigen Wind. „Es war schrecklich, der Wind war so stark. Wir fuhren auf der Hintour gegen den Wind – und zurück auch.“ In einem waren sich beide Autoren einig: „Der Wind sind die heimlichen Berge hier im Norden.“ Es sei eine echte Grenzerfahrung gewesen.

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