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Norddeutsche Rundschau

11. Dezember 2017 | 07:17 Uhr

Brokdorf-Protest : Lieder, die die Szene bewegen

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Der gebürtige Glückstädter Gerd Schinkel singt auf der Demonstration in Brokdorf am 26. April Protestlieder

von
erstellt am 23.Apr.2015 | 17:00 Uhr

Als sich in den 70er-Jahren die aufgebrachten Demonstranten am Bauzaun des Atomkraftwerks in Brokdorf trafen, war Gerd Schinkel weit weg. Nach der Vorschulzeit am Kremper Rhin und seinem ersten Schuljahr in der Volksschule war er schon 1958 mit seiner Mutter ins Rheinland gezogen.

Und doch war der gebürtige Glückstädter seiner Heimat ganz nah. Hunderte Kilometer entfernt schrieb er sich in Bonn, wo er Jura studierte, seine Wut über die Geschehnisse in Brokdorf von der Seele. Es entstanden Protestlieder wie „Büttel der großen Konzerne“ oder auch der „Katastropheneinsatzplan“ aus dem Jahr 1976 – bis heute wohl sein bekanntestes Lied.

Gerd Schinkel trat auf Anti-AKW-Demonstrationen auf, einige seiner Lieder wurden auch auf LPs veröffentlicht. Doch hauptberuflich widmete er sich nicht der Musik, sondern seiner „zweiten Traumbeschäftigung“, wie er es nennt: Gerd Schinkel wurde Journalist. „Wenn ich meine Unabhängigkeit behalten will, brauche ich einen anderen Beruf als die Musik“, hatte er erkannt. Denn Gerd Schinkel wollte sich nicht den Marktmechanismen unterwerfen. Er sang neben seinen politischen Liedern zwar auch Liebeslieder. Aber die „Schlagerschiene“ war nicht sein Ding.

Er volontierte bei einer Tageszeitung in Schwaben und arbeitete später als Hörfunkredakteur erst in Süddeutschland, dann im Rheinland. Er war Bonn-Korrespondent und stieg zum Redaktionsleiter auf. „Ich habe im Journalismus immer das erreicht, was ich wollte“, sagt er rückblickend. Doch parallel machte er immer auch Musik. Jetzt, „den Verpflichtungen des Berufsalltags inzwischen entkommen“, widmet er sich wieder ganz der Musik und bringt sich damit auch wieder verstärkt in Protest- und Bürgerbewegungen ein.

Seine Lieder handeln nach wie vor vom „Dauerthema Atomwahnsinn“, er beschäftigt sich aber auch mit Themen wie der Liebe und dem Alter, Fremdenfeindlichkeit, Angriffen auf die Meinungsfreiheit oder den Schattenseiten der Globalisierung. Gerade zum dritten Mal Opa geworden, hat er aber auch Kinderlieder im Repertoire.

„Das, was mich früher bewegt hat, als Journalist einen Kommentar zu schreiben, besinge ich jetzt“, sagt er. Die Songs haben dabei einen ganz entscheidenden Vorteil: „Der Kommentar ist nach einer Veröffentlichung erledigt, die Lieder kann man immer wieder singen.“

Rund 30 Auftritte hatte Gerd Schinkel im vergangenen Jahr, es werden stetig mehr. Und einer davon führte ihn auch wieder in seine alte Heimat.

Genau wie er es in diesem Jahr tun wird, stand Gerd Schinkel nämlich auch 2014 schon auf der Bühne bei der Protest- und Kulturmeile in Brokdorf. Der Auftritt ist ihm noch gut in Erinnerung, denn er bescherte doppelte Gänsehaut: Nachdem er sein Lied „Katastropheneinsatzplan“ gesungen hatte, kam ein Mann auf ihn zu und sagte: „Das ist das beste Lied, das es in der Szene gibt.“ Das habe fast so viel Gänsehaut gemacht „wie zum ersten Mal seit 1959 wieder mit dem Zug nach Glückstadt zu fahren“. Es sei schon ein besonderes Gefühl, hier aufzutreten.

Auch wenn er keine Verwandte mehr in Glückstadt hat und sich längst als „assimilierter Rheinländer“ fühlt, der Spaß am Karneval hat, hat Gerd Schinkel seine Wurzeln doch nie vergessen. Es sei bis heute eine „norddeutsche Grundaffinität“ vorhanden.

„Ich habe auch immer gesagt: ‚Ich bin aus Glückstadt‘“, erzählt er. Und das nicht nur, weil der Name so schön ist: „Da wird einem das Glück schon in die Wiege gelegt.“ Nur einmal, da fiel es ihm schwer, an seine Heimat zu denken. Als er vor ein paar Jahren vom brutalen Alltag in den 1950er- bis 70er Jahren im Glückstädter Landesfürsorgeheim las, „da lief mir ein eiskalter Schauer über den Rücken“.

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