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Neues Buch : Liebevolle Erinnerung an die "Kumpeline

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Über die frühere Hausdame des Döblin-Hauses in Wewelsfleth gibt es ein neues Buch.

shz.de von
erstellt am 26.Dez.2016 | 16:11 Uhr

„Sie gehörte zum Dorf wie unsere Kirche“, sagt der ehemalige Bürgermeister von Wewelsfleth, Ingo Karstens, über Hannelore Keyn. Die war von 1995 bis 2010 offiziell die Hauswirtschafterin des Döblin-Hauses in Wewelsfleth, tatsächlich aber der gute Geist in diesem Haus, das Literaturnobelpreisträger Günter Grass zwischen 1970 und 1985 bewohnt hatte.

In ihren 15 Jahren als Hausdame begleitete sie unzählige Literatur-Stipendiaten, denen der Berliner Senat hier ein sorgloses Arbeiten fern der Metropole ermöglichte. Bald war Hannelore Keyn nicht nur wegen ihres unvergleichlichen Kuchens in Berliner literarischen Kreisen stadtbekannt. Nein, sie wurde selber zur literarischen Figur, mal in kleinen Geschichten versteckt, mal ganz offen in der „Süddeutschen Zeitung“, wo ihr der Autor Ralph Hammerthaler mit seiner regelmäßig erscheinenden Kolumne „Sagt Frau Keyn“ ein literarisches Denkmal setzte.

Bei diesem einen Denkmal ist es nicht geblieben. Inzwischen ist ein ganzes Buch über sie erschienen. Thilo Bock und Peter Wawerzinek, letzterer als Ingeborg-Bachmann-Preisträger in der ersten Liga der deutschen Literatur schreibend, zeichnen zusammen mit vielen Originalbeiträgen anderer Ex- Wewelsfleth-Literaten ein überaus liebevolles und lebendiges Bild dieser 2010 verstorbenen Frau, die sich angewöhnt hatte, die Stipendiaten liebevoll in „Stümpianten“ umzutaufen. Besagter Ralph Hammerthaler erinnert sich trotz ihres gelegentlichen Feldwebel-Tons doch voller Respekt an „Unsere Kumpeline“. Wie die Keyn unliebsame Gäste los wird, erzählt Hedi Schulitz in der Erzählung „Rizinus“.

Die meisten Erzählungen sind aber Begegnungen mit dem wiederauferstandenen Geist der Frau Keyn; für Bock und Wawerzinek lebt sie immer noch, denn ihre Lebensdaten kommen in diesem Buch nicht vor. Aber auch als Geist hat sie sich nicht verändert, meint Wawerzinek: „Die ständige Lulle zwischen ihren Lippen, wirkt sie wie Keith Richards Großmutter, faltig wie eine uralte Echse im Gesicht.“ Auch als Geist blickt sie, wie Thilo Bock erzählt, über den Horizont bis zur tiefsten Landstelle bei Wilster. Dorthin geisterradeln die beiden, nicht ohne Wilster noch vorher einen Besuch abgestattet zu haben. Wawerzinek lässt auch Grass wieder auferstehen. In seiner Erzählung „Besuch von oben“ tanzen Grass und Keyn über die knarrenden Dielen der alten Kirchspielvogtei. Als weiterer Autor verbeugt sich Eulenhof-Chef Gerd Gedig vor der „wahren Eminenz“ des Ex-Grass-Hauses. Kurz gesagt, das Buch wird dafür sorgen, dass Hannelore Keyn unvergessen bleibt, auch dann, wenn ihr Platz in der deutschen Literaturgeschichte noch so klitzeklein sein wird.

Die Wewelsfleth-Keyn-Geschichten sind mit vielen Schwarz-Weiß-Fotos von Susanne Bax illustriert, die einen liebevollen Einblick in die „Villa Grassimo“ erlauben. So wird das Döblin-Haus inoffiziell genannt, in Anspielung auf die berühmte Literaturwerkstatt der Bundesrepublik Deutschland in Rom. Nachfolgerin von Hannelore Keyn ist seit 2010 Désirée Tiedemann.

>Thilo Bock, Peter Wawerzinek: Das auffallend unauffällige Leben der Haushälterin Hannelore Keyn in der Villa Grassimo zu Wewelsfleth – Geistergeschichten. Akademie der Künste/Verbrecher Verlag. Berlin 2016, 20 Euro. Mit Schwarz-Weiß-Fotos von Susanne Bax. 152 Seiten.

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