Kultur : Lesung mit vollem Körpereinsatz

Wut und Zweifel, Sehnsucht und Begehren – all das vermittelte Joachim Krol bei seiner Lesung im Theater.
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Wut und Zweifel, Sehnsucht und Begehren – all das vermittelte Joachim Król bei seiner Lesung im Theater.

Der Schauspieler Joachim Król las am Dienstagabend im Theater – und wurde vom Publikum mit lang anhaltendem Applaus bedacht.

shz.de von
22. Januar 2015, 17:02 Uhr

Itzehoe | Lange bleibt das Ende der Welt für Hervé Joncour „unsichtbar“. Erst als das ferne japanische Dorf, aus dem er regelmäßig die Raupeneier für die Seidenproduktion nach Europa holt, in Kriegswirren zerstört wird, erkennt er bei dessen Anblick erschüttert, dass er das Ende der Welt nun doch erfahren hat. Nichts wird mehr so, wie er es in seinem Leben als Kaufmann, Reisender und Begehrender viele Jahre lang schätzte.

Joachim Krol liest die Geschichte im Theater und als Joncour rudert er wild mit den Armen, wenn er sich freut oder staunt. Er zeigt zum Horizont, wenn er neue Erfahrungen macht oder fällt gekrümmt in sich zusammen, als er das vernichtete Dorf wahrnimmt. Der bekannte Schauspieler vollzieht Alessandro Bariccos Roman Seide aus dem Jahr 1996 bei seiner Lesung sprachlich und körperlich so nach, dass das Publikum oft gebannt den Atem anhält.

Er verfolgt Joncour bei seiner Erkundung der fremden Kultur, die sich damals völlig von der Außenwelt abgeschottet hatte und für Reisende nicht zugänglich war. 1861, als das elektrische Licht noch Theorie war und Lincoln einen Krieg führte, dessen Ende er nicht mehr erlebte, bringt Joncour mit den japanischen Raupen für viele Jahre den Reichtum in sein Dorf zurück. Dieses lebt von den Stoffen, die sich anfühlen, „als halte man das Nichts in Händen“.

Wie die drei Jazzmusiker, die Krol am Klavier, mit dem Saxophon und der Gitarre kongenial umrahmen und musikalisch untermalen, sitzt der Schauspieler auf dunkler punktbeleuchteter Bühne auf einem hohen Stuhl: Dort jongliert und dirigiert er die Handlung, die er in den tiefen Theaterraum verklingen lässt – und das mit allen Gliedmaßen. Er transportiert damit die Eindrücke und Emotionen in den Laut, der für das Ganze steht.

Das Geschehen spitzt sich über zwei Stunden bis zum überraschenden Ende hin kontinuierlich zu: Die schöne Japanerin, die Joncour über Jahre erfüllungslos anbetet, bleibt ihm verwehrt, der Raupenexport bricht abrupt ab, und der Unternehmer muss sich auf neue Einnahmequellen für das Dorf besinnen. Lange hält ihn ein Brief aufrecht, den er zu Recht als Liebesbotschaft deutet, aber erst spät seiner verstorbenen Ehefrau und nicht der exotischen Fremden zuordnen kann. „Den Rest seiner Zeit verwendete er auf eine Reihe von Gewohnheiten, die ihn erfolgreich davor bewahrten, unglücklich zu sein.“

Krol zeigt, was eine ausgebildete Stimme beim Publikum vermag: Sie lässt das Geschehen im Kopf entstehen, unterstreicht seine Poesie, aber auch Dramatik mit Zartheit und Verve, mit Spott und Abenteuerlust, Wut und Zweifel. Sehnsucht und Begehren ziehen sich durch eine lange Phase von Joncours Leben, ihre Unstillbarkeit wird zum bestimmenden Prinzip, mit dem er sich arrangieren muss.

Krol und seine Musiker vermitteln Bariccos Minimalismus der Sprache, die Musikalität der kurzen Sätze und die Faszination des Unausgesprochenen. Das Itzehoer Publikum bedankte sich mit langem Applaus für diese faszinierende Darbietung.

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