Lesung im Döblin-Haus zugunsten 23 Flüchtlinge

Zum zweiten Mal in Wewelsfleth: die Autorin Kathrin Schmidt.
Foto:
Zum zweiten Mal in Wewelsfleth: die Autorin Kathrin Schmidt.

von
21. Juli 2015, 17:50 Uhr

Günter Grass hätte sich über die Idee einer Benefizlesung für Flüchtlinge sehr gefreut, sind sich die Moderatorinnen Carola Jansen und Antje Lenze-Brühs sicher. Deshalb haben sie die Anregung der aktuellen Stipendiaten „mit Freude aufgegriffen“ und neben den traditionellen Veranstaltungen im Frühjahr und Herbst nun eine Sommerlesung im Alfred-Döblin-Haus angeboten. Schließlich habe der jüngst verstorbene Autor und Stifter des Hauses 1992 sein SPD-Parteibuch zurückgegeben, als er mit einer Initiative des damaligen schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Björn Engholm zur Änderung des Asylrechts nicht einverstanden gewesen sei.

Aktuell sind in Wewelsfleth 23 Flüchtlinge untergebracht, erläuterte Carola Jansen. Sie verwies auf die vielfältigen Aktionen der Gemeinde, die vom geselligen gemeinsamen Zusammensein bis zu ehrenamtlichem Deutschunterricht reichen. An jedem 1. und 3. Mittwoch im Monat treffe man sich zum „Internationalen Café“ im Pastorat, wobei sich die Flüchtlinge Passendes aus Sachspenden aussuchen können.

Die Literatur stand somit im Zeichen dieser Willkommenskultur und nahm sich – in unterschiedlicher Unmittelbarkeit – stärker politischer Themen an. Tom Schulz (Jahrgang 1970) las aus seiner Erkundung des Berliner Umlandes auf Fontanes Spuren: „Wir sind jetzt hier: Neue Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ (2014). Auf Wewelsfleth und das benachbarte AKW Brokdorf gemünzt, wählte Schulz das Kapitel „Strahlend wird eure Zukunft sein“ zum stillgelegten Kernkraftwerk Rheinsberg aus. Dessen selbst beschwichtigender Tenor, dass immer alles „sicher“ gewesen und in 50 Jahren alles vergessen sei, klingt auch Steinburger Besuchern bekannt im Ohr. Dabei besticht der unterschwellige Humor bis hin zum subtilen Sarkasmus, wenn Schulz aus dem Gespräch mit einem KKW-Mitarbeiter, der mit dem Rückbau beschäftigt ist, vor allem dessen Verweise auf die Sauberkeit und Ordnung herausstellt.

Auch Melanie Arns (Jahrgang 1980) beschäftigte sich in ihrer Darbietung mit der Vergangenheit. Die gebürtige Kleverin hat mit „Heul doch“ 2004 einen erfolgreichen Erstling veröffentlicht und las nun aus ihrem noch titellosen neuen Roman. Er beschäftigt sich mit den Auswirkungen der Traumata und der Familiengeheimnisse, die aus der NS-Vergangenheit herrühren, auf die Enkelgeneration. Die 29-jährige Ich-Erzählerin, deren Mutter „die falschen Zeitschriften liest“, sucht rückblickend das Gespräch mit den Eltern, findet Antworten aber eher in der Beschäftigung mit der deutschen Geschichte und hadert mit ihrer eigenen Skepsis: „Was siehst du, was nicht andere schon gesehen haben?“

Nicht nur der direkte politische oder historische Bezug erinnerte bei dieser Lesung besonders an Günter Grass, auch das stilistische Vorgehen zeigt Parallelen. So wird Kathrin Schmidt (Jahrgang 1958), die aus Thüringen stammt, wie dem Altmeister auch eine „barocke Geschichtenfülle“ bescheinigt. Die Autorin arbeitete bereits 2008 schon einmal in Wewelsfleth und ist mit ihrer danach erschienen autobiografischen Genesungsgeschichte nach einem Schlaganfall „Du stirbst nicht“, wofür sie 2009 den Deutschen Buchpreis erhielt, einem größeren Publikum bekannt geworden.

Sie bezog sich mit ihrem Beitrag auf die österreichische Schriftstellerin Christine Lavant (1915-73). Zu deren 100. Geburtstag hat sie für den Sammelband „Drehe die Herzspindel weiter für mich“ ein Lavant-Gedicht „diszipliniert assoziativ“ erweitert, wie sie es selbst nennt, und mit ihren eigenen Kindheitserfahrungen verknüpft.

zur Startseite

Kommentare

Leserkommentare anzeigen